Bayreuther Festspiele 2017

"Meistersinger" ist streckenweise langweiligstes Stehtheater

Der jüdische Regisseur Barrie Kosky hat Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ inszeniert.

Der jüdische Regisseur Barrie Kosky hat Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ inszeniert.

Foto: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuth.  Barrie Kosky hat bei den Bayreuther Festspielen die "Meistersinger von Nürnberg" inszeniert. Die Wagner-Oper ist schwer zum Klingen zu bringen.

Von Haus Wahnfried zu den Nürnberger Prozessen: Künstlerdrama, Familien-Seifenoper und Rezeptions-Tragödie, das sind die Erzählebenen, mit denen Regisseur Barrie Kosky Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ zur Eröffnung der Festspiele auf dem Grünen Hügel neu interpretiert. Schon nach dem ersten Akt gibt es vom Premierenpublikum viel Beifall, und auch im Finale kann sich die Buh-Fraktion nicht gegen die Ovationen durchsetzen. Buhrufe müssen auch Anne Schwanewilms als Eva erdulden und Philippe Jordan als Dirigent.

Barrie Kosky, Chefregisseur und Intendant der Komischen Oper Berlin, ist der erste jüdische Regisseur, der die „Meistersinger“, das von den Nazis meist missbrauchte Stück Wagners, in Bayreuth inszeniert. Entsprechend prägt die Frage seine Deutung, inwieweit Wagner seiner späteren politischen Instrumentalisierung selbst den Boden bereitet hat - und wie Außenseiter „gemacht“ werden. Bereits am Schluss des ersten Aktes öffnet sich im Bühnenraum von Rebecca Ringst der Blick in einen Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse. In diesem Ambiente vollzieht sich dann der gesamte dritte Akt inklusive Festwiese.

Meistersinger von Nürnberg sind Konversationsstück

Die Erzählung um den Volkspoeten und Schuster Hans Sachs ist Wagners einzige Komödie, aber zu lachen gibt es darin wenig, wie erfahrene Operngänger wissen. Denn die Meistersinger sind ein Konversationsstück, was übersetzt ellenlange Monologe und Dialoge bedeutet. Barrie Kosky weckt zunächst die Hoffnung, dass es diesmal anders sein würde. Die Ouvertüre erklingt zu einem Familientreffen im frisch erbauten Haus Wahnfried, Cosima hat Migräne, Franz Liszt kommt seine Tochter besuchen, der Dirigent Hermann Levi reist ebenfalls an, und Wagner selbst kriegt ein Päckchen nach dem anderen, darunter neue Schuhe.

Aus dem Flügel steigen passenderweise gleich mehrere Wagners, so dass, wenn es losgeht, der Komponist in Personalunion Sachs, Walther und David ist, also Meister, Lehrling und genialer Quereinsteiger. Franz Liszt mutiert auf dieser Spielwiese zum Pogner, Cosima ist das umworbene Evchen, und der arme Hermann Levi muss den Beckmesser geben.

Doch die Reibung, die aus diesen Interpretations-Schichten entsteht, die reicht nicht aus. Es ist erstaunlich, wie sparsam Barrie Kosky Elemente der Personenregie bei den großen Monolog- und Dialogszenen einsetzt, vor allem im ersten Teil des dritten Aktes. Das ist langweiligstes Stehtheater.

Festspielorchester arbeitet Musik fein heraus

Koskys „Meistersinger“ sind die Geschichte einer Demütigung. Zum Schlüssel wird die Schusterstuben-Szene des zweiten Aktes. Dirigent Philippe Jordan arbeitet mit dem Festspielorchester fein heraus, wie sehr Sachsens Arbeitslied „O ho! Trallalei“ dem Schmiedelied Siegfrieds in der gleichnamigen „Ring“-Oper gleicht und der folgende Dialog mit Beckmesser dem Zwiegespräch Siegfrieds mit dem Nibelung Mime.

Der Sachs dieses Auftritts ist kein gerechter Künstler, sondern ein boshafter Mann, der seinen Spaß daran hat, den armen Beckmesser ins Messer laufen zu lassen. In der folgenden Prügelszene wird Beckmesser dann unter einem Porträt Richard Wagners zum Juden geschlagen, und die aus dem Nazi-Propaganda-Organ „Der Stürmer“ berüchtigte verzerrte Darstellung eines jüdischen Porträts senkt sich als gigantischer Kopf aus dem Schnürboden.

Kostüme und Zitate wie aus uralten Inszenierungen

Wagner selbst konnte viele Leute nicht leiden, Musikkritiker zum Beispiel, er hat sich gehütet, den Beckmesser eindeutig zu zeichnen. Barrie Koskys Beckmesser-Version stand erst ab 1933 auf den deutschen Bühnen, und es ist durchaus schockierend, diese Klischees, nun Gestalt werden zu sehen. Auch sonst wirken die Kostüme der Nürnberger Lebkuchen knabbernden Meister und Lehrbuben wie Zitate aus uralten „und Meistersinger“-Inszenierungen.

Bariton Johannes Martin Kränzle hält dieses Beckmesser-Rollenbild konsequent auch stimmlich durch, was eine großartige Leistung ist. Bariton Michael Volle ist ein ambivalenter Wagner-Sachs, zerrissen zwischen seinen privaten und seinen öffentlichen Ambitionen, er bewältigt diese Riesenpartie mit viel Kraft und kluger Überlegung, und wenn der wunderbare Festspielchor ihm am Schluss zujubelt, dann kriegt man ein bisschen Angst tief innen drin.

Publikum verwechselt Nachtwächter mit Dirigenten

Anne Schwanewilms ist eine gestandene Eva mit schönen Sopran-Bögen, die zwischen den ganzen Genies in der Familie einigermaßen versauert. Für Tenor Klaus Florian Vogt bedeutete der Walther in Katharina Wagners „Meistersingern“ von 2007 den internationalen Durchbruch. Nun zeigt sich, wie sehr seine Stimme inzwischen gewachsen ist, wie sich zu dem unvergleichlichen hellen Timbre weitere Farben und Ausdrucksmöglichkeiten entwickelt haben, so dass sein Wagner-Walther am Schluss völlig glaubwürdig die ganze kleinkarierte Meister-Gesellschaft sitzen lässt.

Der Attendorner Bass Georg Zeppenfeld ist kurzfristig als Nachtwächter eingesprungen. Und da er diese Partie von der Hinterbühne aus singt, kommt er zum Applaus im Frack vor das Publikum. Viele Wagnerianer denken deshalb, er sei der Dirigent und jubeln frenetisch.

„Meistersinger“ sind schwierig zum Klingen zu bringen

Die „Meistersinger“ sind die einzige Wagner-Oper, die im Bayreuther Festspielhaus schwer zum Klingen zu bringen ist. Philippe Jordan setzt überzeugend auf die vielen transparenten Töne und macht mit dem Festspielorchester nicht immer unfallfrei die kunstvollen, altmeisterlichen Satztechniken durchhörbar, die Wagner verwendet.

Die Schlussansprache des Sachs ist gefürchtet, weil es um die „heil’ge deutsche Kunst“ geht. Barrie Kosky findet einen schönen Dreh für diese Stelle. Die deutschen Meister, das sind bei ihm: alle die Musiker und die Sänger, die jeden Tag ein anderes Deutschland Wirklichkeit werden lassen.

Hermann Levi war übrigens ein jüdischer Dirigent und Münchner Generalmusikdirektor, der sich wie kaum ein anderer für das Werk Wagners eingesetzt hat. Der Erfolg von Wagners Musik nach dessen Tod ist eng mit Levis Namen verknüpft, doch die antisemitischen Angriffe im Umfeld des Komponisten haben ihn zeitlebens stark belastet.

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