Serie: Alter, was geht

Test im Simulationsanzug: So fühlt es sich an, alt zu sein

Wie fühlt es sich an, alt zu sein - ein Selbsttest

Für die WP-Serie "Alter, was geht" hat Redakteur Rolf Hansmann einen Alterssimulationsanzug getestet. In der Innenstadt von Wetter hat er gelernt, wie sich alltägliche Situationen ändern, wenn man in seiner Mobilität eingeschränkt ist.

Für die WP-Serie "Alter, was geht" hat Redakteur Rolf Hansmann einen Alterssimulationsanzug getestet. In der Innenstadt von Wetter hat er gelernt, wie sich alltägliche Situationen ändern, wenn man in seiner Mobilität eingeschränkt ist.

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Wetter.   Eine Annäherung an die Wirklichkeit im Alterssimulationsanzug: Wie wichtig es ist, Kommunen altersgerecht zu gestalten.

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„Alt werden ist nichts für Feiglinge“, wusste einst Hollywood-Diva Mae West zu berichten. Sie brachte es auf erfüllte 87 Lebensjahre. Benötigt man tatsächlich viel Mut als Senior? Ich will es wissen und suche Antworten beim Test mit dem Alterssimulationsanzug. Ein 53-Jähriger als womöglich 83-Jähriger - ein im wahrsten Sinne des Wortes Erfahrungsbericht.

Schnellen Schrittes geht es in das Untergeschoss des Forschungsinstituts Technologie und Behinderung (FTB) in Volmarstein. Michael Hubert und Rainer Zott von der „Agentur Barrierefrei NRW“ erwarten mich. Und GERT, der gerontologische Testanzug. Seine Einzelteile befinden sich in einem Koffer. Für mich ist es ein Zauberkoffer - welche Überraschungen erwarten mich?

Weste, Gewichte, Brille und Handschuhe sollen das Alter simulieren

„Ist es nicht zu fest?“, fragt Michael Hubert, als er mir die 20-Kilo-Weste, Gewichtsmanschetten an den Fuß- und Handgelenken sowie verstärkte Bandagen an Knien und Ellenbogen festschnallt. Danach sind Halskrause, Skibrille, Kopfhörer sowie fingerlose Handschuhe und Latexhandschuhe an der Reihe. „Durch ,GERT’ erhält man einen Eindruck, wie sich Bewegungsabläufe im Alter anfühlen“, sagt Hubert, „wie sich z.B. schnellere Ermüdung, höhere Gewichtsbelastung, verringerte Leistungsfähigkeit oder eingeschränkte Gelenkbeweglichkeit auswirken.“

Der Test beginnt. Fast wie eine Art Robo-Cop wage ich die ersten Schritte. Achte ich nicht genau darauf, meine Füße zu heben, schlurfe ich über den Boden. Die Schritte sind kürzer als sonst. Es fühlt sich an, als trüge ich Skischuhe.

Rollator gibt Gefühl der Sicherheit

Der Einstieg in den FTB-Bulli wird zur Herausforderung. Ich sitze, muss mich aber anstrengen, die Beine in die richtige Position zu bekommen. „Sie sind bestimmt froh, wenn Sie hinterher den Anzug wieder ablegen können, sagt Rainer Zott und lächelt. Er wird mich beim Gang durch Wetter begleiten.

Auf dem Weg vom Parkplatz zum Bahnhofsvorplatz bekomme ich einen Eindruck, welche Last ich auf meinen Schultern trage. Ich bin froh, dass ich mich am Rollator abstützen kann. Er gibt mir ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit. Durch die Skibrille nehme ich meine Umwelt getrübt wahr, der Kopfhörer lässt nur dumpfe Töne zu, um Rainer Zott zu verstehen, muss ich mich sehr konzentrieren.

Vor der ersten Treppenstufe zur Bahnhofsunterführung sind Aufmerksamkeitsfelder und „taktile Leitstreifen“ angebracht, die sehbehinderten Menschen durch eine Art Noppen und farbige Markierungen auf Fallstricke im öffentlichen Raum hinweisen. Die Stadt Wetter hat sich einen Namen als altersgerechte Kommune gemacht.

Bei altersgerechten Kommunen gibt es Luft nach oben

Für Michael Hubert vom FTB könnten Mitarbeiter städtischer Planungsbehörden vom Tragen eines Testanzuges profitieren. In Hinblick auf altersgerechte Kommunen gebe es noch Luft nach oben. „Aber es hat sich schon viel entwickelt.“ Akustische und visuelle Anzeigen der Bus- und Bahnhaltestellen seien fast so selbstverständlich wie Bahnhofs-Aufzüge.

Auch in Bürgerbüros und Verwaltungen erkennt Hubert Fortschritte, aber auch hier gebe es Verbesserungspotenzial: „Ich denke an Zugänglichkeit, Orientierung im Gebäude und die einfache Gestaltung von Formularen.“

Für mich geht es auf der Treppe in Richtung Sparkasse weiter. Es ist beschwerlich nach oben, gut, dass ich mich am Handlauf hochhangeln kann. Ich drehe mich um und versuche den „Abstieg“, zunächst ohne Griff ans Geländer. Ich habe das Gefühl, aus dem Gleichgewicht zu geraten, bin froh, sturzfrei zu bleiben.

Alles im Zeitlupentempo

Im Ruhrtal Center herrscht reges Treiben. Die Menschen, die an mir vorbeilaufen, nehme ich nur im tranceähnlichen Zustand wahr. Zu sehr muss ich darauf achten, den Fuß vor den nächsten zu bekommen. Die Kleingeldsuche im Portemonnaie geht im Zeitlupentempo vonstatten. Die Handschuhe simulieren, wie sehr Tastsinn und Greiffunktion eingeschränkt sind.

Je länger ich mit dem Rollator gehe, desto schwerer werden meine Beine, desto müder werde ich. Bewegungen, die normalerweise problemlos sind - wie das Bücken - werden zur Kraftanstrengung.

„Durch das Nachstellen der physiologischen, das heißt: nicht krankheitsbedingten, Veränderungen werden eher negative Aspekte des Alterns simuliert“. sagt Michael Hubert. Sie bildeten aber schon eine gewisse Realität ab: „Die Wirklichkeit wird zwar nicht zu 100 Prozent simuliert, aber es findet eine Annäherung statt.“

Nach zwei Stunden Pudding in den Beinen

Als ich nach zwei Stunden den Anzug ablege, habe ich Pudding in den Beinen. Ich benötige einige Schritte, um wieder normal zu gehen. Mein Fazit ist positiv: Der Perspektivwechsel hat sich gelohnt. Ich kann mich besser in die Lage älterer Menschen hineinversetzen. Wo ich mir sonst keine Gedanken über deren Verhalten gemacht habe, bin ich sensibilisiert.

„Beim Alterssimulationsanzug geht es nicht um Effekthascherei“, sagt Michael Hubert. Im Wissen, dass sich viele Menschen vor dem Alter fürchten, könnten negative Gefühle nicht ganz vermieden werden. Aber es gehe auch darum, zu vermitteln, „dass das Alter auch mit Gewinnen an Lebenserfahrung einhergeht und sich besondere Fähigkeiten erst entwickeln.“ Zum Beispiel Gelassenheit und Weisheit.

Zwei Stunden vor dem Test hatte ich im Fitnessstudio der Unterhaltung zweier betagter Rentner gelauscht. „Nein, was geht es uns gut“, hörte ich da.

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