Alter, was geht?

Welche Hürden auf alte Menschen im Supermarkt warten

Wie fühlt sich das altern an? Volontär Marcel Krombusch hat es in einem Supermarkt getestet.

Wie fühlt sich das altern an? Volontär Marcel Krombusch hat es in einem Supermarkt getestet.

Foto: Ralf Rottmann

Wetter.  Wie fühlt es sich an, alt zu sein? Unser Autor hat das mit einem Simulationsanzug getestet – und im Supermarkt neue Erkenntnisse gesammelt.

Die Schlange vor der Supermarkt-Kasse wird länger und länger. Vorne ein älterer Herr: „Nehmen sie es sich selbst raus“, sagt er und reicht der Kassiererin sein Portemonaie. Von jüngeren Menschen erntet er dafür fragende Blicke. Das Grummeln in der Schlange wird lauter – eine alltägliche Situation. Ist Einkaufen für ältere Menschen wirklich so beschwerlich, wie es den Anschein macht? Ich begebe mich auf die Suche nach Antworten. Die Reise beginnt bei Maria Flade.

Ich treffe die zierliche Frau in einem Altersheim in Hagen. Sie sitzt schon lange im Rollstuhl. Ein bisschen Turnen, mehr habe sie früher nicht gemacht. Trotzdem würde sich Maria Flade gerne wieder mehr bewegen können – wenn da nicht das Knie wäre. „Die Ärzte wollen aber nicht mehr operieren“, sagt sie. „Das Risiko ist zu hoch bei einer 104-Jährigen.“

Wie fühlt es sich an, wenn der Körper altert?

Ja, Maria Flade ist 104 Jahre alt. Der Reporter, dem sie ihre Geschichte erzählt, ist gerade 28 geworden. Manchmal wäre die alte Dame gerne wieder jung, sagt sie und senkt den Blick auf ihre Beine, die den schmalen Körper nicht mehr so tragen wollen wie früher.

Wie fühlt es sich an, wenn der Körper altert? Wie ändert sich der Blick auf das Umfeld, wenn Sehen und Hören schwieriger werden? Als junger Mensch weiß ich es noch nicht. Aber ich will es ausprobieren und mich in die Perspektive von Maria Flade versetzen.

Anzug simuliert die Probleme des Alters

„Das ist natürlich nur eine Simulation, eine Annäherung an die Realität“, betont Michael Hubert, während er mir eine schwarze Weste überstreift, schwer wie ein Eimer voll Wasser. Wir befinden uns in Volmarstein, im Testzentrum des Instituts ‚Technologie und Behinderung’. Michael Hubert berät hier Angehörige von Pflegebedürftigen und schult Mitarbeiter von Behörden in Fragen der Barrierefreiheit. Dazu nutzt er einen Simulations-Anzug. Bereits Anfang April testete unsere Redaktion mit diesem Anzug die Innenstadt von Wetter auf ihre Barrierefreiheit.

Wie fühlt es sich an, alt zu sein - ein Selbsttest

Für die WP-Serie "Alter, was geht" hat Redakteur Rolf Hansmann einen Alterssimulationsanzug getestet. In der Innenstadt von Wetter hat er gelernt, wie sich alltägliche Situationen ändern, wenn man in seiner Mobilität eingeschränkt ist.
Wie fühlt es sich an, alt zu sein - ein Selbsttest

Nur 700 Meter sind es vom Gelände des Instituts bis zum nächsten Supermarkt. Ich tapse langsam die Straße hinunter, gestützt auf einen Rollator. „Wieder mehr bewegen können“ – das wünschte sich Maria Flade. Ich begreife allmählich, was sie meint. An den Beinen trage ich Gewichte, die jeden Schritt erschweren. Ich schalte einen Gang runter und werde langsamer.

Gang zum Supermarkt wird deutlich anspruchsvoller

Weit mehr als die flotte Bewegung fehlen mir jedoch das Sehen und Hören. Geraubt von einer Brille, die Sehschwäche simuliert, und einem Gehörschutz, der das Hören einschränkt. Autos, die vorbeifahren, nehme ich als verzehrtes Brummen wahr, schwer zu verorten. Mein Sehfeld ist eingeschränkt. Um über die Straße zu gehen, muss ich Kopf und Oberkörper weit drehen. Nur so kann ich mich orientieren. Was mein Körper sonst fast im Auto-Piloten erledigt, braucht nun Zeit und Konzentration. Ich bin erleichtert, als ich den Supermarkt erreiche.

Es ist später Vormittag, nur wenige Menschen bummeln zwischen den Regalen. Ich schlurfe langsam durch die Gänge und bin dankbar für den Rollator – eine Stütze, die zusätzlich viel Stauraum für meinen Einkauf bietet.

Schrift auf den Verpackungen ist schwer zu lesen

In einem Regal locken auf Fußhöhe bunte Tüten mit Bonbons. Die will ich haben. Das Bücken fällt schwer, ist für mich – trotz des Anzugs – mit jungen Knochen aber noch machbar. Nur wie soll ein älterer Mensch mit größeren Beschwerden diese Ware erreichen? Eingerahmt von Salami, Schinken und Käse fallen mir die Plastik-Verpackungen auf. Wie soll jemand mit Arthrose in den Händen die verschweißte Packung zuhause öffnen? Die Kennzeichnung auf den Verpackungen: für mich kaum zu lesen. Wie soll ein Mensch mit Sehschwäche wissen, was er kauft?

Die Fragen schwirren durch meinen Kopf, während ich meinen Einkauf aus dem Rollator auf das Band an der Kasse hieve. Eine Stimme reißt mich aus den Gedanken: „Kann ich Ihnen helfen?“ Ich schrecke auf und drehe mich langsam um. Kaum Sehfeld, schlechtes Gehör – ich hatte nicht bemerkt, dass sich eine Mitarbeiterin des Supermarktes direkt neben mich gestellt hat. Sie lächelt. Es dauert, bis ich an der Kasse das Portemonnaie aus meiner Jeans befreit habe. Das fehlende Feingefühl in den Händen macht sich bemerkbar. Ich verabschiede mich und mache mich auf den Rückweg.

Tipp von einer 104-Jährigen: Immer in Bewegung bleiben

Wieder am Institut angekommen bin ich dankbar, dass ich den Anzug abstreifen kann. Fragende Blicke erntet von mir jedenfalls kein Senior mehr, der an der Kasse länger braucht. Im Gegenteil: Dieser Mensch sollte eher bewundert werden. Dem Altern sehe ich gelassen entgegen – nicht zuletzt dank der Begegnung mit einer bemerkenswerten Frau, die im Oktober ihren 105. Geburtstag feiert.

Als ich Maria Flade fragte, was ihr Tipp für ein langes Leben sei, lächelte sie und sagte: „Immer in Bewegung bleiben.“ Dann tippelte sie mit ihren Füßen auf den Boden und fuhr so mit ihrem Rollstuhl davon.

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