Glosse

Es hätte schlimmer kommen können

Foto:  Daniel Bockwoldt

Hagen.  Wenn ich mir nur die geringste Aussicht auf Erfolg versprechen würde, hätte ich längst einen Verein zur Abschaffung des Winters gegründet.

Wenn ich mir nur die geringste Aussicht auf Erfolg versprechen würde, hätte ich längst einen Verein zur Abschaffung des Winters gegründet und mich vom Journalismus verabschiedet, um nur noch Propaganda für die gute Sache zu machen. Aber ich bin Realist und Leiden gewohnt. Deshalb habe ich am vergangenen Samstag die trockene und geheizte Wohnung verlassen, um mich (per Fahrrad!) zur Yogastunde zu bewegen. Der Körper verlangt das.

Es war nur eine Vertretung da, ein Ungar der Anweisungen wie „Zurück zum herabschauenden Hund“ in einem schwer verständlichen Englisch erteilte, aber ich machte einfach, was die anderen machten, nur schlechter. Es war also wie immer. Dann: Winterjacke an, Fahrradsattel vom Schnee befreit, kurz bei der Bäckerei vorbeigeschaut und ab nach Hause. Ganz vorsichtig die Schräge zur Tiefgarage hinunter, genau so vorsichtig absteigen, aufschließen...

Rechte Außentasche

Moment: Wo ist der Schlüssel? Offenbar nicht in der rechten Außentasche wie sonst immer. Aber auch nicht in einer anderen. Auch nicht nach Dreifachkontrolle. Mal Nachdenken: Zuletzt hatte ich den Schlüsselbund in der Hand, als ich vorm Yogastudio das Fahrrad aufschloss. Vielleicht ist er mir beim Aufsteigen aus der Jacke gefallen. Also zurück durch den Schnee. Fehlanzeige. An der Bäckerei? Auch nichts. Irgendwo sonst auf dem Weg? Ich fahre ihn ganz langsam ab. Der Schneefall wird dichter. Ich finde nichts.

Ich ziehe Bilanz: Fürs Auto habe ich eine Ersatz-Fernbedienung. Briefkasten- und Kellerschlüssel lassen sich nachmachen. Den Büro- Schreibtischschlüssel habe ich sowieso noch nie benutzt. Den Verlust des Schlüssels für die Hausschließanlage müsste ich der Hausverwaltung melden. Dann würde alles ausgewechselt. Das würde teuer. Aber wenn ich nichts sage, passiert auch nichts. Wir haben einen Reserveschlüssel. Und wer das Original findet, weiß ja nicht, wo er schließen, bzw. öffnen müsste. Zusammengefasst: Es hätte schlimmer kommen können.

Ein Mann im Schnee

Die Frage ist nur: Was mache ich jetzt? Frau S. kommt erst in anderthalb Stunden zurück vom Sport. Soll ich so lange vor der Tür stehen? Im Schnee? Da könnte ich genau so gut die Strecke erneut abfahren. Ich tat’s. Und fand den Schlüssel. Mittel auf einer dicht befahrenen Kreuzung. Das schwarze Etui hob sich vom weißen Schnee ab. Der Winter hat also auch Vorteile. Trotzdem: Es reicht nicht.

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