Bayreuther Festspiele

Richard Wagners „Meistersinger“: Ein deutscher Schicksalsort

Die Meistersinger von Nürnberg: Die Wagner-Oper wurde bei den Bayreuther Festspielen 2018 erstmals am 28. Juli 2018 aufgeführt.

Die Meistersinger von Nürnberg: Die Wagner-Oper wurde bei den Bayreuther Festspielen 2018 erstmals am 28. Juli 2018 aufgeführt.

Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa

Bayreuth.   Barrie Kosky inszeniert Richard Wagners „Meistersinger“ in Bayreuth meisterhaft. Es gibt opulente und farbpralle Bilder auf der Bühne.

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Wenn der Chor auftritt, läuft die Uhr an der Wand rund, dann treten die Gesetze der Zeit außer Kraft. Denn die 150 Sängerinnen und Sänger entscheiden in Richard Wagners „Meistersingern“ nicht nur über Kunst oder Kitsch beim Sängerwettstreit. Sie sind die kritische Masse, die bestimmt, wer zur Gesellschaft gehört und wer nicht.

Barrie Koskys viel diskutierte „Meistersinger“-Regie erweist sich in der zweiten Spielzeit auf dem Grünen Hügel erneut als sensationell gut gearbeitete Inszenierung mit diversen bösen und erkenntnisschmerzlichen Widerhaken. Weil die Geschichte von Haus Wahnfried aus direkt auf die Nürnberger Prozesse zusteuert, gibt es vom Publikum neben rauschendem Beifall auch empörte Buh-Rufe. Dirigent Philippe Jordan und die Sänger werden mit nicht enden wollenden Bravos gefeiert.

Wie beim Hempels unterm Sofa

Es fängt wie ein Spiel an. Der Dirigent Hermann Levi und der Komponist Franz Liszt, der Vater von Cosima, besuchen die Wagners. Zunächst geht es im Haus Wahnfried so munter zu wie bei Hempels unterm Sofa, dann probieren die Beteiligten des Komponisten neue Oper aus: Liszt wird zu Veit Pogner, Cosima zu Evchen, Levi zu Beckmesser, und Wagner selbst teilt sich entzwei – in den weltweisen alten Künstler Hans Sachs und in den jungen Avantgardisten Walther von Stolzing, der die Regeln beherrscht, sie aber bewusst übertritt. So gewinnen die „Meistersinger“ gleich drei Erzählebenen: Künstlerdrama, Komponisten-Biographie und die Rezeption als Nazi-Propagandastück. Haus Wahnfried wird zum deutschen Schicksalsort.

Barrie Kosky verführt das Publikum durch opulente, farbpralle ­Bilder, die wie lebendig gewordene Szenen altmeisterlicher Malerei zur Reformationszeit anmuten. Die Wagnerianer verlieren sich im historisierenden Rausch dieser ­Optik. Schon die taktgenau auf die Musik choreographierte, türenknallende Screwball-Komödie zum Vorspiel bringt die Lacher auf die Seite des Regieteams, zu dem neben Kosky Bühnenbildnerin Rebecca Ringst und Kostümbilder Klaus Bruns gehören.

Der Stadtschreiber wird komisch

Im weiteren Verlauf zeigt sich, dass Barrie Kosky tatsächlich Chöre über die Bühne bewegen kann, die Personenregie ist handwerklich und ästhetisch meisterhaft.

Doch in das Lachen schleicht sich leise das Grauen. Beckmesser, berührend zwischen Selbstüberschätzung und Demütigung gesungen und gespielt von Johannes Martin Kränzle, ist anfangs ein geachtetes Mitglied der Meistersinger-Gilde, die ein bisschen wie der Elferrat im Kölner Karneval daherkommt. Weil er aber als alter Hagestolz noch mal auf Freiersfüßen wandeln will und dabei so eifersüchtig ist, wird der Stadtschreiber komisch. Nach und nach, fast unmerklich, nimmt dieses Verhalten Aspekte an, die von den Antisemiten als Vorurteile über Juden unters Volk gebracht wurden.

Das Publikum lacht über die gestelzten Verrenkungen, den krächzenden Gesang, die Unfähigkeit, eigene schöpferische Leistungen zu erbringen, ohne zu erkennen, dass es auf Klischees hereinfällt. Bis sich der Chor in einen Mob verwandelt und in der Prügelfuge auf Beckmesser stürzt. Dabei steigt die gigantische Karikatur eines Judenkopfes aus der Hetzschrift „Der Stürmer“ in die Luft. Beckmesser, der nervtötende, harmlose Querulant, wird zum Außenseiter, zum Juden gemacht, den man straflos schlagen kann. Die Frage, woher diese Gewaltausbrüche, diese Lust am Quälen des Anderen kommen, macht den Wahn-Monolog des Sachs‘ ja so aktuell.

Barrie Kosky hat seine Insze­nierung noch einmal überarbeitet, vor allem den zweiten Akt. ­Dadurch wird die Handlung stärker fokussiert. Auschwitz, das legen seine Bilder nahe, steht in keinem ­ursächlichen Zusammenhang mit den „Meistersingern“, aber die Saat der Gewalt, die dort gelebt wird, kann jederzeit wieder ausbrechen.

Ein enormer Vorwärtsdrang

Die „Meistersinger“ sind tückisch zu dirigieren, denn sie klingen bei schlechten Maestros oft nicht gut. Philippe Jordan schafft es hingegen, bis zur Wurzel von Wagners musikalischem Komödienverständnis durchzudringen. Das speist sich aus der Motorik bestimmter Formeln, Tanzbewegungen, frühe altfränkische Fugen und Schusterlied. Dieser Bewegungsimpuls erzeugt einen enormen Vorwärtsdrang, der auch die lyrischen und schwelgerischen Passagen einbindet.

Mit Klaus Florian Vogt als ­Stolzing und Michael Volle als Sachs steht ein Sängerpaar auf der Bühne, das sich gerade in seiner Unterschiedlichkeit perfekt ergänzt. Klaus Florian Vogts Tenor mit der kostbaren silbernen Farbe ist reicher geworden, dunkler und noch ausdrucksstärker. Volle hingegen reflektiert als Sachs den ­Liebesverzicht und den Wahn der Welt in erschütternden Mono­logen. Das ist bis zum Schluss eine großartige Leistung. Der Fest­spielchor unter der Leitung von Eberhard Friedrich verteidigt ­mühelos seinen Ruf als bester Chor der Welt.

An Sachs’ens Worten von der „heil‘gen deutschen Kunst“ haben sich schon viele Regisseure die Zähne ausgebissen. Barrie Kosky zeigt am Schluss einen Weg auf, der nicht zum Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse führt. Auf dem Bühnenwagen rollt sie heran, die deutsche Kunst, das Beste, was das Land der Welt zu bieten hat: Sinfonieorchester und Chöre.

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