Glosse

Das Wichtigtuer-Dilemma des Glossenschreibers

Na, na, na – nicht so egozentrisch bitte!

Na, na, na – nicht so egozentrisch bitte!

Foto: Martin Schutt

Hagen.  Kollege Li hat aufgehört politische Kommentare zu schreiben – er habe das Interesse an seiner Meinung verloren. Ungewöhnlich, in unserem Gewerbe.

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Der verehrte Kollege Li hat vor einigen Jahren aufgehört, politische Kommentare zu schreiben. Begründung: Er habe das Interesse an seiner eigenen Meinung weitgehend verloren. Das grenzt an Arbeitsverweigerung, drückt aber vor allem Bescheidenheit aus: Da mag einer sich nicht mehr so wichtig nehmen. Das ist höchst ungewöhnlich in unserem Gewerbe. Sympathisch.

Diese Haltung bringt allerdings zwei Probleme mit sich: Zu einigen Themen vermisst man die elegant formulierten Ansichten des Kollegen. Und: Wer weiter macht, fühlt sich als Wichtigtuer. Zumindest ein wenig. Ich beispielsweise versuche beim Kommentieren nicht den Eindruck zu erwecken, dass ich alles besser wüsste. Ich will nur einen oder zwei Gedanken einwerfen. Und ein Kommentarauftrag gibt Anlass, mir welche zu machen. Das ist manchmal bereichernd – zumindest für mich.

Wichtig, wichtig, wichtig

Nun mag man diese Sichtweise als egozentrisch verurteilen. Aber was wäre dann erst mit einer Kolumne wie dieser, in der es in erster Linie um die eigene Person geht? Wie wichtig muss man sich also nehmen, um derlei zu verfassen? Wohl ziemlich. Und ist das nicht eine eher unangenehme Eigenschaft, die ein Publikum eventuell abstößt?

Solche Fragen beschäftigen mich bisweilen. Nach dem Motto von Wolfgang Neuss: „Heut’ mach ich mir kein Abendbrot, heut’ mach ich mir Gedanken.“ Wenn Sie nicht wissen sollten, wer Wolfgang Neuss war, googeln und youtuben Sie - dann hätte dieser Text für Sie schon einen Sinn gehabt.

Ein Schritt zurück

Aber wie komme ich aus dem Wichtigtuer-Dilemma? Meine Erfahrung ist: Wichtig nehmen muss man sich schon. Sonst fände man ja nicht mitteilenswert, was man zu sagen hat. Das beinhaltet schon eine gewisse Eitelkeit. Aber man darf sich nicht ernst nehmen. Man muss mindestens einen Schritt zurücktreten und sich selbst mit Distanz betrachten können. Das finde ich gar nicht so schwer. Und das halte ich auch im wirklichen Leben außerhalb der Kolumnenspalte für hilfreich. Das relativiert die eigene Bedeutung. Das ist gesund, wenn man zwischen lauter Ego-Shootern erträglich bleiben will für die Umgebung. Der Wille zählt, auch wenn es nicht immer gelingt.

Ganz privat allerdings dies: Zu Hause würde ich hin und wieder schon gerne ernst genommen werden.

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