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Amazon verdoppelt mit neuem Logistikzentrum die Kapazität

Werne.   Der börsennotierte US-Konzern Amazon wächst jedes Jahr gewaltig. In Werne geht deshalb gerade ein neues Logistikzentrum in Betrieb.

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Noch kann man sich in den 14 Kilometer Regalgängen im neuen Amazon-Logistikzentrum in Werne verlaufen. Noch ist es relativ ruhig. Von hier sollen Waren aller Art aus aller Welt in Windeseile in deutsche Wohnzimmer verteilt werden – bald. Deutschland ist für den US-Riesen der stärkste Markt in Europa und mit dem nach dem nächstgelegenen Flughafen Dortmund „DTM1“ getauften neuen Zentrum verdoppelt der Konzern seine Kapazität in Werne.

Das scheint auch notwendig zu sein, denn die Deutschen bestellen offenbar im Internet wie blöde. Sonst hätte Amazon sicher nicht 25 bis 30 Prozent Wachstum zu verzeichnen, jedes Jahr. 28 Prozent i Werne.

Weihnachtsgeschäft rauscht vorbei

Seit zwei Wochen ist das Lager in Betrieb. Das modernste seiner Art in Europa soll es sein, spezialisiert auf große Artikel wie Fernseher und dergleichen. Entsprechend sind auch die über zehn Meter hohen Regalplätze großzügig. In Winsen an der Luhe, südlich von Hamburg, ist zwar gerade sogar ein Roboter gestütztes Zentrum in Betrieb gegangen, das aber nur bestimmte Waren verarbeiten könne, nicht die Vielfalt wie an der Lippe.

Das erste Produkt im Regal am neuen Standort im nördlichen Kreis Unna war eine Wanduhr. Das erste Teil, das das Lager verließ, ein Minikühlschrank. Im Wesentlichen herrscht im „DTM1“ noch gähnende Leere. Bis Ende des Jahres werde sich das noch ein wenig ändern, das Gros des Weihnachtsgeschäfts wird aber am neuen Lager noch weitgehend vorbeirauschen. Die Kunden in NRW werden noch einige Wochen parallel vom nahegelegenen alten Standort bedient, wo Amazon seit 2010 Hallen von Ikea gemietet hat. Ende Februar 2018 soll dann der Umzug für alle Waren und Beschäftigte über die Bühne und damit die Kapazität glatt verdoppelt sein.

„Der Umzug innerhalb des Werner Gewerbegebietes ist die große Herausforderung“, sagt der neue Standortleiter Thomas Weiß.

Streikattacken eingepreist

Die regelmäßigen Streikattacken durch die Gewerkschaft Verdi sind für Amazon dagegen offenbar zur Routine geworden. Sie scheinen beim Personal längst eingepreist zu sein. Knapp 2 200 Leute seien es derzeit in Werne, wo bis zu 800 Saisonkräfte zu Weihnachten eingestellt werden oder es zum Teil schon sind. Der noch so junge US-Konzern hat nach wie vor mit guten alten Traditionen in Westeuropa, Sozialpartnerschaft und Tarifverträgen, nichts an der Mütze. Und es hat auch keineswegs den Anschein, als sollte sich dies absehbar ändern.

Dennoch ist Amazon als Arbeitgeber im Kreis Unna hoch beliebt, nicht nur beim Jobcenter, weil das Unternehmen tatsächlich vielen eine Arbeit gibt, die andere Unternehmen nicht einmal zum Vorstellungsgespräch einladen würden. Der US-Konzern gibt ihnen eine Chance, lässt sich aber, wenn irgend möglich, bei den Konditionen nicht reinreden. Das Unternehmen ist nicht an einen Tarif gebunden, orientiert sich bei der Bezahlung in Deutschland an der Logistikbranche und erhöht nach eigenen Angaben einmal pro Jahr – immer im September, wie der Standortleiter berichtet – die Löhne in Relation zur Preissteigerungsrate.

Es gibt keine bundesweit einheitliche Bezahlung. Der Beschäftigte in Werne bekommt mehr als der in Leipzig, aber weniger als die Kollegen in Metropolennähe. „In Hamburg wird mehr verdient als hier“, sagt eine Sprecherin. Die Grundlohnhöhe orientiere sich an den tatsächlichen Lebenshaltungskosten. Das erscheint auf den ersten Blick nicht einmal verkehrt.

Videokameras als Standard

Zusätzlich gibt es Bonussysteme, Vergütung in Form von Firmenanteilen. Und Amazon wirbt mit Gesundheits und Teamgeist fördernden Maßnahmen wie Fitnesskursen, Gratis-Eis an heißen Sommertagen oder Geburtstagsrunden mit dem Standortleiter. Vieles klingt beinahe nach der sich duzenden Belegschaft als großer Familie – in einem patriarchischen System allerdings, in dem vielleicht nicht nur den Außenstehenden die vielen 360-Grad-Videokameras in den Hallen stören, auch wenn Standortleiter Weiß beteuert, dass die Dinger einerseits Standard bei Amazonbauten, andererseits aber außer Betrieb seien.

Den Kunden dürfte es vermutlich wurscht sein in Zeiten von Amazon-Echo in Verbindung mit dem Dienst „Alexa“. Lautsprecherboxen, die scheinbar alles können. Befehle ausführen, dem Nachwuchs in der Grundschule die Lösungen für die Rechenaufgaben vorsagen. Und wohl auch abhören, was in den eigenen vier Wänden so passiert. Ein prima Kassenschlager. Schönes neues Logistikzentrum, schöne neue Welt.

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