Glosse

Ich wusste nicht viel

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Hagen.  Als Kind habe ich darunter gelitten, dass ich sehr viel nicht wusste und konnte. Aber das werde bald anders sein, war ich überzeugt.

Als Kind habe ich darunter gelitten, dass ich sehr viel nicht wusste und konnte. Aber das werde bald anders sein, war ich überzeugt: Wenn ich erst alt wäre, also etwa 15 oder gar 20, dann gäbe es für mich keine Rätsel oder Unmöglichkeiten mehr, so glaubte ich. Ganz so ist es nicht gekommen. Obwohl ich mich gerade mit knapp 20 für ziemlich unfehlbar hielt. Meine Lehrer und Eltern waren nicht dieser Auffassung, aber was wussten die schon... Diese Phase war vermutlich hormonell bedingt.

Zu optimistisch

Kurz danach wurde mir dann klar, dass ich als Kind etwas zu optimistisch gewesen war. Meine Fähigkeiten waren möglicherweise doch beschränkt. Dass ich noch kein großer Fußballer oder Gitarrist war, konnte ich nicht mehr nur auf mangelnden Fleiß schieben. Und wenn mir ein Nobelpreis verwehrt bleiben würde, könnte es eventuell nicht nur daran liegen, dass ich mich für Physik oder Chemie nicht genügend interessierte.

Damals begann ich gerade erst zu verstehen, dass alles interessant sein kann, wenn man sich nur genügend damit beschäftigt. Aber was ist genügend? Gewissenhaft bin ich zwar einigermaßen, aber nicht sehr geduldig. Mir genügt es eben schnell. Es gibt sicher noch oberflächlichereMenschen als mich, aber ich weiß lieber von Vielem ein wenig, als von Wenigem sehr viel. Deshalb bin ich dann später Journalist geworden. Mit der Spezialität: alles.

So hat es mich dann auch vor ein paar Tagen nicht überrascht, als ich von unserem redaktionellen Planungssystem schriftlich ersucht wurde, mich einmal um das Thema Ahnenforschung zu kümmern. Warum nicht? Ist wohl schon länger en vogue. Identitätssuche und Regionalgeschichte zwischen Archivstaub und Digitalrecherche. Ich tat, was man heutzutage meistens tut, wenn man irgendwas anfängt: Ich googelte. Und stieß auf einen Artikel von mir selbst. Aus dem Januar 2017. „Die Suche nach den Wurzeln der Familie liegt im Trend.“

Wiederholung und Illusion

Ich entschied mich gegen den Arbeitsauftrag. Ich wiederhole mich nicht gern und tat das kund. „Dafür wiederholst Du Dich aber ganz schön oft“, spottete ein Kollege. Mag sein. Jedoch unfreiwillig. Und es belastet mich auch. Andererseits muss ich die Chance sehen: Bei weiter schwindenden Geisteskräften könnte ich mich in die Illusion retten, mein Kindheitswunsch hätte sich erfüllt und ich hätte einst alles gewusst. Und wieder vergessen.

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