Bei uns daheim

Ernährung ist für viele die neue Religion

Das sieht gesund aus: Eine Frau bereitet Möhren und einen Apfel im Mixer zu.

Das sieht gesund aus: Eine Frau bereitet Möhren und einen Apfel im Mixer zu.

Foto: Jens Kalaene/DPA

Hagen.  Unser Autor fühlt sich von Diät-Tipps umzingelt. Das Predigen ist im Food-Bereich inzwischen eine sehr beliebte Kommunikationsform, findet er.

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Manchmal fühle ich mich so verletzlich. Und manchmal sogar verletzt. Etwa dann, wenn der Arzt, nachdem er mir Blut abgezapft und dies und jenes hat spiegeln und durchleuchten lassen, zu meinem Ziehen und Zwacken nur bemerkt, es sei alles altersgemäß normal. Ich möchte aber, dass es gut ist. Doch dafür ist es wohl zu spät.

Dabei hatte ich mal einen so robusten Körper. Das fällt mir deshalb zu Ostern ein, weil ich mich dann an den jährlichen Wettbewerb mit meinem Vater erinnere, bei dem es darum ging, mehr hartgekochte Eier als der andere zu verzehren. Im Tagesverlauf. Ich weiß nicht mehr, wer öfter gewonnen hat, aber wir kamen stets jeder auf eine zweistellige Zahl. Ohne größere Nebenwirkungen. Und ohne – zumindest auf meiner Seite – auf Schokohasen und das sorgsam von der Mutter in Scheiben geschnittene Pastetenei zu verzichten. Und das betraf nur die Zeit zwischen den Mahlzeiten.

Von Diäten umzingelt

Heute dagegen fühle ich mich von Diät-Tipps umzingelt. Die einen schwören aufs Intervallfasten, die nächsten pflegen ihre Allergien und Unverträglichkeiten, und gerne werden auch Tipps zur Einnahme von Heilerde, Protonenpumpenhemmern und Flohsamenpräparaten ausgetauscht. Und das ist noch die ideologiefreie Abteilung. In der mit Ideologie geht es richtig zur Sache. Klar, Ernährung ist die neue Religion. Da tobt man heute gerne seinen Fundamentalismus aus. Und das mit dem Veganismus hat ja auch Vorteile für die Umwelt und die Lämmer, die weiterleben dürften.

Falls sie überhaupt geboren worden wären, was in einer Vegetarierwelt zweifelhaft erscheint, womit der Vorteil für die Tiere sich in Grenzen hielte.

Glückliche Eier

Nun sind glücklicherweise nicht alle Fundis, aber das Predigen ist im Food-Bereich inzwischen die zweitbeliebteste Kommunikationsform nach dem herrlich unverbindlichen „lecker“. Das hört man besonders oft von denen, die jetzt die Fastenzeit beenden. Und recht haben sie. Aber müssen denn alle miteinander am Ostersamstag den Lebensmitteleinzelhandel belagern, als ob es keinen Dienstag mehr gäbe? Sollten wir nicht lieber nur ökologisch gefärbte Eier von glücklichen Hühnern in uns stopfen und uns den Rest der Feiertage auf dem Sofa liegend den Bauch halten? Dann wäre auch kein Stau auf den Straßen.

Aber man verträgt halt nichts mehr. Das ist diese neue Verletzlichkeit.

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