Glosse

Pädagogisches Rätsel

Hagen.  Ein Rätsel: Ein Vater und sein Sohn sind im Auto unterwegs. Sie haben einen Unfall. Der Vater kommt ums Leben. Der Sohn wird schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht.

Er muss operiert werden. Der diensthabende Chirurg traut sich das nicht zu. Da muss die Koryphäe ran. Ob sie Zeit hat? Die Koryphäe hat. Es gibt für sie nichts Wichtigeres auf der Welt. Die Koryphäe sagt: Der Patient ist mein Sohn. Nun die Frage: Wie ist das möglich?

Wir Angesprochenen standen ratlos herum. Es wurden Vermutungen geäußert, die wenig Sinn ergaben. Es wurde gebeten, die Geschichte erneut zu erzählen, was jedoch nichts half. Ich versuchte es nicht einmal mit Raten, sondern wartete geduldig auf die Lösung. Die war verblüffend einfach: Die Koryphäe ist die Mutter.

Pädagogik

Das war natürlich ein pädagogisches Rätsel. Es funktionierte: Keinem der Zuhörer – egal, ob männlich oder weiblich – war es in den Sinn gekommen, dass die Koryphäe eine Frau sein könnte. Der Super- Operateur: natürlich ein Mann. So funktioniert unser Gehirn. Und wir alle, die wir uns für aufgeklärte, vorurteilsfreie Menschen halten, waren irritiert über uns selbst.

Zu unserer Entschuldigung könnte man anführen: Die Lage in deutschen OPs ist tatsächlich so, dass eine Frau als Top-Expertin die ganz große Ausnahme wäre. Obwohl länger schon die Mehrzahl der neuen Mediziner weiblich ist und das Wort Koryphäe auch. Aber das macht die Blockade in unseren Köpfen nicht besser. Weil diese Blockade einen guten Teil dazu beiträgt, dass die Realität so ist, wie sie ist. Das zeigt, dass es nicht reicht, Gleichberechtigung in Gesetze zu schreiben, um sie zu erlangen.

Die Quoten-Freundin

Die Freundin, die uns das Rätsel aufgab, plädiert für die Bevorzugung von Frauen in vielen Bereichen und für Quoten, bis Gleichstand hergestellt ist. Dann würde sich das Bewusstsein langsam der Wirklichkeit annähern. Ich halte das für recht wahrscheinlich, bin aber aus prinzipiellen Gründen gegen neue Ungerechtigkeiten, um alte Ungerechtigkeiten auszugleichen. Der Zweck heiligt nicht die Mittel, meine ich. Aber das sagte ich nicht, weil ich die Antwort kenne: Das könne nur vertreten, wer von den bestehenden Ungerechtigkeiten profitiere.

Stattdessen stellte ich die nächste Rätselfrage, die wegen der Koryphäen- Vorlage allerdings sofort beantwortet wurde: Wie nennt man einen Schwarzen, der ein Flugzeug steuert? Pilot. Wie sonst?

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