Serie „Alter, was geht?“

Ehrenamt im Alter: „Es war wie ein Aufwachen“

Brigitte Witte aus Arnsberg hat nach dem Tod ihres Mannes und mit Eintritt ins Rentenalter ehrenamtlich den Bürgertreff in Arnsberg-Holzen ins Leben gerufen. Auch engagiert sie sich für Mädchen im Libanon und sammelt Stifte, eine Aktion, die in dem Land Schulplätze finanziert.

Brigitte Witte aus Arnsberg hat nach dem Tod ihres Mannes und mit Eintritt ins Rentenalter ehrenamtlich den Bürgertreff in Arnsberg-Holzen ins Leben gerufen. Auch engagiert sie sich für Mädchen im Libanon und sammelt Stifte, eine Aktion, die in dem Land Schulplätze finanziert.

Foto: MATTHIAS GRABEN

Hagen/Arnsberg.   Zwei Seniorinnen haben im Alter das Ehrenamt für sich entdeckt – und ziehen heute daraus neue Lebenskraft. Beispiele aus Arnsberg und Hagen.

Es gilt als ein Wundermittel. Studien zeigen: Ein Ehrenamt im Alter soll Gesundheit und Wohlbefinden erhöhen, den Verstand wach halten, womöglich sogar die Lebenserwartung steigern. Zwei Beispiele aus Südwestfalen können das bestätigen.

Mit 66 Jahren fing das Leben nicht an. Als sie 66 Jahre alt war, starb ihr Mann. „Unerwartet“, sagt Brigitte Witte, nach einer kurzen, schweren Krankheit. Die Beziehung war eng: „Wir waren das ideale Ehepaar“, ist sie überzeugt. Beim Erzählen kommen die Tränen: Er fehlt noch immer – auch wenn sie nun ein ganz neues Leben führt.

Tod des Ehemanns war wie ein Schock

„Es war ein Schock“, erzählt sie von den Wochen und Monaten nach dem Tod. Da sei sie ein ganz anderer Mensch gewesen, bestätigten ihr Freunde heute, in sich gekehrt, still – und man kann die Schwere dieser Zeit noch spüren, wenn sie davon spricht.

Nach ein paar Monaten kam der Brief. Post von der Stadt Arnsberg, Geschäftsstelle Engagementförderung. Darin das Angebot einer Fortbildung zur Seniortrainerin, wie es die Stadt ihren Bürgern im Ruhestand macht, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Brigitte Witte hat sich zum Info-Abend angemeldet.

Sie hat die Fortbildung begonnen. Sie besuchte auch die monatlichen Treffen der Seniorentrainer, bei denen die Ideen für ein Ehrenamt besprochen wurden. Eines Tages, als sie sich auf den Weg dorthin machte, da fiel ihr selbst auf, dass sie sich ganz anders anzog als sonst. „Flippiger“, sagt die Frau, heute im geblümten Pullover, mit rot lackierten Fingernägeln und einem fransigen Kurzhaarschnitt. „Es war wie ein Aufwachen.“

Bürgertreff in Holzen gegründet

Im Sommer 2011, etwa ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes, eröffnete sie in Holzen den Bürgertreff 50+ für ältere Menschen im Ort. Für 20 Leute hatte sie alles in der Schützenhalle vorbereitet. „Es kamen 70“, sagt sie und schlägt bei dem Gedanken daran noch einmal die Hände vors Gesicht. Sie schleppte mit ihren Helfern Stühle herbei. Sie deckte die Fensterbänke ein, weil die Tische nicht reichten. Sie schenkte Kaffee in Gläsern aus, da es nicht genug Tassen gab.

Mittlerweile sind es an jedem ersten Mittwoch im Monat etwa 30 Gäste, die zum Bürgertreff kommen. Mal gibt es Waffeln, mal Pizza und immer Schnittchen. Mal ist die Polizei zu Gast, um vor Trickbetrügern zu warnen, mal kommen die Mitarbeiter der Verbraucherzentrale, um Energiespartipps zu geben. „Wir lassen uns immer etwas einfallen“, sagt Brigitte Witte und berichtet von einem Zauberer, von Ausflügen mit dem Bus, zeigt auf dem Mobiltelefon Videos von der Karnevalsparty und legt das Gesangbuch vor, das der Bürgertreff herausgegeben hat.

Sie, die früher angeblich so wenig sagte, kann nun gar nicht aufhören, von ihrer Arbeit zu erzählen. Was sie nach dem Tod ihres Mannes so beflügelt hat? „Die Dankbarkeit der Leute, die mir sagen, dass es für die Alten in Holzen ja sonst nichts gibt.“

Unlustig und langweilig

Nachdem sie in den Ruhestand gegangen war, „musste ich erst einmal durchschnaufen“, erzählt Brigitta Willer. „Aber es fehlte mir gewaltig etwas“, blickt sie zurück. Bis dahin war der Alltag ausgefüllt. Brigitta Willer war Grundschullehrerin und später in der Erwachsenenbildung für die Arbeitsagentur tätig. Zwei Kinder hat sie großgezogen. Nun war da „ein Loch“.

Doch dann las sie in der WESTFALENPOST davon, dass in Hagen eine Freiwilligenzentrale eingerichtet werden sollte. „Da wird wohl auch für mich etwas dabei sein“, dachte sie sich, ging zum ersten Informationsabend – und wurde gleich für die Arbeit in der Zentrale engagiert. Nach einigen Jahren in der Beratung verlagerte sich ihr Aufgabenbereich in die Öffentlichkeitsarbeit. Sie schreibt Pressemitteilungen für die Zeitung, produziert mit einem Team Radiosendungen, betreut Infostände. Sie besucht Organisationen und Einrichtungen, Feuerwehren und Wohlfahrtsverbände zum Beispiel, um zu erfahren, wie dort gearbeitet wird, für welche Aufgaben Ehrenamtler gebraucht werden.

Neue Kompetenzen angeeignet

Sie ist neugierig auf jede dieser Recherchen, freut sich, etwas Neues zu lernen, auch 20 Jahre, nachdem sie bei der Freiwilligenzentrale angefangen hat. Durch Schulungen und Fortbildungen hat sie sich neue Kompetenzen angeeignet, dazu gehört auch „auf fremde Menschen offen zuzugehen“. 77 Jahre ist sie nun alt. Als sie in den Ruhestand trat, war ihre Gesundheit angegriffen. Heute merkt man ihr nichts mehr davon an. Zehn bis zwölf Stunden arbeitet sie jede Woche für dieses und weitere Ehrenämter.

„Das Leben ist vielfältiger und bunter geworden, und ich kann“, hofft sie, „den Gedanken des ehrenamtlichen Engagements verbreiten und damit ein kleines bisschen in der Gesellschaft verändern.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben