Prostitution

Anmeldepflicht geht vielen Prostituierten gegen den Strich

Eine Prostituierte an einem Fenster in der Stahlstraße in Essen.

Eine Prostituierte an einem Fenster in der Stahlstraße in Essen.

Foto: Socrates Tassos

Hagen.   Prostituierte kommen der Anmeldepflicht in Südwestfalen kaum nach. Die Dunkelziffer ist hoch – und das ist kein Wunder, sagen Beratungsstellen.

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Wild, hemmungslos und anschmiegsam: So preisen Prostituierte ihre Dienste auf einschlägigen Seiten im Netz an. Verbale Erotik, die verfangen soll. Seit Anfang des Jahres müssen Sexarbeiter, weiblich wie männlich, ebenso wie Betreiber von Bordellen, ihr Geschäft bei den Behörden anmelden. Eine Pflicht, die das neue Prostituiertenschutzgesetz vorschreibt. Die Zahlen aus Südwestfalen sind Beleg dafür, dass dies nach Einschätzung zuständiger Stellen in Kreisen, Städten und Gemeinden nur im Ansatz befolgt wird. Die Dunkelziffer in diesem Gewerbe liegt danach um ein Vielfaches höher.

Das Gesetz

Die 38 Paragrafen lesen sich wie ein Schutzschild, den der Gesetzgeber für die Dienstleister im ältesten Gewerbe der Welt aufgebaut hat. Wenn sie über 18 aber u nter 21 Jahre alt sind, muss sichergestellt sein, dass sie nicht von Dritten zur Aufnahme der Prostitution gezwungen werden. Sie müssen sich beim Ordnungsamt anmelden, erhalten eine Bescheinigung mit Lichtbild, auf Wunsch auch mit einem Aliasnamen. Obligatorisch ist eine Beratung beim Gesundheitsamt zur Vermeidung von Krankheiten.

Die Folgen

Beim Geschlechtsverkehr herrscht Kondompflicht. Zuwiderhandlungen werden als Ordnungswidrigkeit mit einer Geldbuße bis zu 50 000 Euro geahndet. Wer ohne Erlaubnis das Sex-Geschäft betreibt, muss bis zu 10 000 Euro Geldbuße zahlen. Nicht zuletzt müssen Bordell-Betreiber als zuverlässig gelten. Das heißt: Sie dürfen nicht wegen eines Vergehens gegen die körperliche Unversehrtheit, die sexuelle Selbstbestimmung oder persönliche Freiheit vorbestraft sein.

Die Bewertung

Klingt aus Sicht des Klientels gut, ist es aber nur in Teilen. Das sagt Pfarrerin Birgit Reiche, Leiterin der Prostituierten- und Ausstiegsberatungen Tamar in Soest und Theodora in Herford der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen. Die 54-Jährige: „Polizei und Ordnungsämter sind schon heute überlastet. Das Gesetz bringt nichts, wenn nicht kontrolliert wird. Dann schützt es niemanden.“

Nicht wenige Frauen aus dem europäischen Ausland hätten angesichts ihrer Erfahrungen im Heimatland „Angst und Vorbehalte im Umgang mit Behörden“. Auch fürchteten sie mit dem Prostituierten-Ausweis stigmatisiert zu werden. Vielfach verfügten sie nur über mangelhafte Deutschkenntnisse, um sich verständigen zu können und fühlten sich von daher hilflos. Viele Frauen kommen aus Bulgarien und Rumänien. Die Pflicht zum Präservativ, die in Bordellen auf Schildern verkündet wird, begrüßt Birgit Reiche: „Das ist im Interesse der Frauen. Der Körper ist ihr Kapital.“ Angesichts der Zunahme der Übertragung von Krankheiten durch Geschlechtsverkehr habe sie die Hoffnung, „dass sich hier auch im Bewusstsein der Freier etwas ändert“.

Silvia Vorhauer, Sozialarbeiterin der Dortmunder Mitternachtsmission, unterstreicht das: „Das stärkt die Verhandlungsposition der Frauen.“ Kritisch sieht sie auch die Anmeldebescheinigung. „Wenn sie in falsche Hände gerät, sind Menschenhändler die Nutznießer, weil die Frauen erpressbar werden.“ Warum? „Weil viele ihre Tätigkeit ohne Wissen der Familie in der Heimat ausüben. Sie haben dann Schlimmes zu befürchten.“

Auch sei die Sorge darüber, was bei der Behörde mit den Daten passiere, weit verbreitet.“ Den Betroffenen sei nicht klar, wer darauf, neben dem Finanzamt, noch Zugriff habe. „Folglich tauchen sie ab und arbeiten im Dunkeln. Das ist immer gefährlicher.“ Problematisch sei es, dass Prostituierte nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz schlafen dürften. In der Linienstraße, das ist die Bordellstraße in Dortmund, bezahlten die Frauen für ihr Zimmer 80 bis 150 Euro am Tag, und der Basis-Tarif für die private Krankenversicherung liege bei monatlich 600 Euro. „Die Frauen benötigen im Schnitt täglich drei bis fünf sexuelle Dienstleistungen am Tag, um alle Kosten zu tragen. Das ist utopisch.“

Die Bordellbetreiber

Auch Bordellbetreiber halten nicht viel von dem Gesetz. Eine Stimme sei stellvertretend für das Gewerbe genannt: Wolf Feldbusch, zuständig für das Marketing im Parkschloss Dali in Marsberg-Bredelar. Hier bieten in der Regel 15 bis 25 Frauen ihre Dienste an. Es ist das größte Bordell im Hochsauerlandkreis. „Unser Betrieb ist transparent“, sagt der 54-Jährige. „Was passiert denn, wenn wir Frauen, die bei uns arbeiten wollen, wegschicken müssen, weil sie noch keine Anmeldebescheinigung haben? Sie arbeiten dann da, wo niemand das Papier verlangt. Das schützt sie in keiner Weise.“ Er würde sich da eine flexiblere Lösung in Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden wünschen. Dass die gesundheitliche Beratung keine medizinische Untersuchung mehr beinhaltet, sondern für die Aufklärung gesundheitlicher Folgen eingerichtet worden sei, will ihm nicht in den Kopf. Dies sei in der Vergangenheit mit dem „Bockschein“ viel besser und gründlicher im Sinne aller Beteiligten geregelt worden.

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