Serie: Alter, was geht?

Leben im Alter – lieber in der Stadt als auf dem Land?

Antonius Bender und Ehefrau Marlies sowie Josef Schmidt (links) fühlen sich wohl in Drolshagen-Iseringhausen – auch ohne Supermarkt, Kino und Kneipe. 

Antonius Bender und Ehefrau Marlies sowie Josef Schmidt (links) fühlen sich wohl in Drolshagen-Iseringhausen – auch ohne Supermarkt, Kino und Kneipe. 

Foto: Ralf Rottmann

Hagen.   Im Grünen oder fußläufig zu Geschäften und Ärzten? Wo lebt es sich im Alter besser? Senioren aus Iseringhausen und Hagen stellen sich Vergleich.

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Endlich in Rente. Den Frieden und die Idylle genießen irgendwo draußen auf dem Land im Grünen, weil man ohnehin nicht mehr oft ausgeht? Oder doch lieber ein Alterssitz mitten in der Stadt nahe bei Ärzten und Geschäften?

Vielerorts zieht es Senioren in die Innenstädte mit kurzen Wegen zu Läden und Medizinern – über diesen Trend ist in vergangenen Jahren vielfach berichtet worden. 80 Prozent der Generation 50+, die über einen Umzug im Alter nachdenken, möchten in der Großstadt leben, so zum Beispiel das Ergebnis einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft aus dem Jahr 2015. Wo aber lebt es sich tatsächlich besser?

Die Infrastruktur

Iseringhausen, Stadt Drolshagen. 720 Menschen wohnen hier, wenn man die Ortschaften Husten, Halbhusten, Heiderhof und Eltge dazuzählt. Eine Kirche, ein Kindergarten, ein Pflegeheim. Keine Sparkasse, kein Arzt, kein Supermarkt. Der Bäckerwagen fährt durch den Ort, der Apotheker bringt Medikamente bei Bedarf. „Früher hatten wir drei Lebensmittelgeschäfte“, sagt Marlies Bender, 77 Jahre alt. Heute müssen sie und ihr Mann Antonius fahren: zum Haus- und Zahnarzt nach Drolshagen. Nach Olpe und Siegen, wenn sie einen Facharzt brauchen. Etwa sieben Kilometer sind es jeweils bis Drolshagen und Olpe, rund 30 bis nach Siegen. Fahrzeiten bis in die Städte zwischen zehn und 30 Minuten. Mit dem Auto, versteht sich. „Die Busverbindungen sind eher schlecht“, sagt Antonius Bender.

Rudolf und Christa Rosenberg gehen zu Fuß. Zum Markt, zum Haus- und Zahnarzt, zur Sparkasse und zum Supermarkt. Die beiden 87-jährigen Hagener leben seit sechs Jahren in einer Wohnanlage der Deutschen-Roten-Kreuzes. So nah sind die wichtigsten Geschäfte, dass auch ihre Nachbarin, die 73-jährige Monika Becker, zu Fuß mit dem Rollator dorthin kommt.

Die Volmestadt zählt etwa 188 000 Einwohner. Vom Stadtteil Emst aus, wo Monika Becker und die Rosenbergs leben, sind es drei Kilometer in die Fußgängerzone der Innenstadt mit zwei großen Einkaufsgalerien und vielen Fachärzten. Fahrzeit mit dem Wagen: sieben Minuten. Zehn Minuten sind es bis zum Allgemeinen Krankenhaus. Zwei Buslinien können die Rosenbergs regelmäßig in die Stadt nutzen, wenn sie im Herbst das eigene Auto verkaufen.

Die Familie

Es würde auch ohne Bus gehen. Die beiden Söhne wohnen in der Stadt, die Tochter nicht weit entfernt in Schwerte. Alle haben angeboten, sie zu chauffieren. Aber sie wollen ihre Kinder möglichst wenig „belasten“ sagen sie. Deshalb sind die Rosenbergs auch in eine Rot-Kreuz-Wohnung in Hagen gezogen – mit Hausnotruf für den Notfall und weiteren Hilfeangeboten. „Auch wenn man allein ist, fühlt man sich hier gut aufgehoben“, sagt Monika Becker.

Die Benders in Iseringhausen haben einen der Söhne noch im Haus, ein Kind lebt im benachbarten Berlinghausen, zwei Kinder in Olpe. „Das ist gut“, sagt Antonius Bender und betont es noch einmal: „Sehr gut.“ Auf ihre Kinder können die beiden zählen, wenn sie einmal selbst nicht mehr fahren können, da sind sie sich sicher. „Aber was ist, wenn man öfter zum Arzt muss“, überlegt Josef Schmidt (84). Der Witwer ist ein Nachbar der Benders. Er wohnt in Iseringhausen direkt neben seinem Sohn. „Die Kinder können sich nicht immer frei machen.“ Noch fährt er selbst Auto – und nimmt alle vier Wochen seine Schwester mit zum Großeinkauf in Drolshagen. Auf dem Dorf hilft einer dem anderen.

Die Wohnung

Eine kleine Wohnung im Obergeschoss mitten in der Stadt? Für Antonius Bender unvorstellbar. Der Landwirt lebt in Iseringhausen im Eigenheim. Er braucht den Platz um sich herum, arbeitet noch immer auf dem Hof, seine Frau kümmert sich um den großen Haushalt. 600 Quadratmeter Rasen hat Josef Schmidt im Garten zu mähen, erzählt der 84-Jährige fröhlich. Die Arbeit halte sie fit, sagen sie.

Die Wohnung, in der sie 20 Jahre lang lebten, wurde den Rosenbergs zu groß. Vor allem, weil die Arbeit im Garten des Vermieters, dem Rudolf Rosenberg half, aus gesundheitlichen Gründen zu viel war. Nun leben sie in einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küchenzeile, 70 Quadratmeter groß. Für die beiden Städter genug, sagen sie.

Die Freizeit

„Eine Kneipe wäre schön“, sagt Josef Schmidt. Das ist vielleicht das einzige, was ihm zur vollsten Zufriedenheit in Iseringhausen fehlt. Geselligkeit gibt es genug, zur Not beim „Garbi“, also bei einem Garagenbier. Josef Schmidt ist Mitglied in der Schützenbruderschaft – so wie 98 Prozent der Männer im Ort. Er singt im Männerchor. In Iseringhausen ist man stolz auf die Vereine: Freiwillige Feuerwehr, Frauengemeinschaft, Frauenchor, Theaterverein, Sportverein und der Dorfgemeinschaftsverein, der sich um die Verschönerung des Ortes kümmert. Man kennt sich, man grüßt sich auf der Straße.

Theater und Sinfoniekonzerte – Monika Becker ist in Hagen Stammgast. Sie hat ein Abo. Ein Mal pro Woche spielt sie mit Nachbarn Canasta. Jeden Montag geht Christa Rosenberg zum Schwimmen zusammen mit einer anderen Nachbarin. „Wir haben alle ein Superverhältnis“ sagt Monika Becker. „Wenn man sich trifft, im Flur oder im Aufzug, dann drückt man sich auch einmal. Das ist wichtig.“

Zufriedenheit

Wenn Bevölkerungsforscher die Lebensqualität studieren, dann lassen sie oft die Befragten ihre eigene Zufriedenheit auf einer Skala von 1 bis 11 einstufen. Die Antwort der Senioren in Stadt und Land auf diese Frage fällt klar aus: „Eine Elf“, sagen die drei Städter spontan. „Zehn bis Elf“, sagen auch die drei Senioren auf dem Land, die Differenz ist also minimal. Und ganz egal, wie weit es zum nächsten Supermarkt oder Theater ist – die Zufriedenheit könnte nur durch eines geschmälert werden, da sind sich alle einig: „Wenn man nicht mehr selbstständig hier leben könnte“, bringt es Monika Becker auf den Punkt. Wenn sie also wegziehen müssten.

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