Bei uns Daheim

Warum wir Niederlagen stärker wahrnehmen als Siege

Marco Reus von Borussia Dortmund (Mitte) nach dem WM-Aus des DFB-Teams.

Marco Reus von Borussia Dortmund (Mitte) nach dem WM-Aus des DFB-Teams.

Foto: firo

Hagen.  Warum feiern wir den Wimbledon-Sieg von Kerber nicht so, wie wir das WM-Aus der Nationalmannschaft betrauern? Unsere Kolumne liefert Antworten.

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Warum eigentlich hat der Erfolg von Frau Kerber in Wimbledon nicht ausgereicht, die Schmach unserer Fußballer vergessen zu machen? Aus drei Gründen: Nach Fußball kommt in Deutschland Fußball und dann noch einmal Fußball und irgendwann sehr viel später erst irgendetwas anderes.

Selbst das sinnlose Spiel um Platz 3 hatte vergangenen Samstag in der ARD fast vier Mal so viele Zuschauer (8,5 Millionen) wie zeitgleich das Damen-Endspiel (2,3 Millionen) im ZDF. Zweitens ist eine Einzelsportlerin eine Einzelsportlerin. „Wir“ haben nicht Wimbledon gewonnen, aber „wir“ waren bis vergangenen Sonntag Weltmeister. Und drittens passen Niedergangs-Geschichten einfach besser in die Stimmung.

Die Furcht in der Gesellschaft

„Alles geht vor die Hunde.“ Darauf kann sich doch eine Mehrheit einigen. Nur sind die Gründe für diese Einschätzung äußerst unterschiedlich. Die einen fühlen sich von Flüchtlingen bedroht, die anderen vom zunehmenden Rassismus. Die einen fürchten die Öffnung der Grenzen und der Gesellschaft und die anderen geistige Enge. Die einen vermissen Ordnung, die anderen sehen den Faschismus nahen.

Und alle fühlen sich irgendwie hilflos. Das ist so ein Gefühl. Aber mit ein wenig Verstand können wir unsere Gefühle beherrschen. Dass wir Schlechtes oft stärker wahrnehmen als Gutes, ist evolutionär bedingt: Wir lernen aus Fehlern und Schmerzen. Wer das nicht konnte, ist ausgestorben. Das war also nützlich. Nur verführt uns diese verzerrte Wahrnehmung oft dazu, Gefahren zu über- und Chancen zu unterschätzen. Das ist ein Problem nicht nur bei der Zukunftsgestaltung, sondern auch für unsere Psyche: Ängste und Aggressionen machen das Leben nicht schöner.

Selbstkritik und Schuldzuweisung

Obwohl etwas mehr Aggressivität im Zweikampf unserer Fußball-Nationalmannschaft schon gut getan hätte. Frau Kerber dagegen hätte nie gewonnen, wenn sie dauernd über ihre Fehler und Schwächen nachgegrübelt hätte. Sie hat sich darauf konzentriert, was sie kann. Und so Erfolg gehabt. Was kein Plädoyer für bewusstloses Selbstbewusstsein sein soll. Sympathischer und intelligenter sind meist die Selbstkritischen.

Hätten also die Untergangspropheten recht? Wissen kann man es nicht. Aber wer sich selbst nie in Frage stellt und anderen Schuld zuweist, wird auf Dauer nichts erreichen. Da bin ich ganz optimistisch.

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