Asperger

Autismus - wenn das Kind anders ist

Die Schriftstellerin Martina Grünebaum mit einer ihrer Katzen. „Katzen sind die Autisten des Tierreichs“, sagt die Krimi-Autorin, deren Sohn das Asperger Syndrom hat. Darüber hat die 50-Jährige ein Buch geschrieben.

Die Schriftstellerin Martina Grünebaum mit einer ihrer Katzen. „Katzen sind die Autisten des Tierreichs“, sagt die Krimi-Autorin, deren Sohn das Asperger Syndrom hat. Darüber hat die 50-Jährige ein Buch geschrieben.

Foto: Ralf Rottmann

Neuerade.   Die Krimi-Autorin Martina Grünebaum hat ein Buch über Asperger-Autismus geschrieben. Der Sohn der Neuenraderin ist selbst betroffen

Eigentlich schreibt sie ja Krimis. Aber in ihrem neuen Buch („Alle anderen sind komisch“) geht es nicht um die Aufklärung eines Verbrechens, nein, es geht um Daniel, einen Jugendlichen mit Asperger-Autismus. Und damit um einen wie den Sohn von Martina Grünebaum.

„In jedem Buch steckt auch etwas Persönliches, aber dieses ist natürlich schon besonders“, sagt die Autorin aus Neuenrade-Küntrop. Im Buch-Daniel stecke schon sehr viel von Nico, ihrem jüngeren Sohn, der jetzt 18 Jahre ist. Acht Jahre lang hat die 50-Jährige „Sätze und Anekdoten aufgeschrieben“. Lange aber konnte sie sich nicht dazu entschließen, daraus ein Buch zu machen, bis ihr nicht nur Ulrike Spiekermann und Uta Baumeister, mit denen Martina Grünebaum gemeinsam das literarisches Frauentrio TrioLit bildet, genau dazu rieten, sondern auch ihr Sohn Nico. Als der 18 wurde, entschloss sich Grünebaum dann dazu, das Buch zu veröffentlichen.

Autismus ist unsichtbar

Asperger-Autisten haben Schwächen in der sozialen Interaktion und Kommunikation. Vor allem die nichtsprachlichen Signale ihrer Umgebung, etwa Mimik und Gestik, können sie nur schwer entziffern. Zudem sind die Interessen der Asperger-Betroffenen nur eingeschränkt. Aber „Autismus kann man nicht sehen“, wie Grünebaum ihre Hauptfigur Daniel im Buch sagen lässt, und gerade Asperger als eher schwache Form des Autismus wird nicht immer gleich erkannt; bisweilen gar nicht oder erst im Erwachsenen-Alter.

Nico war „ungefähr zehn“, erinnert sich Martina Grünebaum, als Asperger bei ihm diagnostiziert wurde. Natürlich wussten die Eltern auch vorher schon, dass etwas bei ihrem Sohn anders war, sie waren von einem Facharzt zum anderen gelaufen, „von Diagnose zu Diagnose“. Es gab den Verdacht auf ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung), aber „da passte zu vieles nicht“, war sich Grünebaum sicher. Die Asperger-Diagnose war dann eine „enorme Erleichterung, ich war sehr dankbar“, schaut Grünebaum zurück. Endlich hatte die Familie etwas Schwarz auf Weiß, etwas, mit dem sich Hilfe und Unterstützung organisieren ließ, zum Beispiel – nach langer Wartezeit – die Behandlung im Autismus-Therapie-Zentrum (ATZ) in Hagen, wo sie und vor allem natürlich Sohn Nico sich „gut aufgehoben fühlen“.

Er trifft den richtigen Ton nicht

Auch der Asperger-Autist Daniel im Buch geht gern ins ATZ. Als die Buch-Mutter auf der Fahrt zum ATZ fragt: „Freust du dich?“ antwortet er: „Ja, klar.“ Doch anscheinend hat Daniel „nicht die richtige Betonung getroffen“, wie er mutmaßt, denn die Mutter fragt nach: „Freust du dich wirklich?“ Und er antwortet leicht genervt: „Ja, klar!! Habe ich doch gesagt.“

Das Buch ist aus der Sicht von Daniel geschrieben, und in dieser kleinen Sequenz schon zeigen sich die Probleme in der Kommunikation zwischen Asperger-Autisten und, nun ja, Normalen, oder besser: Nicht-Autisten. Daniel ist der Ansicht, eine klare Antwort auf eine einfache Frage müsse reichen, egal, wie dabei das „Ja“ ausfällt. Immerhin hat er schon gelernt, dass dies häufig nicht so ist, dass die Betonung eine große Rolle spielt – nur fällt es ihm schwer, den richtigen Ton zu treffen, selbst im Gespräch mit der eigenen Mutter.

Mit Mitschülern, Lehrern und noch mehr mit Unbekannten gestaltet sich die Sache entsprechend noch komplizierter, und es gibt ja viele andere schwierige Sachverhalte. Wann sollte man die Wahrheit besser nicht sagen? Zwei korpulente Frauen „fett“ zu nennen etwa gehöre sich nicht, ermahnt ihn die Mutter. Wann aber sind Notlügen erlaubt? Und dass er einen Tadel in der Schule erhält, weil er die Lehrerin höflich gefragt hat: „Ist es krankheitsbedingt, dass sie uns so viele Hausaufgaben aufgeben?“, das will und kann Daniel nicht verstehen. Auch deshalb sind eben alle anderen komisch.

Auch Nico hatte in der Schule einige Probleme, dabei sind Asperger-Autisten meist eher überdurchschnittlich intelligent. Martina Grünebaum will mit ihrem kleinen Buch – es hat keine hundert Seiten – den Lesern anschaulich und unterhaltsam die Sichtweise eines Asperger-Autisten näherbringen und dabei auch falsche Bilder wie das, dass Autisten gefühlskalt seien, korrigieren. Was ihr durchaus gelingt.

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