Rente

Altersarmut – Wie man mit 838 Euro klarkommt

Arm im Alter: Das Risiko von Armut bei Senioren steigt.

Arm im Alter: Das Risiko von Armut bei Senioren steigt.

Foto: dpa

Hagen.   Waschmaschine? Hat sie nicht. Sie bringt die Wäsche zu ihrer Tochter. „Das Gerät wenigstens kann ich mir sparen“, sagt die 81-Jährige.

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Waschmaschine? Hat sie nicht. Sie bringt die Wäsche zu ihrer Tochter. „Das Gerät wenigstens kann ich mir sparen“, sagt die 81-Jährige. 753 Euro Witwenrente bekommt sie jeden Monat. Dazu 85 Euro Werksrente. Macht 838 Euro. Im Jahr 2016 hatte sie immerhin noch 11 Euro Wohngeld bekommen; im vergangenen Jahr ist dieser Antrag abgelehnt worden. Die Armutsrisikoschwelle in NRW liegt bei einem monatlichen Nettoeinkommen von 946 Euro im Ein-Personen-Haushalt.

Dennoch sagt die 81-Jährige: „Ich bin zufrieden; ich komme zurecht.“ Ihren Namen möchte sie allerdings nicht in der Zeitung lesen. Dass das Geld im Alter knapp ist – darüber redet hier niemand gern öffentlich, obwohl es nichts Ungewöhnliches mehr ist. Die Zahl der bedürftigen Senioren steigt: In Hagen liegt nach Angaben des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW die Grundsicherungsquote älterer Menschen bei 4,6 Prozent.

Nahezu verdoppelt

„Diese moderat erscheinende Quote verschleiert die Dynamik der Entwicklung“, warnt Lars Schäfer vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. „Der Anteil der Grundsicherungsbeziehenden unter 70 Jahren hat sich von 2,4 Prozent im Jahr 2005 auf 4,6 Prozent (2015) in Deutschland sogar nahezu verdoppelt.“

Die Gründe dafür laut Wohlfahrtsverbänden: Absenkung des Rentenniveaus auf 47,9 Prozent, fehlende Spielräume für private Absicherung und Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse.

Noch kommt die 81-Jährige ohne Grundsicherung aus. Gearbeitet hat die examinierte Kinderpflegerin nahezu ihr Leben lang. Als das erste Kind kam, war sie gerade 20 Jahre alt und hat die Berufstätigkeit vorübergehend aufgegeben. Den kleinen Rentenanspruch von 150 Mark ließ sie sich auszahlen, um ein Kinderbettchen zu kaufen. Doch ihr Mann verdiente wenig, wurde zwischenzeitlich arbeitslos. Da half sie zunächst in einer Kaffeerösterei, dann wechselte sie in die häusliche Krankenbetreuung, kochte, putzte. Stundenweise. In die Rentenkasse hat sie selbst kaum eingezahlt. Sie habe „immer gemacht und getan“, sagt sie. Dafür bekommt sie jetzt also 838 Euro monatlich. 280 Euro Miete zahlt sie davon. Immerhin: Nebenkosten und Heizung bereits inklusive.

„Wenn ich sparsam bin, dann komme ich zurecht.“ Aber für ein Monatsticket oder gar eine Jahreskarte bei der Hagener Straßenbahn reicht es doch nicht. Mit einem Behindertenausweis wäre das Jahresticket bezahlbar. Der Antrag auf Schwerbehinderung aber ist nicht durchgekommen trotz eines Handicaps am Bein. Nicht mobil zu sein – das sei das Schlimmste, sagte. Dabei möchte sie gar nicht weit weg, „nur irgendwohin, einfach mal raus“.

Manchmal geht sie ins Seniorencafé im Corbacher 20, eine Beratungsstelle des Vereins für christliche Sozialarbeit in Hagen-Haspe. Hier ist sie nicht allein. Eine ihrer Tischnachbarinnen, ebenfalls 81 Jahre, hat vier Kinder großgezogen, ein Leben lang geputzt, in der Krankenhausküche und bei der Post gejobbt. 713,33 Euro Rente bekommt die Frau. Dazu 150 Euro Wohngeld. Die zweite Tischnachbarin hat sieben Kinder bekommen. Ihre beiden Ehemänner hätten nichts verdient, sie selbst ging putzen. Heute bekommt sie 332 Euro Rente – und dazu 40 Euro Grundsicherung ausbezahlt. Wie man davon leben kann? „Da muss ich durch“, sagt sie nur. 150 Euro gebe sie pro Monat für Essen, Trinken, Kleidung aus. Das Alter habe sie sich früher anders vorgestellt. Man sieht ihr die Armut nicht an, wie sie dort im Café auf der Bank sitzt in einem violetten Pullover mit Pailletten bestickt.

Ein paar Schuhe – unbezahlbar

„Mir genügt es, nur Kartoffeln zu essen“, sagt eine der anderen Frauen und fügt hinzu: „Aber wenn ich neue Schuhe brauche, wird es schwierig. Knochenschwund“, erklärt sie Ein günstiges Paar aus einem Billigladen – das gehe nicht. Die anderen pflichten ihr bei.

Aber irgendwie scheinen sie es zu schaffen. Sie lachen viel zusammen. Frauen kämen besser hin, wenn das Geld knapp wird, erklärt Birgit Kleine vom Team Corbacher 20. Männer dagegen hätten es im Alter oft schwerer, wenn die Partnerin tot sei und sie auf einmal mit wenigen Euro für sich selbst sorgen müssten. „Frauen“, sagt Birgit Kleine, „haben gelernt, sparsam einzukaufen und selbst zu kochen.“

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