Forschung

„Im Alter wird nicht alles schlechter“

Älteres Paar - dass es im Alter bergab geht, ist eine einseitige Betrachtungsweise.

Älteres Paar - dass es im Alter bergab geht, ist eine einseitige Betrachtungsweise.

Witten/Herdecke.  Ältere Menschen haben einen breiteren Aufmerksamkeitsfokus. Das ist nützlich beim kreativen Denken, hat Psychologieprofessor Röer festgestellt.

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Es geht abwärts. Diese Erfahrung machen ältere Menschen häufig, und das unterstellt man gerne auch ihren Fähigkeiten. Aber das ist eine zu einseitige Betrachtungsweise, meint Jan Philipp Röer (33), der seit September 2017 Juniorprofessor für Allgemeine Psychologie an der Universität Witten/Herdecke ist.

Sie können den Alten Hoffnung machen?

Jan Philipp Röer: Lange Zeit ging man davon aus, dass im Alter alles schlechter wird. Das liegt auch daran, dass es in vielen Untersuchungen darum geht, wie effektiv man sich auf eine bestimmte Aufgabe fokussieren kann. Diese Fähigkeit scheint in der Tat mit dem Alter abzunehmen.

Aber?

Das ist nur die eine Seite der Medaille. Ältere Personen sind dadurch gleichzeitig empfänglicher für Reize in ihrer Umgebung. Von Aufgaben zum kreativen Denken und Problemlösen zum Beispiel ist bekannt, dass ein breiter Aufmerksamkeitsfokus sich förderlich auf die Leistung auswirkt.

Das müssen Sie erklären.

Sie können sich die Aufmerksamkeit wie eine Taschenlampe vorstellen. Je nach Einstellung beleuchtet sie einen kleinen Punkt sehr hell oder einen größeren Bereich nicht ganz so hell. Bei älteren Menschen funktioniert die ganz enge Einstellung nicht mehr so gut und es herrscht eine großräumige Einstellung vor. Das hat auch positive Effekte.

Wobei?

Wenn Sie beispielsweise Anagramme suchen, also etwa aus den Buchstaben des Wortes Lampe neue Worte bilden wollen, können Sie systematisch die Buchstaben neu kombinieren. Das funktioniert zwar ganz gut, dauert aber ziemlich lange. Wenn Sie das Wort erst einmal auf sich wirken lassen, kommen Sie oft schneller zur gesuchten Lösung: Zum Beispiel Ampel oder Palme. Das ist die effektivere Strategie, und sie fällt Älteren leichter.

Und so etwas testen Sie?

Es geht um kreatives Problemlösen. Zum Beispiel: Suchen Sie das vierte Wort, das mit den drei vorgegebenen assoziiert ist: Wand, Armband, Zeit.

Uhr.

Das war leicht. Bei Segel, Tod und Führer dauert es schon etwas länger, bis man auf Schein kommt. Aber natürlich gibt es auch schwierigere Aufgaben.

Mit Vorteilen für Ältere?

Das ist ein ähnlicher Effekt, wie wenn ich nicht auf einen Namen komme, der mir auf der Zunge liegt. Konzentriertes Nachdenken bringt dann meist nichts. Wenn ich die Gedanken schweifen lasse, klappt es eher.

Fühlen sich Ältere durch ihre breitere Aufmerksamkeit auch leichter gestört, zum Beispiel in einem Großraumbüro?

Subjektiv haben sie den Eindruck. Aber Experimente zeigen, dass sie durch Geräusche nicht stärker abgelenkt werden als Jüngere. Es hängt altersunabhängig immer von der Aufgabe und der Störung ab: Wer am Bildschirm mit Grafiken zu tun hat, lässt sich durch akustische Signale kaum irritieren.

Und was ist mit dem Tempo der Alten?

Man muss unterscheiden zwischen einmaliger Konzentration und lang anhaltender Aufmerksamkeit. Das kurzzeitige Reaktionsvermögen funktioniert im Alter noch gut, aber die Fähigkeit zur Dauerkonzentration nimmt ab.

Dabei unterstellt man doch gerade jungen Menschen eine immer kürzere Aufmerksamkeitsspanne...

Jüngere Leute sind möglicherweise etwas anspruchsvoller, was das Bedürfnis nach neuen Reizen angeht und fühlen sich schneller gelangweilt. Ältere können auch mal, wenn sie gerade nicht so gefesselt sind, die Gedanken schweifen lassen. Sie sind in vielen Dingen gelassener.

Für welche Arbeiten sind ältere Menschen dadurch geeigneter?

In den meisten Berufen ist spezifische Erfahrung sehr viel wichtiger als die Fähigkeit zur Dauerkonzentration. Im Krankenhaus wünschen wir uns deshalb eine Chefarztbehandlung, weil wir von dieser Erfahrung profitieren wollen.

Sie wehren sich dagegen, die Alten zu früh abzuschreiben?

Ich will nicht behaupten, dass ältere Menschen jüngeren überlegen wären. Aber eine breitere Aufmerksamkeit, größere Erfahrung und, hormonell bedingt, weniger Aggressivität und mehr Fürsorglichkeit sind für viele Arbeitsbereiche eine gute Kombination.

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