Bayreuther Festspiele

Warum der Parsifal in Bayreuth bildstark aber problematisch ist

Foto: Bayreuther Festspiele

Bayreuth.  Die Parsifal-Inszenierung in Bayreuth beschreibt eine ultimative Männerphantasie und hat starke Bilder dabei – trotzdem bleibt sie problematisch.

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Was verbirgt sich unter dem Schleier, dem Tschador? Diese Frage beschreibt eine ultimative Männerphantasie. Regisseur Uwe Eric Laufenberg macht im Bayreuther „Parsifal“ die Probe aufs Exempel.

Klingsors Blumenmädchen entblättern sich aus schwarzen Ganzkörperhüllen, um als bezaubernde Jeannies den reinen Toren zu umgarnen. Doch von Erotik gibt es dabei keine Spur. Denn Laufenberg inszeniert Wagners letzte Oper als Pilgerfahrt verklemmter Bruderschaften, wobei Klingsor selbst einmal zu oft mit den falschen Leuten nach Kevelaer gewallfahrtet zu sein scheint.

Parsifal-Inszenierung in Bayreuth bildstark aber problematisch

Auch in der dritten Spielzeit bleibt diese Parsifal-Inszenierung problematisch, allerdings lernt man den bildstarken ersten Akt von Jahr zu Jahr mehr schätzen. Bei der Premiere gab es auf dem Grünen Hügel Buhs und Bravorufe gleichermaßen für die Regie, dazu viel Beifall für Dirigent Semyon Bychkov und ein großartiges Ensemble.

Mitten im umkämpften Nirgendwo des Nahen Ostens betreibt eine Gruppe Mönche die letzte christliche Kirche, versorgt Flüchtlinge und zelebriert abscheuliche Rituale. Die Brüder haben ein Geheimnis, sie hüten den Gral, der das Leben verlängert, aber dem Gralskönig selbst beim Offenbaren unfassbare Schmerzen bereitet.

Von wegen Mitleid – Mönche nähren sich von Qualen

Anstatt nun das Mitleiden als Kardinalstugend des Christentums zu pflegen, nähren sich die Mönche von den Qualen des Amfortas, allen voran dessen Vater Titurel. Der Greis will nicht sterben, dafür nimmt er erbarmungslos in Kauf, wenn der Sohn vor Leid wimmert. Erst ein reiner Tor, durch Mitleid wissend, kann die Situation heilen. Gisbert Jäkel hat dazu eine Bühnenarchitektur geschaffen, die orientalische Kuppelkirche und Hamam gleichzeitig ist.

Zwei Zeugen gibt es für die Geschichte. Gurnemanz kann sich als einziger der Brüder auch der nichtchristlichen Umgebung anpassen. Günther Groissböck hat diese Riesenpartie von Georg Zeppenfeld übernommen, und er singt sie mit schwerem Bass, ein Mann, der viel gesehen und die Hoffnung trotzdem noch nicht aufgegeben hat. Auf der anderen Seite ist Kundry Beobachterin, aber auch Opfer und Täterin in einem. Elena Pankratova setzt eine überwältigende Bandbreite stimmlicher Ausdrucksmöglichkeiten ein, um von Resignation bis Reue diese spannendste aller Wagner-Heldinnen zu charakterisieren.

Parsifal mit hellen Lichtern im Tenor

Andreas Schager ist ein Parsifal mit hoffnungshellen Lichtern im Tenor, aber auch mit den dunklen Farben der Brutalität und des Zweifelns. Derek Welton singt den Klingsor mit gefährlich-geschmeidigem Bassbariton, der dunkle Bruder der Mönche, kein Abtrünniger wie im Text, sondern ein Sektierer, der den Cocktail aus Schmerz und Verlangen in schwülen Fanatismus verwandelt.

Der erlösende Regen des Karfreitagszaubers befreit dann Männlein und Weiblein aller Nationen von Beschränkungen und Hemmungen, und Vertreter aller Weltreligionen geben ihre Glaubenssymbole auf, denn das Trennende ist nicht mehr nötig, nachdem Parsifal Amfortas erlöst hat. Damit zeichnet Laufenberg eine schön naive Vision vom Frieden unter den Glaubensgemeinschaften. Semyon Bychkov dirigiert das Parsifal-Vorspiel ungewohnt eckig, ohne den großen Puls, den man von anderen Interpretationen kennt.

Dann allerdings betont Bychkov den rauschhaften Fluss der Musik. Zu den überzeugendsten Ideen der Inszenierung gehört, wie die Verwandlungsmusik vor der Gralsszene des ersten Aktes zum kosmischen Schöpfungsklang wird.

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