Dieselskandal

Autokritiker Axel Friedrich fordert die Verkehrswende

Axel Friedrich, der pensionierte Leiter der Verkehrsabteilung im Umweltbundesamt, fixiert den Schlauch am Anspuff eines Autos für eine Abgas-Versuchsanordnung. Mit dem Messgerät misst Friedrich den tatsächlichen Schadstoffausstoss von Fahrzeugen.

Foto: Michael Kappeler

Axel Friedrich, der pensionierte Leiter der Verkehrsabteilung im Umweltbundesamt, fixiert den Schlauch am Anspuff eines Autos für eine Abgas-Versuchsanordnung. Mit dem Messgerät misst Friedrich den tatsächlichen Schadstoffausstoss von Fahrzeugen.

Hagen.   Ein pensionierter Umweltbeamter treibt mit Abgasmessungen die Autoindustrie vor sich her. Sein gefordertes Dieselfahrverbot liegt bei Gericht.

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Der Mann ist vor wenigen Wochen 70 geworden, und ja, das sieht man ihm auch an mit seinem schlohweißen Jahr und dem faltigen Gesicht. Aber die Augen sind wach, der Geist sowieso, und Axel Friedrich ist noch immer agil wie in jungen Jahren. Der Ingenieur und in Paderborn promovierte Chemiker gilt als Abgasexperte und nicht erst seit dem Dieselskandal als Schrecken der Autoindustrie. Lange Jahre hat er im Umweltbundesamt gearbeitet, dort die Abteilung Verkehr geleitet.

Als Pensionär hat sich Friedrich nicht zur Ruhe gesetzt, stattdessen führt er seinen Kampf für saubere Luft und gegen die Autoindustrie einfach fort. Er hat sich dafür auch mit der Deutschen Umwelthilfe (DUH) zusammengetan. Mit einer eigenen Messvorrichtung im Wert von mehr als 100 000 Euro ermittelt Friedrich für die DUH den Stickstoffdioxid-Ausstoß etwa von Dieselfahrzeugen.

„Was ich mache, müssten eigentlich die Behörden tun“, sagt er dazu. Tun sie aber nicht. Deshalb misst Friedrich. „Wenn keiner kontrolliert, wird betrogen, wird Geld gespart – zulasten der Kinder, der älteren Menschen und der Natur“, empört sich der in Berlin lebende Autokritiker über das Gebaren der Autoindustrie, deren Einfluss auf die Politik in Deutschland viel zu groß sei.

BMW in die Enge getrieben

Friedrichs Messungen haben zuletzt BMW in die Enge getrieben. Die Werte – im Realbetrieb sieben Mal so hoch wie im Labor – legen nahe, dass auch der Münchner Autobauer illegale Abschalteinrichtungen für die Abgasreinigung verwendet. BMW bestreitet dies, Friedrich ficht das nicht an: „Ich habe genügend Messdaten“, gibt er sich siegesgewiss. Die ersten Belege für ein Fehlverhalten von BMW seien uralt.

Friedrich und die DUH belassen es nicht beim Messen, sie gehen weiter. Gegen inzwischen 61 deutsche Kommunen gibt es Verfahren wegen überhöhter Stickstoffdioxid-Werte, gegen 16 klagt die DUH. „Wir beklagen uns nicht, wir verklagen“, benennt DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch das Vorgehen griffig. Jahrelang haben die Behörden trotz Überschreitung der Grenzwerte nicht reagiert, „das wollen wir nicht mehr länger hinnehmen“, sagt Friedrich dazu. „Wir müssen klagen, damit die Entscheidungsträger tun, was sie tun müssen: Schaden von den Bürgern fernhalten.“

Am 22. Februar entscheidet das Bundesverwaltungsgericht letztinstanzlich über die Voraussetzungen für Dieselfahrverbote. Auch hier gibt sich Axel Friedrich siegesgewiss, zumal in dem Revisionsverfahren „die Fachfragen nicht mehr diskutiert werden“, es gehe letztlich nur noch um die Beschilderung der Fahrverbotszonen für Dieselfahrzeuge.

Viele Kommunen, auch aus der Region, schauen mit schreckstarrem Blick nach Leipzig. Das Urteil wird Folgen haben. Friedrich hofft, einerseits, dass dann die Blaue Plakette eingeführt wird, um saubere von schmutzigen Dieselautos unterscheiden zu können. Die einen dürften dann rein in die Umweltzonen, in die hoch belasteten Bereiche der Städte, die anderen nicht. Alle Diesel auszusperren sei „die dümmste aller Lösungen“, meint Friedrich. Der aktuell geschäftsführende Bundesverkehrsminister Schmidt aber verweigert sich der Blauen Plakette wie sein Vorgänger Dobrindt (beide CSU).

Die Messungen zeigen: Hardware-Nachrüstung wirkt

Mit einer Hardware-Nachrüstung – die von den Herstellern beim Dieselgipfel abgelehnt wurde – würden viele Stickoxid-Dreckschleudern zu sauberen Fahrzeugen, betont Friedrich: „Wir haben das gemessen!“ Bei einem Passat etwa: der hatte vor einer Hardware-Nachrüstung mehr als 1000 Milligramm Stickstoffdioxid je Kilometer ausgestoßen, danach nur noch 45 Milligramm. Der Grenzwert liegt bei 80 mg.

Die Nachrüstung der Diesel-Pkw, Busse und Kleintransporter reiche aber nicht aus, sagt Friedrich: „Wir brauchen eine Verkehrswende, und zwar eine radikale!“ Auch aus Gründen des Lärmschutzes, wegen zu vieler Unfälle und für die Biodiversität. Gerade in hoch belasteten Städten wie München, Stuttgart oder Düsseldorf gebe es einfach zu viele Autos – Folge einer falschen Politik. „Wir müssen die Zahl der Autos verringern und den Menschen die Mobilität zurückgeben“, fordert der Umweltexperte nur scheinbar Widersprüchliches. Der Bus- und Bahnverkehr müsse ausgebaut, vor allem der Radverkehr gefördert werden.

Städte wie Kopenhagen, wo die Hälfte aller Wege mit dem Rad zurückgelegt würde, oder Zürich mit seinem gut ausgebauten Straßenbahn-Netz – eine Entscheidung der Bürger – zeigten, dass ein anderer Stadtverkehr möglich sei. Das gelte auch für Mittelstädte wie Arnsberg oder Lüdenscheid, meint Friedrich mit Blick auf Südwestfalen. Hier sprächen geringe Innerorts-Entfernungen für einen Fokus auf den Radverkehr, ein gutes Busnetz sei leichter zu entwickeln als in großen Städten. „Eine andere Verkehrspolitik ist möglich“, ist sich Friedrich sicher, und die sei auch im Sinne der Bürger.

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