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Kulturelle Errungenschaft ersten Grades

Prof. Ulrich Walter von der TU München

Prof. Ulrich Walter von der TU München

Foto: imago

Hagen.  Der Mythos der Halbwertszeit unseres Wissens durchzieht unsere Gesellschaft. Was heute gilt, kann morgen schon falsch sein. Ein Kommentar.

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Der Mythos der Halbwertszeit unseres Wissens durchzieht unsere Gesellschaft. Was heute gilt, kann morgen schon falsch sein. Je mehr Erkenntnisse, desto schneller verlieren sie ihre Gültigkeit.

Weniger die Wissenschaftler selbst als vielmehr Geisteswissenschaftler proklamieren diesen Verfall des Wissens. Unsere Welt ändert sich rasend, warum nicht auch unser Wissen? Klingt logisch, also wird es wahr sein.

Ein gravierender Irrtum!

Wissenschaftliche Erkenntnisse vergehen nicht. Sie sind – von gelegentlichen Irrtümern abgesehen – gewissermaßen ewige Wahrheiten, grundlegende Erkenntnisse über unsere Welt. Newtons Gravitationstheorie ist selbst in den modernen Zeiten der Relativitätstheorie noch gültig. Auch das Periodensystem der Elemente hat seit Jahrhunderten nicht im Geringsten an seiner breiten Gültigkeit verloren und mathematische Beweise gelten seit Pythagoras und Platon als Spiegel ewiger metaphysischer Wahrheiten.

Richtig ist, dass sich die Menge wissenschaftlicher Erkenntnis etwa alle fünf bis zehn Jahre verdoppelt. Aber das hinzugewonnene Wissen stellt gesichertes Wissen nicht in Frage, sondern weitet es aus auf Grenzgebiete, die bisher nicht betrachtet wurden. Dabei ergeben sich oft übergeordnete Theorien, die die alte Theorie mit einschließen.

So schließt die allgemeine Relativitätstheorie die Newtonsche Theorie im klassischen Grenzfall ein, und bereits heute wissen wir, dass es eine Quantengravitationstheorie geben muss, die die allgemeine Relativitätstheorie übersteigt und diese wiederum als Grenzfall des Makrokosmos einschließt. Erst dann werden wir verstehen, warum es Überlichtgeschwindigkeit im Mikrokosmos geben kann, wo sie doch in der speziellen Relativitätstheorie kategorisch ausgeschlossen wird.

Bei genauer Betrachtung entpuppt sich also gestriges Wissen als solides Fundament, auf dem erweiterte Theorien der Moderne erst aufbauen können.

Nicht Verfall, sondern ewige Wahrheit ist das Kennzeichen wissenschaftlichen Wissens, und genau darin setzt es sich von den Fluten nichtwissenschaftlicher Erkenntnisse ab. In diesem Sinne ist wissenschaftlicher Fortschritt eine kulturelle Errungenschaft der Menschheit ersten Grades.

Ein Gastkommentar von Prof. Ulrich Walter

  • Prof. Ulrich Walter ist seit 15 Jahren Inhaber des Lehrstuhls für Raumfahrttechnik an der Technischen Elite-Universität München.
  • Der gebürtige Iserlohner ist Ex-Astronaut, Buch-Autor, Fernseh-Moderator
  • 2008 wurde er zum Professor des Jahres in der Kategorie Ingenieurwissenschaften und Informatik gewählt.
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