Bei uns daheim

Was unsere Smartphone-Generationen von Japan lernen können

Tokio, die Stadt der Superlative, ist schrill und bunt. Aber die Smartphones der Menschen sind stumm.

Tokio, die Stadt der Superlative, ist schrill und bunt. Aber die Smartphones der Menschen sind stumm.

Foto: Getty Images

Hagen.  Texte lassen uns komplexe Zusammenhänge verstehen, sagt unser Autor. Was aus Menschen wird, die nicht lesen, sehe man an Donald Trump.

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Wenn in der Tokioter U-Bahn das Schlimmste vorbei ist, lässt sich dies beobachten: 50 Prozent der Reisenden starren auf ihr Handy. 25 Prozent starren nur so vor sich hin. 20 Prozent schlafen. Die restlichen 5 Prozent lesen. Bücher. Null Prozent Zeitungsleser sind für einen langjährig Beschäftigten im holzverarbeitenden Gewerbe und einen auch privat überzeugten Anhänger gedruckter Aktualitätsbewältigung bitter. Andererseits muss man sich wohl freuen, wenn überhaupt noch gelesen wird. Das ist prinzipiell auf dem Handy möglich. Wenn ich allerdings Menschen über die Schulter schaue, deren Blick auf ihren kleinen Bildschirmen klebt, sehe ich deutlich mehr Bild als Text. Da unterscheiden sich Japan und Deutschland kaum.

Die Macht der Bilder

Selbstverständlich sind auch Bilder wichtig. Was wäre ohne sie aus Vincent van Gogh oder Martin Scorsese geworden? Vielleicht sogar glücklich(er)e Menschen. Nur für Kunst- und Filmliebhaber wäre das bedauerlich. Wo waren wir? Genau: Text. Schriftliches ist in ganz besonderer Weise geeignet, komplexe Zusammenhänge und Gedanken zu vermitteln. Wird weniger gelesen, wird weniger verstanden davon, wie die Welt funktioniert. Das ist schlecht für die Menschen, die jetzt und künftig auf der Erde leben. Man kommt zwar auch irgendwie anders durch, aber was aus Leuten werden kann, die keine Bücher und auch sonst wohl nichts lesen, sieht man an Donald Trump. So sad.

Die Überforderung

Lesen ist allerdings auch anstrengend. Ich musste das auf einer achttägigen Radtour, wegen der es mich nach Japan verschlagen hatte, feststellen. Nach 80 Strecken-Kilometern und 800 Höhenmetern war ich gerade noch in der Lage, dem Richtungspfeil auf meinem GPS zu folgen, schon von einzelnen Wörtern fühlte ich mich überfordert. Treten, lenken, geradeaus gucken – mehr ging kaum. So ist das, wenn man sehr, sehr erschöpft ist. Könnte dies die Erklärung für die verbreitete Leseunlust sein? Allgemeine Erschöpfung? Sind wir alle überfordert? Brauchen wir mehr Ruhe? Bestimmt. Dringend. Wahrscheinlich würde dann aber doch nur noch mehr am Smartphone gedaddelt und geliked und geselfied. Was aber für Japan spricht: Dort sind in der Öffentlichkeit die Handys stumm geschaltet. Und die Buchleser blättern ganz leise. Das spricht schon sehr für das Land.

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