Gesundheit und Ethik

Chancen und Risiken der Datenmedizin

Telemedizin kann Ärzte entlasten. Aber ältere Patienten stehen der Technik bisweilen hilflos gegenüber.

Telemedizin kann Ärzte entlasten. Aber ältere Patienten stehen der Technik bisweilen hilflos gegenüber.

Foto: Miriam Doerr Martin Frommherz / Shutterstock

Siegen.  Die ärztliche Versorgung im ländlichen Südwestfalen wird schwieriger. Digitalisierung könnte helfen. Doch was wird aus dem Schutz der Privatheit?

In Westfalen-Lippe arbeiten 60 Hausärzte pro 100.000 Einwohner - damit ist die Region Schlusslicht in NRW. Das Durchschnittsalter der Hausärzte liegt zwischen 56 und 57 Jahren – das höchste bundesweit. Wenn die Entwicklung so weitergeht – demografischer Wandel plus ärztliche Landflucht – werden sich die Hausarztzahlen in Südwestfalen in zehn Jahren halbiert haben. Die ärztliche Versorgung steht somit vor einem gravierenden Problem.

Digitale Modellregion

Eine Lösungsmöglichkeit ist die Digitalisierung: Künstliche Intelligenz, Big Data und Telemedizin. Daran arbeitet das Forschungskolleg der Universität Siegen (FoKoS) im Rahmen der Digitalen Modellregion Gesundheit mit Kommunen aus Südwestfalen sowie dem Lahn-Dill-Kreis (Hessen) und dem Kreis Altenkirchen (Rheinland-Pfalz). Zwölf Projekte sind in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Aber die Datenmedizin birgt auch Probleme, technische und ethische. Mit letzteren beschäftigt sich Ende des Monats ein Symposion am FoKoS.

Philosophie-Professor Carl Friedrich Gethmann, Mitglied im Deutschen Ethikrat, erläutert die Sachlage am eigenen Beispiel: Er trägt eine Uhr, die seine Herzfunktion misst. Die Daten gehen an seinen Hausarzt. Sind sie auffällig, bekommt der ein Signal und meldet sich per Handy beim Patienten. Klingt gut? Verstößt aber gegen geltendes Datenschutzrecht. Das verlangt Anonymisierung. „Dann nutzt es mir aber nichts“, sagt Gethmann. Zweites Gebot: Minimalisierung. Gethmann: „Maximalisierung, also Big Data, bringt medizinischen Fortschritt.“ Drittens sollen Daten zweckgebunden verwertet werden, und massenhafte Datensammlung verändert den Zweck. „Wir brauchen also neue Regeln“, sagt Gethmann. „Es geht um Datensouveränität. Jeder einzelne Akteur soll entscheiden können, was mit seinen Daten geschieht.“

Also, wer sie sehen darf. Der Arzt? Sicher. Die Krankenversicherung? Teilweise. Gesundheitsinformationen sollten nicht in die Finanzabteilung des Konzerns wandern. Was darf der Arbeitgeber wissen? Was die Steuerbehörde? „Und auch Ärzte haben ein Recht, geschützt zu werden“, sagt Gethmann. Bei digitalem Datentransfer werden Uhrzeiten gespeichert. Dann könnten die Kassenärztliche Vereinigung oder die Krankenversicherung ärztliche Arbeitszeiten ablesen. Fazit: „Wir müssen ein System schaffen, bei dem die Daten nur die richtigen Adressaten erreichen“, sagt Gethmann.

Was er so gut weiß wie Dr. Olaf Gaus, Geschäftsführer des FoKoS: Hundertprozentige Sicherheit ist nicht möglich. „Aber wir müssen eine Güterabwägung treffen“, sagt Gaus: „Wie stellen wir die ärztliche Versorgung auf dem Land sicher? Da bieten Datenkonzepte eine Entlastung für die verbleibenden Ärzte.“

Im Kreis Altenkirchen wird probiert, wie die Akzeptanz bei Patienten ist, wenn Praxisassistentinnen Daten erheben und der Arzt per Video zugeschaltet ist. In Burbach sollen Patienten selbst per Smartphone Vitaldaten erheben. In Betzdorf geht es darum, wie Patienten unterstützt werden können, die weniger technikaffin sind. „30 Prozent der Bevölkerung sind digitale Analphabeten“, gibt Gethmann zu bedenken, „bei den über 60-Jährigen sind es sogar über 50 Prozent. Man wird den Menschen also helfen müssen.“

Software soll entstehen

Doch die Patienten sind nicht unbedingt das Hauptproblem. In Sundern wurde die Kommunikation zwischen Arztpraxen, zu Kliniken, Seniorenheimen und Apotheken untersucht. Ergebnis: Es hakt noch oft. Wie es besser laufen kann, soll ein Projekt in Freudenberg zeigen: Können die digitalen Assistenten von Allgemeinmedizinern und Fachärzten direkt kommunizieren? In Attendorn geht es darum, ein Geschäftsmodell für die digitale Praxis zu entwickeln, in Lennestadt sollen Telemediziner die niedergelassenen Ärzte unterstützen, in Netphen widmet sich ein Projekt der Weiterbildung von Praxisassistentinnen.

Eine Software soll entstehen, die den Trend zur Selbstvermessung für den Hausarzt nutzbar macht. Anonymisiert können Ergebnisse für die Pharmaindustrie interessant sein. Es gibt viel zu regeln. Die Zeit drängt. Andere Länder wie die Niederlande oder Dänemark sind schon weiter.

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