Naturschutz

Wenn kleine Tiere große Bauprojekte ausbremsen

Kleines Tier, großer Einfluss: Die Geburtshelferkröte.

Kleines Tier, großer Einfluss: Die Geburtshelferkröte.

Foto: Christopher Schwerdt

Hagen.   Der Konflikt zwischen Artenschutz und Bauvorhaben flammt in Südwestfalen häufig auf. Die Beispiele zeigen, dass auch Kompromisse möglich sind.

Wachtelkönig oder Windkraft, Geburtshelferkröte oder Wohnungen, Haselmaus oder Café? Der Konflikt zwischen Artenschutz und Bauvorhaben flammt in Südwestfalen häufig auf. 213 planungsrelevante Arten gibt es in NRW, bundesweit sind es 300.

„Wir sind dabei, die Festplatte unserer Erde zu löschen. Das ist nicht nur das nette Tierlein oder die eine Pflanze, die da verloren geht. Das ist letztendlich unsere Lebensgrundlage“, sagte NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) in einem WP-Interview. Dem gegenüber stehen Interessengemeinschaften wie die aus Brilon-Altenbüren. Die Bürger kämpfen dort für den Weiterbau einer Bundesstraße, die den Stau aus dem Ort verbannen wird. Die Planung stockt, weil dort ein bedrohter Vogel zu Hause ist.

Raubwürger verzögert B7n in Brilon

Im Hochsauerland verzögert sich der Weiterbau der Umgehungsstraße B7n, da in einem Gutachten Artenschutzbedenken geäußert wurden. Eine Raubwürger-Population behindert die zügige Schaffung von Baurecht, das Gebiet sei zudem Lebensraum der Feldlerche, die Wildkatze hat sich möglicherweise angesiedelt.

Der Weiterbau wird die Orte zwischen Bestwig und Brilon entlasten, Autofahrten verkürzen. Oft benötigen Fahrer dort 45 Minuten für eine drei Kilometer lange Strecke. Die Interessengemeinschaft vor Ort fordert, dass „der Mensch mit seinen Bedürfnissen im Vordergrund“ stehen müsse. Ein weiteres Gutachten wird in Kürze erwartet, dann klärt sich, ob der Ausbau eine Belastung für die Umwelt darstellt. Eventuell muss die Trasse neu geplant werden.

Haselmaus bremst Bauprojekt am Hennesee

In Meschede bremst die Haselmaus ein Bauprojekt am Hennesee aus. An der Talsperre soll ein Ausflugslokal entstehen. Die Eröffnung war für Herbst geplant. Nun muss der Bauherr sechs Monate abwarten, weil Gutachter bei der Artenschutzuntersuchung angeknabberte Haselnüsse fanden. Ein Indiz für Haselmäuse im Winterschlaf.

Die Untere Naturschutzbehörde entschied daraufhin einen Baustopp bis Mai. Damit der Nager nicht in seiner Winterruhe gestört wird. Zudem gibt es einen Kompromiss: In der Nähe des Restaurants werden Büsche gepflanzt, in die die daumengroße Haselmaus umziehen kann. Ähnlich wird es auch in Olpe praktiziert. Dort wurden auf dem Gelände für die neue Rettungswache im Ort Gerlingen drei Haselmäuse gefunden. Auch sie werden vor Baustart umziehen.

Geburtshelferkröte verzögert Ausbau eines Wohngebiets in Gevelsberg

Seit 2000 stocken die Planungen für das Gevelsberger Baugebiet Dörnerbusch immer wieder. Nun geht das Projekt mit 104 Wohnungen auf die Zielgerade. Ein Grund für die Verzögerung waren 30 rufende Geburtshelferkröten, die der Gutachter auf der Fläche ausgemacht hat. Der Investor aus Ennepetal kann sein Bauvorhaben nun komplett umsetzen, nachdem er zugesagt hat, dass er für die streng geschützte, vier Zentimeter große Kröte einen artgerechten Lebensraum in der Nachbarschaft einrichtet. In dieser Woche gab es auch das „Ja“ aus der Politik.

Bürgerwind GmbH nimmt Rücksicht auf Wachtelkönig

Auch Windkraftplanungen kollidieren häufig mit dem Artenschutz. Ein Beispiel aus der Gemeinde Rüthen: Die Heddinghäuser Bürgerwind GmbH plant sechs Windkraftanlagen auf der Haar und im Kreis Soest. Der Bau verzögerte sich, da der Naturschutzbund (Nabu) vor das Arnsberger Verwaltungsgericht zog. Sein Anliegen: Einen umfangreichen Schutz für Wachtelkönig, Rotmilan und Fledermäuse. Der Prozess endete mit einem Vergleich. Für die bedrohten Tierarten wurden Zeiten vereinbart, in denen die Anlagen abgeschaltet werden. So stoppe die Rotoren für den Rotmilan im August und September von Sonnenaufgang bis drei Stunden danach und fünf Stunden vor Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang. Der Betreiber nimmt den Ertragsausfall hin. Die Anlagen können im März in Betrieb genommen werden. Die Planung dauerte insgesamt acht Jahre.

Haselhuhn könnte Waldwipfelpfad in Hagen stoppen

Ein gesichtetes Haselhuhn könnte zum Problem für einen geplanten Waldwipfelpfad in Hagen-Haspe werden. Nun wird ein Gutachten erstellt. Denn nach Angaben der Hagener Fachverwaltung wurden in den Gehölzen des Höhenzuges in den vergangenen Jahren immer wieder Exemplare von „Tetrastes bonasia“ gesichtet.

>> Hintergrund: Macht der Uferschnepfe

  • In Hamburg wird seit 2007 über die Vertiefung der Elbe gestritten. Der Ausbau ist wichtig, damit auch Riesenfrachter den Hafen ansteuern können. 150 000 Arbeitsplätze hängen am Hamburger Hafen.
  • Auf der anderen Seite stehen Umweltverbände, die für den ganzheitlichen Naturraum Fluss und Schierlings-Wasserfenchel, Lachsseeschwalbe und Uferschnepfe kämpfen. Die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU gibt ihnen Recht. Ebenso das Bundesverwaltungsgericht. Am Donnerstag verlangte es, dass das Umweltrechts stärker in die Planung einbezogen wird.
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