Bei uns daheim

Geschwätz von heute entwertet nicht die Leistung von damals

Lothar Matthäus ist im Fernsehen regelmäßig als Experte zu sehen.

Lothar Matthäus ist im Fernsehen regelmäßig als Experte zu sehen.

Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Hagen.  Wir sollten Sport-Legenden wie Lothar Matthäus ertragen können, findet der Autor unserer Kolumne. Irgendwann seien auch wir auf Gnade angewiesen.

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Am Donnerstag wäre meine Schwester 58 Jahre alt geworden. Aber „Wäre, wäre, Fahrradkette“, wie der große Lothar Matthäus einmal geäußert haben soll.

Das mit der Größe ist übrigens gänzlich unironisch gemeint. Mit einem Matthäus in der Form von etwa 1990, mit seinem Willen, seiner Kampfkraft und seiner Übersicht hätte „Die Mannschaft“ Russland nicht nach der Vorrunde verlassen müssen. Das lässt sich nicht beweisen, dürfte aber Fußballfreunden einleuchten. Außer, man psychologisiert, auch ein 29-jähriger Matthäus passe mental nicht in die heutige Spielergeneration. Das klingt zwar stimmig, ist aber egal. Weil die Nominierung von Lothar M. sowieso keine Option war. Zum Glück.

Heute und damals

Ich will auch auf ganz etwas anderes hinaus: Das dumme Geschwätz von heute entwertet nicht die Leistung von damals. Das gilt genau so zum Beispiel im Falle Boris Becker. Man darf sich von der Gegenwart keinesfalls die Vergangenheit zerstören lassen. Was kann Langeweile aus dem Hause McCartney dem ewigen Ruhm der Beatles schaden? Es ist nicht nötig, den Weg von Jim Morrison, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Kurt Cobain oder Amy Winehouse zu gehen, um in guter Erinnerung zu bleiben. Im Gegenteil bedauere ich häufig, dass John Lennon sich nicht mehr künstlerisch mit der Gegenwart auseinandersetzen kann. Selbst wenn es nicht ganz auf dem Niveau von früher wäre.

Erheblich öfter bedauere ich allerdings, dass meine Schwester sich nicht mehr aktiv an den Diskussionen beteiligt, die ich mit ihr führe. Auch wenn sie mir zu Lebzeiten bisweilen schwer auf den Wecker gehen konnte. Aber dass da schon so lange gar nichts mehr kommt und auch künftig nichts zu erwarten ist, ertrage ich schlecht.

Eine Art Leben auf der Tribüne

Deshalb freue ich mich, wenn ich Mick Jagger im Halbfinale Frankreich-Belgien auf der Tribüne sehe. Einfach nur, weil er noch da ist. Da muss ich unser Verhältnis nicht durch die Frage trüben, wann er mich zum letzten Mal positiv überrascht hat. Und richtig schlecht ist er ja immer noch nicht.

Anders als Lodda und Boris und viele, die früher etwas konnten. Der Verlust der Fähigkeiten ist doch für sie selbst am schlimmsten. Da werden wir sie doch ertragen können und uns besinnen auf bessere Zeiten. Eventuell sind wir dereinst selbst auf diese Gnade angewiesen. Hoffentlich nicht jetzt schon.

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