Software

Uni-Professor: Spracherkennungssoftware macht höflich

Bisher gibt es das nur im Film: Roboter (hier: Robin Williams), die uns zu besseren Menschen (hier: Embeth Davidtz als „Little Miss“) machen.

Foto: dpa Picture-Alliance / KPA

Bisher gibt es das nur im Film: Roboter (hier: Robin Williams), die uns zu besseren Menschen (hier: Embeth Davidtz als „Little Miss“) machen. Foto: dpa Picture-Alliance / KPA

Witten/Herdecke.   Der Wirtschaftsphilosoph Birger Priddat der Universität Witten sieht in Spracherkennungssoftware die Chance, dass sie Menschen höflicher macht.

Der Ton hat sich verschärft: Warum sachlich bleiben, wenn es auch persönlich geht? Die Verwirrung und die Ruppigkeit nehmen zu. Emotionen werden ungefiltert in die Welt geblasen, der Verstand kommt zu kurz. Und wer kennt oder nutzt eigentlich noch die Regeln der deutschen Grammatik?

Bekannte Klagen. Und häufig sind schnell die Schuldigen gefunden: die Technik und die Digitalisierung. Was bedeuten würde, dass alles künftig noch schlimmer kommt. Birger Priddat erwartet das Gegenteil. Der Senior-Professor für Wirtschaftsphilosophie an der Universität Witten/Herdecke setzt darauf, dass die Automaten uns zivilisieren. Wie das gehen soll, wollten wir genauer wissen.

Rechnen Sie damit, dass wir künftig von strengen Robotern zur Höflichkeit erzogen werden?

Birger Priddat: Dass Roboter die Macht übernehmen, ist nicht zu erwarten. Aber etwas anderes wird passieren: Wir werden uns daran gewöhnen, mit Automaten zusammenzuleben. Die werden wir aber gar nicht als Maschinen erleben, sondern als natürliche Gesprächs- und Arbeitspartner.

Wirklich?

Das Navigationssystem im Auto, Siri und Alexa sind die Anfänge. Oder die Programme, die heute schon ziemlich gut gesprochene Texte verschriftlichen. Diese Kommunikation wird in großem Maße unseren Alltag bestimmen.

Und das heißt?

Die Maschinen müssen uns verstehen. Wir müssen also klar und deutlich sprechen, korrekte Sätze bilden und können nicht irgendeinen Privatjargon verwenden, den nur unsere Bekannten entschlüsseln können. Wer dazu nicht in der Lage ist, nimmt sich selbst aus dem Spiel. Wenn der Automat immer nur wiederholt: „Ich habe Sie nicht verstanden“, hat das eine deutlich disziplinierende Wirkung.

Auf Aussprache und Grammatik. Und sonst?

Die Maschinen sind emotionslos. Sie kommunizieren in einer Dimension: streng vernünftig. Mit emotionalem, gehässigem, aufbrausendem, nöligem Wischi-Waschi werden wir ihnen nicht kommen können. Sie werden sanft, aber unnachgiebig nachfragen. Mit unserer schlampigen Kommunikation und unserer Unentschiedenheit werden die Maschinen nichts anfangen können. Wir müssen uns also ihnen anpassen. Wir werden genötigt, vernünftig zu fragen – eine Qualität, die wir im Alltag durchschnittlich weder beherrschen noch hinreichend üben.

Da wirken Sie jetzt etwas unzufrieden.

Die Verrohung der öffentlichen Sprache ist wirklich ein erschreckendes Kulturphänomen. Vor allem im Netz beschimpft man sich, denunziert und mobbt sich. Es geht wild, laut und hasserfüllt zu.

Aber nicht mehr lange?

Man könnte sich doch vorstellen, dass semantische Algorithmen jede gehässige Äußerung – von Aussagen wage ich gar nicht zu reden – an den Absender zurückgehen lassen mit der Bitte, sie in ein einigermaßen zivilisiertes Deutsch zu übersetzen.

Ein schöner Traum.

Warum? Warum lassen wir es zu, dass ein Großteil der Kommunikation in der Gesellschaft in schlechtem Deutsch geschieht? Wenn man privat seine Spreche verschludern lassen will, ist das eine Sache, aber nicht in der Öffentlichkeit. Mit dem Internet und seiner zivilisatorischen Vernunft hätten wir erstmals die Chance, in eine neue Sprachkultur einzutreten. Wer mit den Automaten unhöflich oder sprachlich barbarisch umgeht, den bedienen sie nicht. Die Automaten können uns zivilisieren.

Möglicherweise können sie bald unser Gemurmel entschlüsseln, unsere Mimik interpretieren oder gar unsere Gedanken lesen. Dann brauchen wir gar keine Sprache mehr.

Wenn das so wäre, sollten wir erst recht in den paar Jahren, die wir haben, die kulturbildende Funktion der Automaten nutzen.

Ist ihre Vorstellung der korrekten Sprache nicht elitär?

Höflichkeit ist ganz sicher nicht elitär.

Seite
Mehr zum Thema
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik