Soest

Baumängel: Schock an der Soester Wiesenkirche

Die Zwillingstürme der ev. Kirche  St. Maria zur Wiese in Soest

Die Zwillingstürme der ev. Kirche St. Maria zur Wiese in Soest

Foto: Dombauhütte Soest

Soest.   Unter der Blechverkleidung der Traufengalerie verbirgt sich billiger Beton statt Stein. Warum die Sanierung mehr als zehn Jahre dauern wird

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St. Maria zur Wiese in Soest ist der Kölner Dom der Westfalen. Nur schöner, sagen die Bewunderer der 700 Jahre alten spätgotischen ev. Hallenkirche. Und doch ist das Abbild des himmlischen Jerusalems auf Erden auch eine ewige Baustelle. Dombaumeister Jürgen Prigl kann nach 26 Jahren im Dienst an einem der schönsten Gotteshäuser Europas eigentlich nichts mehr aus der Ruhe bringen. Aber jetzt macht er sich Sorgen. „Die Sache ist tückisch und gefährlich“, unterstreicht er.

Denn eher durch Zufall hat die Dombauhütte entdeckt, dass der Übergang von den Seitenwänden zum Dach in 25 Metern Höhe nicht aus Stein gemauert ist, sondern bei einer früheren Restaurierung Anfang 1930 aus Beton gefertigt wurde, wie die Fachleute jetzt bei Ausbesserungsarbeiten an den Fenstern feststellten. „An bestimmten Stellen baucht die Wand fast 10 Zentimeter aus“, beschreibt Prigl den Schaden erschrocken. „Das war grün angestrichen und mit Kupferblech verkleidet, das konnten wir gar nicht erkennen.“ Und weiter: „Das ist bautechnisch eine Schlüsselstelle. Wenn es dort mal zur Sache geht, gleicht das einer Explosion.“ Noch vor dem Winter müssen die Stellen mit Streben gesichert werden. „Da ist mir schon unwohl.“

Billiger Beton von 1930

Die ganze Traufengalerie ist seinerzeit „ausgebessert“ worden, einmal um die Kirche herum. „Wir haben festgestellt, dass dieses Gesims um 1930 unseligerweise aus Beton ausgeführt wurde, das ist ganz, ganz schrecklich“, so Prigl. Damals glaubte man, Beton sei das Allheilmittel für alle Bauprobleme. Heute weiß man, dass dieser Beton von außerordentlich schlechter Qualität war. Eindringendes Wasser lässt die Armierung rosten. Und das Material verträgt sich nicht mit dem Naturstein darunter und darüber.

Die Architektur der ev. Wiesenkirche übersetzt Gebete in Stein und Licht. Das aufstrebende Bürgertum der Hansestadt Soest wollte Gott ab 1313 damit ein Denkmal setzen. Einzigartig ist die Fensterlandschaft im Inneren, 33 großflächige, 20 Meter hohe Fenster bilden den Hauptchor, es handelt sich um den ältesten erhaltenen Zyklus von Glasmalerei in Westfalen. Die Fensterbahnen reichen fast in ganzer Höhe bis zum Gewölbe. Das verleiht dem Bauwerk jene himmelsstürmende Leichtigkeit und macht heutige Restaurierungen zur kniffeligen Herausforderung.

Gleichzeitig schmücken Einzelkunstwerke von allererster Qualität den Innenraum, darunter das um 1500 entstandene „Westfälische Abendmahl“. Das Glasfenster zeigt Christus und die zwölf Apostel in der Erlebniswelt der damaligen Gläubigen, denn auf dem Tisch stehen Schweinskopf, Schinken, Bier und Schwarzbrot.

Der Soester Grünsandstein, aus dem die Kirche errichtet wurde, zeigt sich dem ehrgeizigen Höhenstreben der Bauväter allerdings nicht gewachsen. Die 1987 gegründete Dombauhütte soll dem Zerfall des Denkmals Einhalt gebieten. Die sorgfältigen Planungen und das Budget werden nun durcheinander gebracht. „Wir können nicht einfach am Turm die Arbeiten abbrechen und zum Gesims wechseln. Und wir können die Traufengalerie nur von Fenster zu Fenster und von Strebepfeiler zu Strebepfeiler sanieren. Es wird weit über ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen, dieses Gesims auszutauschen. Man kann den Beton nicht einfach abklopfen. Da steht Maßwerk drauf und Teile der Galeriefilialen. Das sind alles schwere Sachen. Die muss man abbauen. Das geht nur Schritt für Schritt. Da hat man jetzt noch was vor der Brust“, erläutert Prigl und ergänzt: „Ich kann mich nur an das Land NRW als Hauptförderer wenden und hoffen, dass dieses Bauwerk weiterhin behütet wird und flankierend diese neu entstandenen Schäden eingespeist werden in das laufende Programm.“ Der Nordturm soll in den nächsten vier bis fünf Jahren fertig werden.

Meisterschule an der Dombauhütte

Steinmetzmeister Jürgen Prigl hat keinen Job, sondern eine Berufung. In der Bauhütte lernt man Demut. „Das ist ein generationenübergreifendes Projekt“, sagt Prigl. Der Dombaumeister übergibt sein Amt im nächsten Jahr an Dipl.-Ing. Gunther Rohrberg aus Lippstadt. „Ich bin der Diener des Werks.“ Die von ihm gegründete Meisterschule für Steinmetzen und Steinbildhauer an der Dombauhütte hat inzwischen europäisches Spitzenniveau.

Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, mit welchem Gottvertrauen die Baumeister des 12. Jahrhunderts eine Aufgabe wie die Wiesenkirche begonnen haben. Es ist ja auch nicht alles gut gegangen. Mit dem Ende der Hanse bricht der Reichtum der Stadt zusammen; die berühmten Zwillingstürme werden erst im 19. Jahrhundert fertiggestellt. „Die Baugeschichte solcher Werke spiegelt die Zeitgeschichte“, resümiert Prigl. Die Dombaumeister lernen dabei, das Stein nicht ewig hält, dass er aber zum gemeißelten Gebet werden kann.

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