Reportage aus den Städten

Coronavirus: So waren die letzten Tage vor dem Kneipen-Bann

Die Innenstadt in Hagen und der Biergarten in der Sonne sind trotz der Gefahr durch die Ausbreitung des Coronavirus am Samstagnachmittag gut gefüllt.

Die Innenstadt in Hagen und der Biergarten in der Sonne sind trotz der Gefahr durch die Ausbreitung des Coronavirus am Samstagnachmittag gut gefüllt.

Foto: Michael Kleinrensing / WP

Hagen.  Das Land verbietet ab Montag weitere Freizeitangebote und schränkt den Einkauf ein. Wie die Menschen die letzten Stunden „in Freiheit“ nutzten.

Sie hatten sich das reiflich überlegt. Der Plan war lange gefasst, am Abend vorher aber schrieb die eine der anderen: Sollen wir wirklich? Sollen wir uns treffen? In der Stadt? Nach allem, was passiert ist? „Wenn wir Angst hätten, dann säßen wir jetzt nicht hier“, sagt Elke Bojarra (64) aus Herdecke, neben ihr die Freundin Brigitte Quasdorf (70) aus Hohenlimburg. Sie sitzen am Samstagnachmittag in der Hagener Innenstadt in einem Biergarten, an dem kein Tisch frei ist. Die Sonne scheint ihnen ins Gesicht.

Passiert ist viel in der vergangenen Woche, sie ist mit denkwürdig nur unzureichend beschrieben. Das Coronavirus breitet sich aus, das ist Fakt und nicht mehr zu verhindern. Nur die Geschwindigkeit, mit der es das tut, muss abgebremst werden. Deswegen sind alle Groß- und mittlerweile auch fast alle Kleinveranstaltungen abgesagt, Schulen und Kindertagesstätten schließen. Die Menschen sollen auf Distanz zueinander gehen, soziale Kontakte meiden, Termine unbesucht lassen.

Am Sonntagabend machte die NRW-Landesregierung einen neuen Erlass öffentlich: Ab Montag müssen demnach Bars, Clubs, Discotheken, Spielhallen, Theater, Kinos und Museen schließen. Nur noch zur Deckung des dringenden Bedarfs und unter strengen Auflagen sollen die NRW-Bürger ab Dienstag Einkaufszentren, Shopping-Malls und Factory-Outlets betreten dürfen. Auflagen gibt es für Restaurants, Gaststätten und Hotels.

Das vergangene Wochenende war das vorerst letzte, wie wir es kennen. Wie die letzten Tage „in Freiheit“ waren?

Wegen des Coronavirus: Vierwöchiger Urlaub abgesagt

„Wir gehören zur Risikogruppe, aber wir müssen uns ja nicht küssen oder umarmen“, sagt Frau Bojarra auf die Frage, warum sich die beiden Freundinnen dann doch zu einem Treffen durchgerungen haben. Der vierwöchige Urlaub in die Türkei, von dem sie so lange geträumt hat und der jetzt zum Start in die Rentenzeit anstand, ist abgesagt. „Große Sch...ße“, sagt sie und lächelnd: „Verzeihung.“

Das Fitnessstudio von Frau Quasdorf hat in der vergangenen Woche alle Kurse abgesagt. Dann doch wenigstens das Treffen mit der alten Arbeitskollegin. Frau Bojarra hat zwei Söhne, die ihrerseits schon Kinder haben, sie sagen, sie solle lieber zu Hause bleiben.

„Wir haben gedacht, dass die Menschen die Stadt eher meiden würden“

Der Urlaub von Familie Foitzik ist ebenfalls abgesagt. Frankreich sollte es sein, der Teil, der jetzt Gefahrengebiet ist. Markus Foitzik, seine Verlobte Christina Jorde und seine Schwester Jasmin Foitzik sitzen vor der Eisdiele mit Blick auf einen Spielplatz, auf dem Dutzende Kinder spielen. „Wir haben gedacht, dass es nicht voll sein wird, weil die Menschen die Stadt eher meiden werden“, sagt Christina Jorde. Vertan. Aber nicht so schlimm. „Wir sind ja draußen und es verteilt sich“, sagt Markus Foitzik. „In der Woche sitze ich im Großraumbüro mit 20 anderen und jetzt soll ich nicht mehr rausgehen können?“, fragt er, ohne eine Antwort zu erwarten. Die Sache mit dem Urlaub nervt. „Vielleicht findet sich was im Sauerland“, sagt Schwester Jasmin eher fragend.

Freie Betten gibt‘s – und es werden immer mehr. In Winterberg ist am Sonntag die Ski-Saison, die noch gar nicht richtig begonnen hatte, für beendet erklärt worden. Auch wegen des Coronavirus. Im Romantik- und Wellnesshotel Diedrich in Hallenberg, der Nachbarstadt, gehen viertelstündlich Stornierungswünsche ein. Vor allem die Geschäftskunden bleiben weg, sagen Benjamin und Leander Diedrich, die Inhaber. Die Zahl der Buchungen? Rückläufig. Die Flure? Leerer als sonst. Melanie Meuer und Nina Schwarzenberg aus dem Ruhrgebiet sind trotzdem da. Wellness-Wochenende. „Wir haben erst vor zwei Wochen gebucht. Es war kein Thema für uns, den Urlaub wegen Corona wieder abzusagen. Im Gegenteil, wir genießen es, dass wir von dem Hype darum gerade kaum etwas mitbekommen.“ Auf dem Spielplatz unweit sind’s nur vier Kinderchen. Kann am kühlen Wetter liegen. Muss aber nicht.

Auch das Capitol in Hagen schließt vorerst

Die Zäune der Fußball-Plätze, auf denen manche Familien das halbe Wochenende mit den kickenden Kindern zubringen, sind verschlossen. An manchen Kirchen flattern weiße Zettel: „Alle Gottesdienste vorerst abgesagt“. Die Tierparks schließen, die Schwimmbäder, Theater und Opernhäuser ebenfalls, die Restaurants, Kneipen und Bars ab sofort auch.

Das Capitol in Hagen , einer der größten und bekanntesten Großraumdisos der Region, öffnete am Freitagabend ein vorerst letztes Mal. Der Oberbürgermeister bat den Betreiber am Samstag, die Pforten zu schließen. 250 Gäste waren es am Freitagabend in den Hallen, in denen sonst mehr als 1000 feiern.

Nebenan öffnete wie immer der Bowling-Laden. Hüseyin Iskanli (30) ist dort als Gast einer Geburtstagsfeier. „Ich habe lange überlegt, ob es richtig ist, unter Menschen zu gehen“, sagt er. Er ging, um dem Geburtstagskind die Ehre zu erweisen. Eine Bowlingkugel fasst er nicht an, in die Disco kommt er später nicht mit. „Zu riskant“, sagt er.

Etwas weniger Menschen in der Siegener Innenstadt

Was geht noch und was nicht? Was ist richtig und was ist falsch? Und wo kann ich überhaupt noch hin? Die Bau- und Gartenmärkte haben am Samstag und manche auch am Sonntag geöffnet – und sie sind voll. Ein Spaziergang am See kann nicht schlimm sein. Ein Besuch in der Stadt doch wohl auch nicht. Oder?

„Sonst sind es schon mehr Leute“, sagt Silke Keßler. Sie sitzt am Samstagnachmittag in Center-Uniform am Informationsschalter der City Galerie in Siegen, einem großen mehrstöckigen Einkaufskomplex. Sie ist verwundert, dass es überhaupt so viele Menschen sind. „Heute morgen und auch gestern schon hatten wir viele Anrufe“, erzählt sie. Ob das Haus normal öffne, ob es Schließungsabsichten gebe. Sie beruhigte die Anrufer. Zumindest nach aktuellem Stand. Bei dem rasanten Tempo der Entwicklungen könne ja niemand sagen, wie es nächste Woche aussehe, sagt sie.

Wisent-Welt in Bad Berleburg gut besucht

Vor wenigen Tagen dachte kaum jemand, daran dass bald alle Einrichtungen des öffentlichen Lebens stillgelegt sein werden. Die Innenstädte in Norditalien sind längst wie ausgestorben. Die Menschen bleiben in ihren Wohnungen und Häusern. Soweit ist‘s hier nicht. Noch nicht?

„Wenn wir rausgehen, dann irgendwo hin, wo nicht so viele Leute sind“, sagt der Wetteraner Rafael Parusel (39), der mit Frau und Kind am Sonntagmittag einen kleinen Ausflug zum Harkortsee in Wetter macht. Die Sonne glitzert im Wasser, die Enten schnattern, die Fahrradfahrer blicken wie üblich genervt auf jene, die ihnen im Weg sind. Denn das sind viele, weil sich der Verkehr aufgrund von Weg-Sperrungen am Ufer verdichtet . „So viele Leute“, sagt Parusel, „habe ich hier lange nicht mehr gesehen.“

Manche Tierparks in NRW haben bereits geschlossen. Die Wisent-Welt in Bad Berleburg am Sonntag noch nicht. Sie ist gut besucht, das Wisent-Café ebenfalls. Eine ältere Dame – rosafarbene Jacke, Zigarette in der Hand – sagt vor der Tür: „Ich will es genießen, solange ich nicht in Quarantäne muss.“ Oder solange es geht. Denn vieles geht schon nicht mehr.

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