Stromkosten

Stromanbieter-Wechsel – Bloß nicht vom Bonus blenden lassen

Der Stromzähler ist unbestechlich – der Kunde sollte es bei der Auswahl seines Anbieters auch sein und aufs Kleingedruckte achten.

Foto: Jan Woitas

Der Stromzähler ist unbestechlich – der Kunde sollte es bei der Auswahl seines Anbieters auch sein und aufs Kleingedruckte achten. Foto: Jan Woitas

Sundern/Düsseldorf/Bonn.  Unternehmensberaterin Cordula Scheer mahnt beim Stromanbieter-Wechsel zur Vorsicht – und warnt vor dem Gebaren mancher Billiganbieter.

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Sie hat vor den Geschäftsgebaren des Billigenergieanbieters Care Energy gewarnt, lange bevor drei Gesellschaften unter dem Dach der Care-Energy-Gruppe Insolvenzantrag gestellt haben: Die selbstständige Unternehmensberaterin Cordula Scheer aus Sundern sieht die Auswüchse auf dem liberalisierten Strommarkt mit Sorge und rät zur Umsicht beim Wechsel des Stromanbieters. Aktuell richtet sie die Blick auf den Anbieter 365 AG aus Köln mit seinen Marken „Almado“ und „Immergrün“.

Um welche Vorwürfe geht es?

Ihr Vorwurf: 365 AG ködere Kunden gezielt mit Versprechen, die später nicht eingehalten würden. Scheer spricht von „krimineller Energie“ und von „Abzocke-Methoden“. Etwa wenn es um die Auszahlung von Boni geht oder um Kündigungstermine, Eingangs- und Vertragsbestätigungen. Konkret hat sie in einem Fall einem Kunden geholfen, sich erfolgreich gegen eine Klage der Aktiengesellschaft zu wehren. Der Streitwert: 50 Euro. Die Klage von 365 sei schließlich abgewiesen worden.

Aktuell wirft sie der 365 AG vor, Privatpersonen, die eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach haben, um umweltfreundlich Strom zu produzieren, als Gewerbetreibende einzustufen – mit dann aus Kundensicht schlechteren Vertragsbedingungen: 365 gewähre nachträglich nicht den Neukundenbonus - mit Verweis aufs Kleingedruckte in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) des Unternehmens.

Was sagt die Verbraucherberatung zu den Vorwürfen?

Ein Vorgehen, das Jürgen Schröder von der Zentrale der Verbraucherberatung NRW in Düsseldorf bestätigt – neben zwei weiteren Problemfeldern mit dem Kölner Unternehmen. Mit einer „Weihnachtsaktion“ habe die 365 AG Ende 2013 Kunden 50 Euro versprochen. Voraussetzung: Eine Vertragsverlängerung zu einem bestimmten Termin. Kunden, die darauf eingingen, soll 365 dann nachträglich den zugesagten Neukundenbonus verweigert haben, da sich die Vertragslaufzeiten verändert hätten.

„Das ist grobe Täuschung“, ordnet Verbraucherschützer Schröder das Vorgehen ein; die Aufarbeitung beschäftige noch immer die Gerichte. Für die Kunden ist der Ausgang nicht uninteressant: Sie sind im Vergleich von Neukundenbonus zu 50-Euro-Prämie nämlich laut Verbraucherberatung schlechter weggekommen – 365 hingegen habe im Zweifel Geld gespart.

In anderen Fällen, die die Verbraucherberatung begleite, habe 365 zugesagte Boni nicht gezahlt, ohne die Kunden darauf hinreichend aufmerksam zu machen. Auch dagegen ist die Verbraucherzentrale juristisch vorgegangen; es hat dazu einen Vergleich vor Gericht gegeben: „Die 365 AG muss den Kunden mit Bonustarif in der ersten Jahresrechnung oder in einer zeitnahen, separaten Mitteilung die Gründe nennen, wenn sie einen Bonus nicht zahlt“, stellt Schröder heraus.

Im dritten Problemfeld klagt die Verbraucherberatung nach eigenen Angaben gegen die nachträgliche Boni-Verweigerung für Kunden, die eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach haben. 365 schließe diesen Kundenkreis in den AGB aus, beliefere sie aber nach Vertragsabschluss trotzdem. Später werde der Neukundenbonus nicht gewährt – womit sich die Kunden im Vergleich zu anderen, vielleicht sogar örtlichen Anbietern und deren Tarifen schlechter stehen. Nach einer Entscheidung des Landgerichts Köln im Sinne der Verbraucherschützer liege die Angelegenheit jetzt beim Oberlandesgericht: 365 hat sich gegen das erstinstanzliche Urteil gewehrt.

„Kunden werden gelockt, um Kohle zu machen – um mehr geht es bei mancher Unternehmensstrategie gar nicht“, sagt Cordula Scheer über das Geschäftsgebaren von einigen Billiganbietern im Strommarkt; die Unternehmensberaterin hält die Verbraucher für nicht ausreichend geschützt. Sie erzählt von Unternehmen, die ein Inkassobetrieb gleich mit ins Firmengeflecht einbauen. „Nicht jeder hat eine Rechtsschutzversicherung und Anwälte kann sich nicht jeder leisten“, zeigt sie das Dilemma für manche Kunden auf.

Was kann die Bundesnetzagentur unternehmen?

Anders als im Markt der Telekommunikation hat die Bundesnetzagentur im Strommarkt keine direkten, verbraucherschützenden Aufgaben. Einzelfälle verweist sie an die Schlichtungsstelle der Energiebranche, einer neutralen Einrichtung, die vom Bundesverband der Verbraucherzentralen und der Energiewirtschaft gemeinsam unterhalten wird, oder an die Verbraucherberatung. Die Bundesnetzagentur wird dann tätig, wenn es begründete Zweifel gibt, ob es sich bei einem Anbieter tatsächlich um einen Energielieferanten handelt oder wenn es um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Energieanbieters geht – wie aktuell im Fall von Care Energy.

Was passiert, wenn der Stromlieferant insolvent ist?

Geht der Energielieferant pleite, müssen Kunden nicht befürchten, keinen Strom mehr zu bekommen: Es gilt in Deutschland eine Versorgungssicherheit. Betroffenen Kunden fallen dann in die Grundversorgung des örtlichen Anbieters – also meist der Stadtwerke oder einem regionalen Unternehmensverbund wie der Enervie (Mark-E/Hagen und Stadtwerke Lüdenscheid) und werden mit Strom nach deren Tarif versorgt. Aus diesen Verträgen können die Betroffen aber laut Bundesnetzagentur ohne Fristen wieder aussteigen.

Wie reagiert das Unternehmen 365 AG auf die Vorwürfe?

Anfragen nimmt die 365 AG nur schriftlich entgegen, per Mail. Eine Antwort auf unsere Anfrage von vor 14 Tagen liegt bislang nicht vor; das Unternehmen schweigt.

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