Serie "Alter, was geht?"

Facebook statt Fotoalbum? – Wozu wir Erinnerungen brauchen

Für viele Alte sind auch ihre Fotoalben ein großer Schatz. Die werden die Jungen von heute später nicht haben. Und sie sollten sich nicht darauf verlassen, dass alles bei Facebook gespeichert ist, sondern sich Geschichten notieren oder mal eine traditionelle Ansichtskarte schreiben.

Für viele Alte sind auch ihre Fotoalben ein großer Schatz. Die werden die Jungen von heute später nicht haben. Und sie sollten sich nicht darauf verlassen, dass alles bei Facebook gespeichert ist, sondern sich Geschichten notieren oder mal eine traditionelle Ansichtskarte schreiben.

Foto: Archiv/Getty Images

Hagen.   Die Welt ist digitalisiert. Bleibt da noch Platz für Altersweisheit und Fotoalben aus Papier? Eine Pionierin der Hospiz-Bewegung erzählt.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Angesichts der Alternative ist Altern zweifellos die beste Option. Vielleicht nicht nur für die Betroffenen. Vielleicht haben Menschen, die Erfahrungen gemacht haben und auch Fehler, Jüngeren Wertvolles mitzuteilen. Oder ist die beschleunigte Zeit über sie hinweggefegt? Gibt es noch Altersweisheit in der digitalen Welt? Doris Tropper zweifelt nicht daran. Die 1958 geborene Grazerin war eine Pionierin der österreichischen Hospizbewegung, hat als Sterbebegleiterin gearbeitet und auf Grundlage ihrer Erfahrungen ein Buch darüber geschrieben, was wir von den Sterbenden lernen können. Es ist gerade in einer neuen Auflage erschienen.

Ich vermute, der zentrale Ratschlag ist: Kümmere Dich weniger um Arbeit und Karriere und mehr um Freunde und Familie. Stimmt’s?

Doris Tropper: Menschen, die extrem arbeitsorientiert sind, tun sich schwer loszulassen. Wer materielle Werte hochhält, muss feststellen, dass sie am Ende nicht mehr tragen. Insofern ist das schon Thema. Aber die wichtigste Empfehlung für Jüngere ist, das Leben zu genießen, das Positive wahrzunehmen und nicht die Belastung. Ganz kurz gesagt: Leben - Lieben - Lachen.

Was heißt das konkret?

Tropper: „Ich wünschte, ich hätte den Alltagstrott öfter durchbrochen“, habe ich häufig gehört. Das muss nichts Großes sein: Gänseblümchen zählen auf der Wiese, den Wind auf der Haut spüren. Aber es kann auch heißen: Mut zu Veränderungen haben. Sich zu fragen, ob die Beziehung glücklich macht oder eher belastet, ob die Arbeit Spaß macht oder nur Geld einbringt.

Was habe ich denn später davon, wenn ich heute den Moment genieße?

Tropper: Wir tragen unsere Erinnerungen in uns und können sie später im Alter aktivieren. Das ist eine Kraftquelle, doch auch Erinnern muss man üben.

Wie meinen Sie das?

Tropper: Häufig fällt einem als Erstes ein, was man falsch gemacht hat. Aber wir müssen auch das Schöne und Gelungene kultivieren, die bewältigten Probleme speichern. Dazu hilft es, Tagebuch zu führen. Für viele Alte sind auch ihre Fotoalben ein großer Schatz. Die werden die Jungen von heute später nicht haben. Und sie sollten sich nicht darauf verlassen, dass alles bei Facebook gespeichert ist, sondern sich Geschichten notieren oder mal eine traditionelle Ansichtskarte schreiben.

Und was ist mit den Versäumnissen? Besser vergessen?

Tropper: Wenn man jemandem Unrecht getan hat oder Unrecht erfahren hat, ist es im Alter schwer, sich zu versöhnen, weil die anderen vielleicht nicht mehr leben. Da bleibt manchmal nichts übrig, als sich mit sich selbst zu versöhnen.

Also sollte man besser früher daran denken?

Tropper: Ich erinnere mich an eine Frau, deren Sohn tödlich verunglückt ist. Direkt davor hatten sie einen Streit. Den konnte sie nicht mehr rückgängig machen. Aber danach hat sie sich von ihrem Mann, ihrer Tochter, ihren Enkelkindern jedes Mal ganz bewusst verabschiedet, als ob sie nicht mehr wiederkäme, also ohne unausgesprochenen Groll.

Wir sollten generell mehr reden?

Tropper: Viele Menschen scheuen sich, ihre Liebe und Zuneigung auszusprechen und zu zeigen. Aber es lohnt sich, über seinen Schatten zu springen. Wir müssen Beziehungen pflegen, und auch wirklich Zeit dafür nehmen. Irgendwann könnte es zu spät sein.

Irgendwann ist alles zu spät -
oder?

Tropper: Es ist hilfreich, das zu wissen. Wenn jeder Tag so gelebt wird, dass man sterben könnte, ohne große Schwierigkeiten zu hinterlassen.

Memento mori – bedenke, dass Du sterben musst?

Tropper: Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit sind nur durch eine dünne Linie getrennt. Das andere ist immer da, und von einem Moment auf den anderen kann sich alles ändern. In dem Bewusstsein können wir das mehr genießen, was wir haben und dankbar dafür sein. Ist Ihnen schon aufgefallen, wie oft sich alte Leute bedanken?

Nein. Wieso?

Tropper: Es zeigt auch eine Demut, die häufig mit dem Alter kommt.

Auch Gelassenheit?

Tropper: Die Alten müssen nicht mehr um jeden Preis recht haben, etwas durchsetzen und erreichen; sie können nachgeben und Kompromisse eingehen. Das ist eine große Ressource im Alter.

Und was war mit dem Lachen?

Tropper: Wer sein Tun und Handeln hin und wieder von der humorvollen Seite aus betrachtet, läuft nicht Gefahr, überzogene Anforderungen an sich zu richten. Es ist wichtig, Geduld mit sich zu haben.

Wie haben Sie denn die Konfrontation mit Tod und Sterben bewältigt?

Tropper: Ich war da sehr stabil. In meiner Kindheit war der Tod kein Tabu. Ich habe erlebt, wie mein Großonkel und meine Großtante zu Hause aufgebahrt wurden. Deshalb hatte ich keine Berührungsängste.

Was haben Sie selbst gelernt?

Tropper: Ich versuche, jeden Tag bewusst zu beginnen und ihn am Abend versöhnt zu beenden, ohne Stress, Ärger und böse Worte. Das gelingt nicht immer, aber immer öfter.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben