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Unternehmertum: Warum wir so ungern gründen

Kulturelle und strukturelle Gründe hindern Deutsche am Unternehmertum. Prof. Alexander Stuckenholz fordert ein Umdenken der Gesellschaft.

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Das ganz große Geld wird schon länger in der Digitalwirtschaft umgesetzt. Unter den Top 10 der wertvollsten Unternehmen sind mit Apple, Facebook, Alphabet (Google), Microsoft und Amazon fünf, die Ihr Geld mit digitalen Produkten oder Dienstleistungen verdienen. Deutsche Unternehmen sind in den Top 100 der wertvollsten Unternehmen kaum zu finden. Warum ist das so? Wieso werden bei uns so wenige innovative Unternehmen gegründet?

Studien weisen auf altbekannte Gründe hin: Zu viel Bürokratie und schlechte Infrastruktur. Es ist schwierig, innovative digitale Produkte zu vertreiben, solange das Internet nicht an „jeder Milchkanne“ verfügbar ist – ein Problem gerade in Südwestfalen. Ich glaube aber, dass auch kulturelle Unterschiede eine entscheidende Rolle spielen.

Scheitern ist ein Fleck auf der Weste

Eine Unternehmensgründung ist ein Risiko – und das mag der Deutsche nicht. Wo in den USA und in China ausprobiert wird, muss in Deutschland ein Geschäftsmodell bis ins Kleinste entwickelt sein, um Unterstützung zu finden. Während den US-amerikanischen Gründern mehr als 20 Mal so viel privates Wagniskapital zur Verfügung steht, wird hier von potenziellen Geldgebern zunächst nach dem Kundenstamm und dem Return-on-Invest gefragt. In Deutschland hätte Mark Zuckerberg kein Kapital für Facebook bekommen.

Viel schwerer noch wiegt aber der Makel des Scheiterns. Gehört das Scheitern in den USA zum Unternehmertum, wird man diesen Fleck auf der Weste in Deutschland kaum los.

Eine Frage der Kultur

Neben den Risiken bietet eine Unternehmensgründung aber natürlich auch Chancen. Dem potenziell höheren Gehalt eines Selbstständigen steht in Deutschland aktuell für Akademiker aber eine hervorragende Beschäftigungssituation gegenüber. Die Arbeitsagentur spricht hier seit einigen Jahren von Vollbeschäftigung. Auch ist im Vergleich zu den USA das Mitspracherecht von Arbeitnehmern hierzulande viel größer. Wer in den USA gearbeitet hat, weiß, dass Widerspruch gegenüber Vorgesetzten ungern gesehen wird. Ein Zustand, der neue Ideen außerhalb eines Unternehmens gedeihen lässt.

Es spricht also vieles dafür, dass nicht nur strukturelle Gründe, sondern auch kulturelle Unterschiede dazu beitragen, dass Deutschland ein gründungsunfreundliches Land ist. Für die Politik ist das keine gute Nachricht, lassen sich diese Unterschiede kaum mit mehr Geld bekämpfen. Die Gesellschaft und ihre Institutionen müssen in Gänze zu anderen Beurteilungen bei Risiken und Chancen kommen. Sonst wird es nichts mit dem Gründertum.

Der Autor

Prof. Alexander Stuckenholz, 42, lehrt seit sechs Jahren an der Hochschule Hamm-Lippstadt im Bereich „Praktische Informatik“ . Zu den Forschungsschwerpunkten des Wetteraners gehören u.a. intelligente Energiesysteme.

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