Bayreuth Festspiele

Bass Georg Zeppenfeld aus Attendorn im Interview

Georg Zeppenfeld als Gurnemanz (M)

Foto: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Georg Zeppenfeld als Gurnemanz (M) Foto: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuth/Attendorn.  Als Weltklasse-Bass steht Georg Zeppenfeld auf den großen Bühnen und bleibt doch bekennender Sauerländer. Im Interview verrät er, warum.

Georg Zeppenfeld gehört zu den besten Bässen der Welt. Auf dem Grünen Hügel wird der Attendorner Sänger derzeit in gleich zwei Rollen, als Gurnemanz und als Hunding, vom Publikum enthusiastisch gefeiert, und dazu als Einspringer in den Meistersingern. Der bekennende Sauerländer steht in New York ebenso gerne auf der Bühne wie in London; die Dresdner Semperoper hat ihn mit dem Titel Kammersänger geehrt. Im Interview spricht Georg Zeppenfeld über Starrummel, lange Texte und Heimweh.

Frage: In Bayreuth waren Sie 2016 der unangefochtene Held in drei wichtigen Rollen: als König Marke, Gurnemanz und Hunding. Welche Folgen hatte dieses Aufsehen?

Georg Zeppenfeld: Es ist ja künstlerisch einiges gelungen letztes Jahr. Das habe ich sehr genossen, das war schön. Es ist auch schön, wenn das Interesse dann auf andere Häuser überspringt. Aber ich mache es anderen Häusern nicht leicht, mich zu engagieren, weil ich zur Hälfte fest in Dresden an die Semperoper gebunden bin. Doch es ist schon wichtig, auch mal außerhalb eine Duftmarke zu setzen, und wenn man das in Bayreuth machen kann, ist das natürlich toll.

Der Gurnemanz singt den ersten Parsifal-Akt praktisch ununterbrochen durch. Das sind fast anderthalb Stunden. Wie lernt man denn diesen ganzen Text auswendig?

Zeppenfeld: Dadurch, dass man die Musik mitlernen muss. Das dauert sowieso einige Zeit, die Stimme ist in der Regel langsamer als das Gehirn. Bis ich weiß, wie ich das verschleißfrei gestalten kann, habe ich es so oft probiert, dass der Text von alleine abrufbar ist. Es ist ja ziemlich logisch, was der Gurnemanz erzählt. Dann kommt die Szene dazu. Es ist in der Vorstellung immer so, dass einen das eine an das andere erinnert. Der Weg, den man auf der Bühne macht, erinnert einen an den Text. Fehler sind immer am naheliegendsten, wenn die Szene mit dem Stück nichts zu tun hat. Je tiefer man eindringt, desto mehr versteht man von der Figur. Je mehr man von der Rolle weiß, desto besser gelingt es einem, die Figur auf der Bühne überzeugend darzustellen, und das ist das, was wir Sänger wollen. Und darum beschäftigt das einen auch so lange. Ich lerne die Partie ja nicht von heute auf übermorgen.

Sie sind in der Meistersinger-Premiere als Nachtwächter eingesprungen. Als Sie dann im Frack zum Applaus auf die Bühne kamen, hat das Publikum Sie für den Dirigenten gehalten und gejubelt.

Zeppenfeld: Die winzige Nachtwächterpartie habe ich für das Publikum unsichtbar in Jeans und Hemdsärmeln aus dem Graben gesungen. Deshalb wollte ich eigentlich gar nicht zum Applaus vor den Vorhang, aber ich wurde dringend gebeten, damit der Dirigent Philippe Jordan möglichst viel Zeit bekam, sich zum Applaus umzuziehen; er dirigiert ja auch in Zivil. Meinen Frack hatte ich nur für den Fall dabei, dass ich wegen der Rundfunk-Liveübertragung als „Cover“ für den Veit Pogner hätte singen müssen, so bin ich dann auch mal für den Dirigenten gehalten worden. Ich war vorher noch nie in dem berühmten abgedeckten Bayreuther Orchestergraben. Es ist faszinierend, mit welcher Verzögerung die Musik von der Bühne im Graben wahrgenommen wird. Man hört die Sänger teils gar nicht oder zu spät. Jetzt verstehe ich auch die Nervenkrisen, die manche Dirigenten kriegen, weil sie denken, die Sänger schleppen nur.

Apropos Meistersinger: Der Hans Sachs ist die Traumpartie jedes Basses. Wann kommt Ihr erster Sachs?

Zeppenfeld: Ich arbeite gerade daran. Das ist eine unglaublich kraftraubende Partie. Sie liegt einen Ganzton höher als Gurnemanz, und Sachs ist nochmal länger. Für einen Bass ist es eine extreme Herausforderung, mit der Länge und der hohen Lage über den ganzen Abend klarzukommen. Andererseits gibt mir die Partie aber auch eine Chance, weil sie über lange Strecken lyrisch gesungen werden kann, was mir sehr entgegenkommt. Die Hämmer kommen dann am Schluss. Wenn man schon hundemüde ist, muss man nochmal richtig ran. Also muss man sich die Kräfte gut einteilen.

Mit dem König Heinrich haben Sie 2010 in Bayreuth debütiert. Im neuen Lohengrin 2018 singen Sie ihn wieder.

Zeppenfeld: Das ist insofern spannend, als ich immer gerne eine neue Produktion hier mitgestalte. Von der Partie her hat der Heinrich mindestens eine Dimension weniger als der Gurnemanz. Der König ist Funktionsträger. Er gibt Verlautbarungen ab, man muss viele hohe und viele laute Töne liefern und dabei trotzdem nicht langweilig werden für das Publikum. Der Gurnemanz bietet erheblich mehr Möglichkeiten zum Gestalten.

In der Walküre sind Sie der Bösewicht Hunding. Wie findet man diese schwarzen, fiesen Töne?

Zeppenfeld: Es begegnet einem in dem Stimmfach immer mal ein Halunke. Die schwarzen Töne beim Hunding sind nicht das, was mir in die Stimme gelegt ist, ich muss sie herstellen. Das habe ich über den Hunding erst gelernt. Die Partie ist kurz und heftig, und dann geht das mal, jedenfalls, wenn man gesund ist. Den Klang herzustellen, ist zunächst ein Experiment, man probiert es mal aus und dann findet man Farben, die man dem Repertoire hinzufügen kann.

Alle reden von Star-Tenören. Warum heißt es nicht auch Star-Bass?

Zeppenfeld: Wahrscheinlich deshalb, weil die Basspartien in den seltensten Fällen Hauptrollen sind und man selten Gelegenheit hat, sich so zu produzieren. Das ist auch nichts, was ich erstrebenswert finde, mir geht es immer quer runter, wenn ich so bezeichnet werde. Das ist nicht der Grund, warum ich den Beruf ergriffen habe. Ich habe beim Singen zwei Ziele: Ich will überzeugend die Figur auf die Bühne bringen, und ich will durch die Figur hindurch das Publikum emotional anrühren. An der Oper ist für mich interessant, in wieweit man die Emotion, die das Stück beinhaltet, ins Publikum transportieren kann. Dem steht ein Stargehabe im Wege, da stelle ich mich selbst ja vor die Figur. Das hängt auch davon ab, wie man mit der eigenen Stimme umgeht. Es gibt viele Sänger, die Singen wie Sport betreiben, deren Ziel es ist, athletische Töne zu produzieren und dafür gelobt zu werden. Das ist nicht die Dimension, die ich anstrebe. Ich möchte berühren, nicht bewundert werden.

Als Sauerländer in der weiten Welt: Was bedeutet Heimat für Sie?

Zeppenfeld: Wenn ich mal wieder Heimat tanken muss, weil ich zu lange nicht dagewesen bin, lese ich plattdeutsche Texte von Karl H. Falk, die ich kürzlich über das Internet entdeckt habe. Ich interessiere mich für das westfälische Platt, der alte Falk war ein wunderbarer Heimatdichter, der auf den Punkt bringt, wie der Südsauerländer die Welt sieht. Wenn man mal wieder im Sauerland ist und mit Leuten ins Gespräch kommt, unterhält man sich fünf Minuten und denkt: Ja, da kommst Du her!

Können Sie beschreiben, was das Sauerländische ausmacht?

Zeppenfeld: Es ist vielleicht eine gewisse Unerschütterlichkeit und ein Bewusstsein dessen, was wesentlich ist. Das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden zu können, das ist aus meiner Sicht eine gesunde Art zu leben. Wenn man eine Werteordnung hat, durch die man auf die Dinge sieht, bewahrt einen das vor mancher Panik und mancher Paranoia. Wenn man wie ich jahrelang weg ist, hat man auch viel Anderes kennengelernt. Aber ich merke, je mehr ich mich tummele in der Welt, desto mehr halte ich an den Wurzeln fest, die ich habe.

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