Coronavirus

Corona: BIW produziert Beatmungsschläuche im Akkord

Bei BIW werden gerade zahlreiche Maschinen, die sonst im Automotiveeinsatz sind, für die Medizintechnik-Produktion umgerüstet.

Bei BIW werden gerade zahlreiche Maschinen, die sonst im Automotiveeinsatz sind, für die Medizintechnik-Produktion umgerüstet.

Foto: BIW

Ennepetal  Anordnung der Bundesregierung: BIW aus Ennepetal produziert aufgrund der Nachfrage wegen des Coronavirus aktuell im Akkord Beatmungsschläuche.

Eigentlich macht das Ennepetaler Unternehmen BIW Isolierstoffe das meiste Geschäft mit der Zulieferung für die Automobilindustrie. Tatsächlich herrscht hier aktuell wegen der Coronakrise beinahe Stillstand. Einige Auftragsanfragen hat BIW zwar immer noch, allerdings steht jetzt ein anderes Produkt im Fokus: Wiederverwendbare Schläuche für die Medizintechnik, insbesondere für dringend benötigte Beatmungsgeräte. "Die Produktion hat bei uns jetzt oberste Priorität", sagt Firmenchef Ralf Stoffels. Mittlerweile ist dies sogar laut Anordnung der Bundesregierung Pflicht für das Ennepetaler Unternehmen. Es gibt nämlich laut BIW europaweit keinen anderen Lieferanten, der wiederverwendbare Schläuche für Beatmungsgeräte produzieren könnte.

Die Kunden aus der Automobilbranche müssten nun warten, denn bei BIW werden gerade zahlreiche Maschinen, die sonst im Automotiveeinsatz sind, für die Medizintechnik-Produktion umgerüstet. "Wir schulen gerade weitere Mitarbeiter für die Produktion der Beatmungsschläuche", sagt Stoffels.

In Krisenzeiten bestehen viele Lieferanten auf Vorkass

Die Aufträge kommen von sechs Firmen, die Beatmungsgeräte herstellen. Zum Beispiel Dräger in Lübeck, die vergangene Woche von der Bundesregierung einen Auftrag für die Herstellung von 10.000 neuen Geräten bekommen haben. Acht weitere Medizintechnikhersteller haben für andere Geräte bei BIW geordert. "Wir müssen für diese Aufträge zwischen 300.000 und 400.000 Meter Silikonschläuche produzieren. Das haben wir sonst in zehn Jahren nicht", umreißt Stoffels die Größenordnung - und eine Hürde: In Krisenzeiten bestehen viele Lieferanten auf Vorkasse. "Ich wende mich jetzt an die Landesregierung, wir brauchen jetzt wegen der Großaufträge Liquiditätsbeihilfen." Ohne Produktion aus NRW, genauer von BIW aus Ennepetal, könnte die Herstellung der Beatmungsgeräte, die die Bundesregierung beauftragt hat, möglicherweise scheitern.

Dass das mittelständische Familienunternehmen mit rund 600 Beschäftigten - Kurzarbeit gibt es nicht - jüngst auf seine Systemrelevanz hingewiesen hatte, stand im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit den NRW-Umweltbehörden. Die zertifizierten Silikonschläuche, nicht zuletzt die, die in der Medizintechnik zum Einsatz kommen, sind nachweislich "sauber". Allerdings stellte sich vor rund einem Jahr heraus, dass im Produktionsprozess PCB freigesetzt wird. Über die Abluftkamine waren vereinzelt "Flocken" und Abplatzungen in die Umwelt gelangt, die mit PCB belastet waren.

Produktionsstopp in letzter Sekunde verhindert

BIW war dadurch in den vergangenen Monaten wegen der PCB-Emissionen in Schwierigkeiten gekommen. Ein behördlich verordneter Produktionsstopp stand im Februar 2020 kurz bevor. Erst durch massive Investitionen in Filter- und Absauganlagen sowie die Entwicklung von alternativen Produktionsverfahren und das Versprechen, dass kurzfristig (bis Ende Februar) keine PCB-belasteten "Flocken" mehr austreten würden, konnte eine Stilllegung in Ennepetal verhindert werden. Nach Unternehmensangaben ist dies heute zu 100 Prozent gesichert. Die getroffenen technischen Veränderungen und Neuinstallationen hätten dazu geführt, dass dieses Versprechen fristgerecht eingelöst werden konnte.

Coronakrise in NRW macht weitere Maßnahmen nötig - Überblick
Coronakrise in NRW macht weitere Maßnahmen nötig - Überblick

Gutes Zeichen: Wasserdampf auf Hallendach

Bis Ende Februar wurden 26 Air-Drain-Filter, acht Kamin-Nasswäscher, 18 Netzfilter sowie sieben Plattenabscheider auf die Werkshallendächer mit riesigen Autokränen gehievt. "Dass die Nasswäscher effektiv arbeiten, zeigen übrigens bei bestimmten Wetterlagen die Wasserdampfschwaden auf dem Fabrikdach", heißt es vom Unternehmen.

Die Investitionssumme für dieses Gesamtpaket betrug laut BIW über eine halbe Million Euro. Darin sei eine geplante großtechnische Abluftbehandlungsanlage noch nicht enthalten. "Die technischen Maßnahmen gingen und gehen einher mit einer intensiven Überwachung und regelmäßigen Reinigung der Filtersysteme", heißt es weiter.

Parallel startete ein Projekt zur Entwicklung einer neuen Abluftbehandlungstechnik für die Silikon Verarbeitung, mit der nicht nur Feststoffe sondern auch gasförmige Stoffe aus dem Abgasstrom heraus gefiltert werden. In diesem Zusammenhang stehen laut BIW weitere Investitionen im hohen sechsstelligen Bereich an, die bereits zur Jahresmitte umgesetzt werden sollen.

Neue Produktionsverfahren

Die einfachste Lösung sei natürlich die Umstellung der Anlagen auf den alternativen Vernetzer bei dem keine Flocken entstehen können. BIW gehe weiter den Weg der Vermeidung von PCB-Emissionen und arbeitet intensiv daran, die Mehrzahl der Produkte mit einem chlorfreien Vernetzer zu produzieren, damit das Ziel „Null-PCB-Emissionen zum Jahreswechsel 20/21“ Realität werden könne. Die Investitionen in noch effizientere Filtertechniken würden parallel konsequent fortgesetzt.

Systemrelevanz

Der Fokus von Ralf Stoffels liegt in diesen Tagen wegen der Coronakrise aber voll beim Thema Beatmungsschläuche: "Es zeigt sich, wie gut und richtig die Entscheidung der Behörden war, den Weiterbetrieb der BIW-Produktionsstätte in Ennepetal zu sichern", sagt Ralf Stoffels mit kurzem Blick zurück. Dedr noch vor einem Monat drohende Produktionsstopp hätte wohl für das Aus der Firma gesorgt. Dann wäre es mit der Produktion neuer Beatmungsgeräte in Deutschland zumindest deutlich schwieriger geworden.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben