Drogen

Besonders für Jugendliche sind Drogen eine große Gefahr

Die Fallzahlen von Schülern, die mit Cannabis erwischt werden, hat sich im letzten Jahr verdoppelt.

Die Fallzahlen von Schülern, die mit Cannabis erwischt werden, hat sich im letzten Jahr verdoppelt.

Foto: Bialasiewicz

Bad Fredeburg.   Die Zahl der Schüler, die mit Drogen erwischt werden, hat sich laut Polizei verdoppelt. Wie dramatisch ist die Lage wirklich?

In wenigen Jahren hat sich die Zahl der Schüler, die mit Drogen wie Cannabis erwischt werden, in Nordrhein-Westfalen verdoppelt. Das geht aus Zahlen der Landeskriminalämter und des Innenministeriums hervor, die in der vergangenen Woche öffentlich geworden sind. Ein Gespräch mit dem Suchtexperten Dr. Dieter Geyer, ärztlicher Direktor an der Fachklinik Fredeburg, über die Ursachen und Risiken.

Ist die Konsumentenzahl in Schulen tatsächlich so stark gestiegen?

Eine Verdopplung in vier Jahren – an einen solch starken Anstieg beim Konsum glaubt Dr. Dieter Geyer nicht. „Vermutlich werden nur mehr Schüler erwischt“, sagt der ärztliche Direktor der Fachklinik Fredeburg, die auf die Behandlung von Suchterkrankungen spezialisiert ist.

„Und viel schlimmer als in den Schulen ist der Konsum bei den arbeitslosen Jugendlichen: Die kiffen sich den Frust weg.“ Das Problem: „Die Schüler, die die Polizei aufgreift, nehmen meist noch andere legale und illegale Drogen wie Alkohol, Nikotin oder Amphetamine“, sagt Geyer.

Hat der Drogenkonsum also gar nicht zugenommen?

Der Cannabiskonsum hat in den vergangenen 20 Jahren deutlich zugenommen, referiert Geyer aus Studien. Seit einigen Jahren aber schwanke der Cannabiskonsum und steige nicht weiter an. Mittlerweile hätten etwa 40 Prozent der 18- bis 25-Jährigen Cannabis zumindest einmal getestet oder konsumierten gelegentlich, also ein oder zwei Mal im Jahr, höchstens ein Mal pro Monat. Fünf Prozent in dieser Altersgruppe seien regelmäßige Konsumenten, bei den 12- bis 17-Jährigen zwei Prozent.

Ein bis zwei Mal pro Jahr Cannabis – ist das ein Problem?

Für Jugendliche durchaus, sagt der Neurologe und Psychiater. Sie haben ein höheres Gefährdungs­risiko als Erwachsene. „Das Gehirn ist erst im Alter von 21 bis 24 Jahren ausgereift“, sagt Dieter Geyer. ­Mithin ­werden Jugendliche viel schneller abhängig und sie entwickeln rascher Psychosen.

„Und jugendliche Gehirne entwickeln relativ häufig Störungen im Kurzzeitgedächtnis“, sagt Dieter Geyer. „Die Jugendlichen werden schnell ausbildungsunfähig, schaffen die Schule und die Lehre nicht mehr“, erzählt er von seinen Patienten. Er warnt: „Unter 21 Jahren ist jeglicher Konsum riskant.“

Warum ist die Zahl der Konsumenten gestiegen?

Da sind zum einen die Probleme zu Hause. „Jugendliche aus gebrochenen Familien sind viel stärker gefährdet als andere“, sagt Dieter Geyer. Da ist zum zweiten die Fehleinschätzung der Gesellschaft. „Cannabis wird unterschätzt“, sagt Geyer. So seien die Cannabis-Produkte heutzutage viel konzentrierter und vier Mal so stark wie in den 70er Jahren, so der Experte. „Cannabis ist heute keine weiche Droge mehr“, betont er.

Da sind zum dritten „breite Kreise in der Politik, die die Freigabe von Cannabis propagieren“, kritisiert Geyer. Wer dies wolle, müsse aber auch den Jugendschutz verbessern: Der Verkauf von Cannabis an Jugendliche dürfe frühestens ab 21 Jahren erlaubt werden. Da aber der Jugendschutz bereits beim Verkauf und Ausschank von Alkohol oft nicht beachtet werde, glaubt der Experte nicht daran, dass er beim Cannabis-Konsum eingehalten werde.

Wie wirksam ist Prävention?

Meist ist Prävention eher gut gemeint, sagt Dieter Geyer. „Die Effekte solcher Maßnahmen sind wissenschaftlich schwierig nachzuweisen“, fügt er hinzu. Wichtig sei, das Image der Drogen zu ändern: Wer sie nehme, dürfe nicht als cool gelten, sondern als Loser. Schulen müssten das Thema früh in einen komplexen Unterricht einbauen. „Der Drogenpolizist aber, der nur einmal an die Schule kommt, macht die Jugendlichen eher neugierig“, so Dieter Geyer. Eindrucksvoller sei es schon, „jemanden in die Klasse einzuladen, der schildern kann, wie er an den Drogen gescheitert ist – und wie er das im Rückblick sieht“.

Was können Eltern tun?

Sie müssen selbst verantwortungsbewusst mit Drogen, also Alkohol und Zigaretten, umgehen, so Dieter Geyer. Selbst zu rauchen und zu viel trinken, aber den Kindern Drogen zu verbieten – das hält der Experte für nicht Erfolg versprechend. „Vor allem aber müssen Eltern ihre Kinder zu selbstbewussten Menschen erziehen, die Nein sagen können.“

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