Alter, was geht?

Wenn das Leben im Seniorenheim langsam vorbeizieht

Olsberg.   Wer hat an der Uhr gedreht? Die Zeit – und schnell. Dieses Gefühl beschleicht Besucher der Olsberger Seniorenresidenz sofort. Die Bewohner auch?

Wer hat an der Uhr gedreht? Die Zeit. Und wie schnell. Dieses Gefühl beschleicht den Besucher der Seniorenresidenz Erikaneum in Olsberg-Bigge vom ersten Moment. Wer über die Flure geht, mit Bewohnern spricht, dem wird eines offenbar. Sie alle sind ihm zeitlich voraus. Mehr ist es nicht. Dem Alter kann sich niemand entziehen. Alle wissen das. Nur wenigen ist es gegeben, diesen Weg mit Leichtigkeit zu gehen.

„Ich wollte hier nicht hin“, sagt der 88-Jährige. Er kommt aus Meschede, war früher Maurer. Beim Essen müht er sich mit der Haxe beim Kauen ab. „Ich kann nicht mehr so viel Fleisch essen wie früher. Ich bekomme es gar nicht runter. Überhaupt, ich habe keinen Appetit.“ Unzufrieden stochert er in seinem Essen herum.

In der Vergangenheit blüht er auf, spricht von den Häusern, die er gebaut hat und freut sich diebisch darüber, dass ein Freund in der Verwaltung ihn um ein Jahr jünger gemacht hat. Damals. „Sonst wäre ich eingezogen worden und hätte in den Krieg gemusst.“

Männer in der Minderheit

Männer sind hier in der Minderheit. Vornehmlich sind es Frauen, die nach dem Tod des Ehemanns hier für wenige Monate eine letzte Heimat gefunden haben. Einrichtungsleiter Torsten Kissel: „Die Aufenthaltsdauer wird immer kürzer. Das ist für die Mitarbeiter eine große Belastung.“ Er spricht von Monaten, manchmal sind es wenige Wochen bis zum Tod

Wie formuliert es eine 93-Jährige salopp: „Hier bleibe ich so lange, bis ich den Löffel abgebe.“ Die gebürtige Berlinerin plaudert munter aus dem Leben. „Ich bin Mutter von acht Kindern. Warum? Weil ich Einzelkind war. Das sollte sich in meiner Familie nicht wiederholen. Und mein Mann hat mitgespielt.“ Sie schwärmt von ihren Büchern, ihren Bildern und zwei Möbelstücken, die sie aus ihrem früheren Haus mit ins Appartement genommen hat.

Wenn die Demenz nicht die Sinne verwirrt und der Blick nicht leer bleibt, freut sich jeder über das Interesse an seinem Leben. Die Atmosphäre im Haus wirkt entspannt. Die Alten suchen die Gemeinschaft, ziehen sich tagsüber nur selten in ihr Reich zurück.Irgendwo ist an der Wand der Spruch zu lesen „Genieße den Tag, denn die Momente von heute sind die Erinnerungen von morgen.“

Gesang mit Willy Schneider

So gilt es. An Angeboten fehlt es nicht. Sie machen gemeinsam Sitzgymnastik, backen Waffeln, trainieren ihr Gedächtnis und spielen das obligatorische Bingo. Und wenn die Handpuppe Willi mit der stellvertretenden Leiterin Anna Tina Weidig auftaucht, lösen sich die verstocktesten Zungen. Ja mit dieser frechen Figur lässt sich trefflich im Rollenspiel unterhalten.

Und Hejdi Ricking ist von den Alten beeindruckt. Die 16-Jährige aus Bestwig-Velmede absolviert ihr zweiwöchiges Sozialpraktikum im Haus. „Am Anfang kam ich mir komisch vor, wusste nicht, wie ich reagieren sollte und hatte leichte Berührungsängste. Das hat sich nach ein paar Tagen geändert.“

Was sie mitnimmt? „Die Telefonate mit meiner Oma bekommen eine andere Qualität, eine höhere Wertschätzung. Ich höre anders hin“, sagt die Gymnasiastin aus der 10.Klasse. Aus dem Aufenthaltsraum erklingt das Lied aus dem Jahr 1951 „Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär’“.

Die Frauen schunkeln und singen mit Willy Schneider. „Ich fühle mich hier wohl“, sagt eine 81-Jährige. Sie hat als Friseurin gearbeitet und ist Mutter von zwei Töchtern. „Ich habe zum Glück das Geld, dass ich den Aufenthalt bezahlen kann.“ Warum sie hier ist? „Ich wollte meinen Kindern nie zur Last fallen.“ Sagt es und schaut auf ihre Armbanduhr.

Werner Stöcker (78) einer der weltbesten Läufer
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