Hagen. Mehr Spezialfahrzeuge und digitale Überwachung: NRW will bei der Waldbrandvorsorge aufrüsten. Ein Experte warnt vor einer dramatischen Lage.

Die Landesregierung will den Kampf gegen die zunehmende Zahl von Waldbränden in Nordrhein-Westfalen intensivieren. Das Innen- und das Landwirtschaftsministerium arbeiten an einem neuen Waldbrandvorbeugungskonzept, das in Kürze vorgestellt werden soll. Darüber hinaus gibt es Planungen, das Land mit zusätzlichen Spezialfahrzeugen auszustatten. Und: Das Landwirtschaftsministerium will ein Pilotprojekt mit einem digitalen, kameragestützten Waldbrandfernüberwachungssystem im Regionalforstamt Niederrhein starten.

Silke Gorißen (CDU), seit wenigen Wochen neue NRW-Landwirtschaftsministerin mit Zuständigkeit für den Wald, will das Thema voran treiben und setzt auf die Zusammenarbeit zwischen Feuerwehren und den Forstbehörden. Gegenüber der Westfalenpost erklärte sie: „Der Wald ist unser wichtigster Klimaschützer. Trockene und heiße Phasen werden im Zuge des Klimawandels häufiger auftreten. Deshalb ist es so wichtig, dass wir als Land bei der Waldbrandvorsorge gut aufgestellt sind.“

Die Waldbrandneigung hat in den vergangenen Jahren in NRW zugenommen. Mit Ausnahme von 2021, als dank feuchterer Witterung weniger Schäden zu verzeichnen waren, gab es von 2017 bis 2020 eine Häufung von Waldbränden und zerstörten Flächen wie noch nie in den vergangenen 35 Jahren. Im NRW- Landwirtschaftministerium sieht man hier einen direkten Zusammenhang mit der Trockenheit und der Borkenkäfer-Problematik, die viel gesunden und widerstandsfähigen Baumbestand zerstört habe.

Auch andere Fachleute rechnen damit, dass NRW sich in Zukunft auf mehr Waldbrände einstellen muss, die zudem größere Ausmaße als bisher annehmen. „Die Meldungen über Brände in den Mittelgebirgsregionen werden sich häufen“, sagte Hartwig Dolgner, Waldbrandexperte des Landesbetriebs Wald und Holz NRW, der WESTFALENPOST (siehe Interview weiter unten). Und die Feuer hätten „Größenordnungen erreicht, die wir so nicht kannten“. Dolgner verwies auf die Großbrände im Sauerland in der vergangenen Woche in Altena und Sundern-Stemel. Die Löscharbeiten dauerten mehrere Tage. Er plädiert dafür, dass der Umbau zu Mischwäldern vorantrieben wird. „Wir sehen jetzt schon, wie brandanfällig Nadelhölzer wie die Fichte sind.“

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Derweil breiten sich die Waldbrände in Brandenburg und Sachsen weiter aus. Das große Feuer im Kreis Elbe-Elster loderte am Dienstag mittlerweile auf eine Fläche von rund 850 Hektar. Die Evakuierung einer weiteren Ortschaft wird erwogen. Auch das Feuer im Nationalpark Sächsische Schweiz hat sich ausgeweitet. Für Bad Schandau wurde am Dienstag Katastrophenalarm ausgelöst. Der Waldbrand hatte am Montag vom Nationalpark Böhmische Schweiz in Tschechien übergegriffen. Touristen sollten die hintere Sächsische Schweiz meiden, hieß es. Es bestehe Gefahr für Leib und Leben.

>>INTERVIEW: Waldbrand-Experte spricht von dramatischer Lage

Hartwig Dolgner ist Waldbrandexperte beim Landesbetrieb Wald und Holz NRW.

Letzte Woche erreichte der Waldbrandgefahrenindex des Deutschen Wetterdienstes für NRW die Warnstufe 4 von 5. Wie dramatisch ist es?

Hartwig Dolgner: Sehr dramatisch. Wir befinden uns in einer äußerst bedrohlichen Situation. Nicht nur, dass sich Waldbrände in den Mittelgebirgsregionen häufen und in Zukunft weiter zunehmen werden. Die Brände haben Größenordnungen erreicht, die wir so bisher nicht kannten. Die Flächen werden immer größer – wie jüngst in Altena (16 Hektar) und Sundern-Stemel (11,5). Wenn noch vor Jahren Bodenfeuer auf einer Fläche von 200 Quadratmetern (0,02 Hektar) „normal“ waren, breiten sich jetzt die Feuer um ein Vielfaches aus. Und es sind zunehmend sogenannte Vollfeuer dabei.

Was führt in diesem Sommer zum Anstieg der Waldbrandgefahr?

Es kommt viel zusammen: Weil es weniger Niederschläge gibt, findet keine signifikante Durchfeuchtung der Böden mehr statt. Auf trockenen Böden bedarf es nur eines Funkens, um ein Feuer zu entfachen. Das gilt insbesondere für die durch Stürme, Trockenheit und Borkenkäferbefall verursachten Fichten-Schadflächen mit großen Mengen an Tot- und Altholz. Ein Brand kann sich auf diesen Freiflächen blitzschnell verbreiten. Der Hauptgrund für die Zunahme schwerer Waldbrände in der Zukunft ist aber der vom Menschen gemachte Klimawandel. Er sorgt für längere Phasen von Trockenheit und Hitze.

Welche Rolle spielt der Mensch?

Die meisten Brände werden von Menschen verursacht: durch Brandstiftung, abgestellte Pkw mit heißen Katalysatoren, Grillaktionen oder weggeworfene Zigarettenkippen. Die Menschen nutzen zwar seit Beginn der Pandemie den Wald verstärkt als Erholungsort. Aber man darf nicht davon ausgehen, dass immer notwendige Verhaltensweisen beachtet werden.

Was kann präventiv getan werden?

In der Bevölkerung muss das Bewusstsein für den Lebensraum Wald und das Gebot der Rücksichtnahme geschärft werden. Wir dürfen nicht beim ersten Regen zur Tagesordnung übergehen. Dann muss der Umbau zu Mischwäldern vorangetrieben werden. Wir sehen, wie brandanfällig Nadelhölzer sind. Zudem muss die vielerorts schlechte Wegesituation im Wald dringend verbessert werden. Wir werden an dieser Stelle einen gesellschaftlichen Dissens lösen müssen: Wir müssen uns entscheiden, ob wir Totholz aus ökologischen Gründen in diesen Mengen auf den Waldböden belassen wollen oder ob wir es reduzieren, damit es als Brandlast wegfällt.