Serie: Alter, was geht

Warum eine 70-Jährige in Studenten-WG gezogen ist

Seniorenstudentin an der Uni Dortmund

Sauerländerin fängt an der Uni Dortmund ein neues Leben an.

Sauerländerin fängt an der Uni Dortmund ein neues Leben an.

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Plettenberg/Dortmund.   Gerda Wittenstein hat sich ihren Lebenstraum erfüllt: Mit 70 fängt die Sauerländerin ein Studium an der Universität Dortmund an.

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Mit 70 ihre Werbeagentur zu verlassen und in den Ruhestand als Hausfrau zu gehen, kam für Gerda Wittenstein nicht infrage. Die Sauerländerin entschied sich für einen anderen Weg: 2012 begann sie ein Studium an der Technischen Universität Dortmund. Sie zog von Plettenberg in eine Studenten-WG in der Ruhrmetropole. Diesen Schritt hat die mittlerweile 75-Jährige nie bereut. Sie genießt das Leben auf dem Campus, das Mensa-Essen, die Vorlesungen – und sie macht anderen Senioren Mut: „Es ist nie zu spät, etwas Neues anzufangen.“

Das neue Leben

„Das Studium hat mein Leben total verändert“, berichtet Gerda Wittenstein. Sie habe sich von allem befreit und müsse endlich auf niemanden mehr Rücksicht nehmen. Ihre Lieblingsfächer sind Musikgeschichte, Philosophie und Psychologie. Wer sie auf dem Campus trifft, der lernt eine selbstbewusste Frau kennen, die, wenn ein junger Kommilitone ihr zum High Five seine Hand hinhält, gekonnt ­einschlägt. Zweimal die Woche geht sie ins Fitness-Studio, sie besucht regelmäßig die Oper, engagiert sich ehrenamtlich und hat von einer Dozentin arabischen Tanz gelernt. „Zurzeit belege ich in der Altenakademie einen Computerkurs, weil ich mit meinem iPad noch ein Problem habe.“

Die Vergangenheit

Die Sauerländerin hat mehr als 30 Jahre lang eine Werbeagentur in Plettenberg geleitet. „Ich wollte nicht mit 70 in Rente gehen.“ Den neuen Lebensweg ging ihr Ehemann letztlich nicht mit. Sie gingen getrennte Wege. Zu studieren, so Gerda Wittenstein, sei immer ihr Traum gewesen. Ihr Vater, geboren zur Kaiser-Wilhelm-Zeit 1903, fand, Frauen sollten etwas anderes lernen: Kochen, Klavier spielen und sich allgemein bilden. Damals habe sie gedacht: „Wäre ich doch bloß als Mann auf die Welt gekommen.“ Jetzt hole sie das nach, was sie als Jugendliche verpasst hat.

Eine Zeit lang pendelte die Seniorin zwischen Plettenberg und Dortmund. 64 Kilometer hin und 64 Kilometer zurück. Haushalt schmeißen, Mann versorgen, studieren. Drei- bis viermal die Woche, bis sie mit ihrer Enkeltochter, die an der Uni Lehramt studiert, in eine Wohngemeinschaft zog. Seit einem Jahr wohnt Gerda Wittenstein in ihrer eigenen Wohnung.

Das Studium

Die Frau aus dem Märkischen verrät, dass sie es wohl leichter gehabt habe, als viele anderen Seniorenstudenten: „Meine Enkeltochter und eine befreundete Studentin haben mich ins Beratungsbüro der TU Dortmund begleitet. Sie gaben mir Sicherheit.“ 2012 begann sie mit 59 weiteren älteren Semestern das Seniorenstudium „Soziale Gerontologie“. Der eigens für Personen ab dem 50. Lebensjahr konzipierte Studiengang bereitet auf ehrenamtliche Tätigkeiten vor. Die lagen der Sauerländerin immer am Herzen. Nach fünf Semestern erhielt sie ihr erstes Universitätszeugnis. Darauf war sie stolz. Immerhin war sie eine von 17, die bis zum Schluss durchgehalten haben. Mit dem Studium aufhören wollte sie aber nicht.

Die Gasthörerin

„Nun kann ich als Gasthörerin endlich die Kurse belegen, in die ich schon immer wollte“, so die 75-Jährige. Sie interessiere sich für Immanuel Kants Ethik und setze sich mit Theorien rund um das Sein ­auseinander. „Zurzeit beschäftige ich mich mit der Interpretationsforschung in Bezug auf Geige und Klavier.“

Seit fünfeinhalb Jahren besucht Gerda Wittenstein Vorlesungen. Nur Anfangs sei es ihr schwer gefallen, sich am Stück über zwei, drei Stunden zu konzentrieren und aufwendige Hausarbeiten einzureichen. „Irgendwann hatte ich den Rhythmus der jüngeren Semester drauf.“

Das Miteinander

Das Leben und Studieren mit jungen Leuten inspiriere sie, erzählt die 75-Jährige. Jung und Alt könnten viel voneinander lernen. „Ich bin ja 1942 geboren.“ Die jungen Mädchen von heute beneide sie. „So wie die hierzulande aufwachsen, ohne Krieg, in ­Sicherheit.“ Es sei toll, wie selbstbewusst sie ihr Leben in Angriff nehmen.

Das Fazit

Gerda Wittenstein lächelt. „Mir gibt das Studium zusätzliche Lebensenergie.“ So und nicht anders wolle sie alt werden. „Vorher war ich eine Arbeitsmaschine, jetzt bin ich Mensch.“ Vor zwei Wochen, berichtet die Seniorin, habe sie erstmals an einer Single-Reise teilgenommen. „Es ging nach Sizilien.“ Anfangs habe sie Bedenken gehabt. Ihr Mut sei erneut belohnt worden: „Die nächste ist bereits geplant. Ziel: Jordanien.“

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