Rente

Babyboomer-Generation: Kaum einer will bis 65 arbeiten

Ein Baby aus der Zeit, als die Geburten boomten: 1964, im Wirtschaftswunder vor dem Pillen-Knick. Jetzt denken die Babyboomer über den Ruhestand nach. Foto:dpa

Ein Baby aus der Zeit, als die Geburten boomten: 1964, im Wirtschaftswunder vor dem Pillen-Knick. Jetzt denken die Babyboomer über den Ruhestand nach. Foto:dpa

Wuppertal.   Wann und warum die Babyboomer in den Ruhestand gehen: Die Uni Wuppertal fragt bereits zum dritten Mal nach. Gründe sind individuell und komplex.

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Die Finanzierung der Renten bei steigender Lebensdauer ist das eine, die sinkende Zahl von Nachrückern auf dem Arbeitsmarkt das andere: zwei Gründe, die für ein längeres Verbleiben Älterer im Berufsleben sprechen. Aber wollen sie das auch? Was sind die Gründe für ein frühes Ausscheiden oder einen späten Renteneintritt? Das untersucht die Uni Wuppertal in einer groß angelegten Studie in der Altersgruppe, auf die es gerade ankommt: Die Babyboomer, die geburtenstarken Jahrgänge aus den späten 50er und frühen 60er Jahren, nähern sich dem Ruhestand.

2011 wurden erstmals 6885 zufällig und repräsentativ ausgewählte Berufstätige aus den Geburtsjahren 1959 und 1965 befragt, 2014 die Mehrheit von ihnen erneut, derzeit wieder, und für 2021 sind die letzten Interviews geplant. Prof. Hans Martin Hasselhorn vom Lehrstuhl für Arbeitswissenschaft leitet das Projekt, das von der Politik, der Rentenversicherung, den Krankenkassen und der Unfallversicherung finanziert wird.

Und was lässt sich bisher sagen? „Nur die wenigsten Befragten, die jetzt 51 oder 57 Jahre alt sind, wollen wirklich bis 65 arbeiten.“ Im Durchschnitt 14 Prozent. Bei Wissenschaftlern, Ärzten, Juristen oder Gymnasiallehrern sind es mehr, in Menschen in einfachen, unqualifizierten Jobs deutlich weniger. Das heißt: Bildung spielt eine Rolle. Das ist wichtig als Weichenstellung für folgende Generationen.

Der Ausstieg ist ein Prozess

Bei den Babyboomern dagegen ist vieles schon entschieden. Und zwar was? „Wir können keine Prognose für das Renteneintrittsalter geben“, erklärt der Arbeitsmediziner. „Je näher der Zeitpunkt rückt, desto länger bleiben viele doch im Beruf. Aber wir können die Gründe benennen und wirksame Maßnahmen empfehlen.“

Die Gründe dürften die Gesundheit und die Finanzen sein, oder? Beides spielt laut Hasselhorn eine Rolle. Aber: „Die Gründe sind komplex und individuell. Der Ausstieg ist ein Prozess und er ist eingebunden in Rahmenbedingungen.“ Also Rentenregelungen. Die sind wichtig für den „enormen Beschäftigungssprung“ bei Älteren, den Deutschland in den vergangenen 15 Jahren gemacht hat. Aber dazu spielen viele andere Faktoren eine Rolle: Wie viel älter oder jünger ist mein Partner? Was denkt mein Umfeld? „Wenn andere früher rausgehen, ist die Chance, selbst früher aufzuhören, doppelt so hoch“, weiß Hasselhorn.

Und die Gesundheit? Nur ein Faktor unter anderen: Drei Millionen Menschen arbeiten in Deutschland trotz schlechter Gesundheit, und drei Millionen arbeiten trotz guter oder sehr guter Gesundheit nicht. Die Motivation zählt. Die kann finanzieller Art sein. Wenn Altersteilzeit wegfällt und die „Rente mit 67“ gilt, werden auch Menschen mit schlechter Gesundheit und geringer Arbeitsbegeisterung im Erwerbsleben bleiben – „eine Herausforderung für Betriebe“, meint Hasselhorn.

Was hilft? „Wir brauchen Dich.“

Was aber können die Betriebe tun, um die Älteren zu halten, die sie halten wollen? Der Arbeitswissenschaftler verweist auf eine US-Studie, die Angestellte nach dem Ausstieg befragt hat, unter welchen Bedingungen sie geblieben wären: Wenn der Chef gesagt hätte: „Wir brauchen Dich.“ Und das zwei Jahre vorher. Die Lehre daraus: „Betriebe müssen sich langfristig und kontinuierlich kümmern und auf jeden Einzelnen eingehen.“ Aber wollen die Unternehmen die Älteren wirklich binden? „Bislang ist die prognostizierte Not noch nicht eingetreten“, meint Hasselhorn. Sein Eindruck aus Gesprächen mit Unternehmen: „Ein Drittel, meist kleine Betriebe, wollen die Leute halten, die sie schon lange kennen. Ein Drittel will einzelne ausgewählte Mitarbeiter halten, und ein Drittel hat kein Interesse. Aber das dürfte sich ändern.“

Keine eindeutige Erklärung haben die Arbeitswissenschaftler dafür, dass Frauen deutlich früher aus dem Erwerbsleben ausscheiden wollen als Männer. Hasselhorn vermutet das Gesellschaftsbild der 1960er Jahre als Ursache, ist sich aber sicher: „Das wird bei der jüngeren Generation anders sein.“

Und welche Rolle spielt die Arbeit selbst? Belastende körperliche Arbeit führt häufig zu vorzeitigem Ausstieg, „herausfordernde Arbeit“ dagegen kann sogar längere Erwerbsteilnahme nach sich ziehen. Wichtig sind Entscheidungsmöglichkeiten und Entwicklungschancen, die Menge der Arbeit ist dabei nachrangig. Und die Flexibilisierung der Arbeitszeiten? „Ist eine enorme Chance für Ältere“, sagt der Wissenschaftler, „aber nur, wenn sie selbst bestimmen können, wann sie arbeiten.“

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