Nahverkehr

Darum sind die Preise im Nahverkehr so unterschiedlich hoch

 In Südwestfalen herrscht im öffentlichen Nahverkehr ein Tarifdschungel.

Foto: Volker Herold

In Südwestfalen herrscht im öffentlichen Nahverkehr ein Tarifdschungel. Foto: Volker Herold

Hagen/Arnsberg.   Pendler können ein Lied von teuren Tarifen im Nahverkehr singen. Mit dem Westfalentarif sollte alles einfacher werden – wurde es aber nicht.

Schon das Tagesticket macht das Dilemma deutlich. Beliebig viele Fahrten mit Bus und Bahn in Arnsberg kosten 10,20 Euro, nach 9 Uhr noch 6,30 Euro. Guido Schulte findet das zu teuer: „Das kostet soviel wie ein Tagesticket für Berlin“, zieht der zweite Vorsitzende des VCD (Verkehrsclub Deutschland) im Hochsauerlandkreis einen Vergleich zur Hauptstadt, wo man für 7,80 Euro ganztägig mit Bus und Bahn durch die ganze Stadt und Potsdam fahren kann.

Den Vergleich findet der Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) „nicht statthaft“. Ebenso wie den mit dem benachbarten Verkehrsverbund VRR, zu dem auch Hagen zählt (Tagesticket 7 Euro).

Der Nahverkehr im Ruhrgebiet und in Berlin habe eine andere Dichte, generiere höhere Einnahmen, sagt NWL-Pressesprecher Uli ­Beele. Lothar Ebbers von Pro Bahn sekundiert. Gerade das Tagesticket nennt er als Beispiel für einen günstigen Preis im neuen Westfalentarif: „Der Kauf lohnt sich schon ab der zweiten Fahrt!“ Zudem könne man bis zu drei Kinder oder Fahrräder mitnehmen, lobt Ebbers.

So unterschiedlich kann man die Preise im Nahverkehr beurteilen.

Die VCD-Sicht

VCD-Mann Guido Schulte verkauft im Bahncenter „Globrailer“ im Bahnhof Arnsberg Fahrscheine für Busse und Bahnen, für Verbindungen in die Region und in die Welt. Er findet – wie auch ­VCD-Tarifexperten im Kreis Unna oder in Bielefeld – die Preise in Westfalen zu hoch. „Das sagen mir auch viele Kunden“, berichtet er und nennt als Beispiel das Tagesticket, aber auch die Einzelfahrscheine oder Kindertickets: „Da liegen wir deutlich über dem VRR!“, so Schulte.

Und tatsächlich: Wer noch keine 14 ist, bezahlt im VRR für jede Strecke 1,60 Euro Einheitspreis; im Westfalentarif werden bis zu 6,90 Euro fällig, nur für sehr kurze Strecken zahlen Kinder in Arnsberg oder Meschede weniger als in Dortmund oder Hagen. Matthias Tuschhoff vom VCD Siegen stört sich vor allem am Wegfall des Bahncard-Rabatts. „Das trifft die treuesten Bahn-Kunden“, ärgert er sich. Allerdings sagt Tuschhoff auch: „Im Vergleich zum NRW-Tarif ist der Westfalentarif meist günstiger.“

Das sagt der NWL

Der NWL will keine „Pauschalkritik“ gelten lassen. „Nahverkehrstarife fallen nicht vom Himmel“, sagt Beele, sie entstünden aus einem „vielstufigen, komplexen Prozess zwischen den anbietenden Unternehmen und der Politik“ — wobei die Kommunalpolitik letztlich entscheide. Während die Städte im VRR Busse und Bahnen noch immer („aber immer weniger“) subventionierten, gebe es kommunalen Subventionen in Teilen des NWL gar nicht oder nur in geringerem Maße.

Anke Schneider, Grünen-Fraktionschefin in der NWL-Verbandsversammlung, stützt diese Sicht, die Geburtswehen des Westfalentarifs waren auch deshalb so schmerzhaft und langanhaltend. Aber auch die Grüne hat „schon mal Bauchschmerzen“, wenn sie 15 Euro für ein Einzelticket im NWL bezahlen muss.

Das meint Pro Bahn

Auch Ebbers verweist auf „eigenwirtschaftliche Verkehre“. In den Kreisen Olpe und Siegen-Wittgenstein etwa muss sich jeder Bus voll über die Einnahmen tragen; auch deshalb „ist das Grundniveau der Preise im Westfalentarif relativ hoch“, so Ebbers. Das Grundniveau, das sind die Einzelpreise; Zeitkarten lohnten im Westfalentarif aber schon bei „unter vier Fahrten in der Woche“, betont Ebbers.

Der Pro-Bahn-Mann verteidigt zudem den Wegfall des Bahncard-Rabatts: Bahncard-Nutzer seien Gelegenheitskunden, statt ihrer erhielten im NWL Vielfahrer mit Zeitkarten hohe Rabatte auf den Grundpreis. Der VCDler Schulte hingegen weiß zu berichten, dass der Wegfall des Bahncard-Rabatts in Westfalen einige Kunden wieder hat aufs Auto umsteigen lassen.

Monatstickets

Dabei sind die Preise für ­Monatsfahrkarten im Westfalentarif nicht ohne. Wer etwa täglich zur Arbeit von Arnsberg nach Hagen mit der Bahn pendelt (40 Kilometer Luftlinie), zahlt im Abo 191,70 Euro im Westfalentarif. Für eine Fahrt nach Meschede oder Menden gilt dieses Ticket schon nicht mehr – auch nicht am Wochenende.

Das stößt im VCD sauer auf. Denn im VRR gilt jedes Ticket 2000 am Wochenende und werktags nach 19 Uhr verbundweit. Zudem kosten Monatskarten für vergleichbare Strecken im VRR weniger: Pendler von Ennepetal nach Düsseldorf etwa (vergleichbar Arnsberg - Hagen) zahlen im Monat 139 Euro.

Im Grenzbereich

Schon bei der Vorstellung des Westfalentarifs sagte NWL-Geschäftsführer Burkhard Bastisch, dass im oberen Preisbereich des NWL „eine Grenze erreicht“ sei. Die teuerste Monatskarte kostet knapp über 300 Euro, im Abo sind es 242 Euro. Nur zum Vergleich: Die teuerste VRR-Monatskarte kostet 199,50 Euro. Und eine Bahncard 100, mit der man kreuz und quer durch Deutschland fahren und in vielen Nahverkehrsverbünden Busse und Bahnen nutzen kann, kostet 4270 Euro im Jahr.

Beele sagt dazu, im NWL müsse einerseits die Situation der Bus-Unternehmen berücksichtigt werden, andererseits aber auch die der Kunden. Mit Angeboten wie günstigen Senioren- oder Jobtickets wolle man „etwas Druck vom Kessel“ nehmen. Und: Die Preisdifferenz zumindest zum VRR schrumpft. Zwar hat die NWL-Verbandsversammlung gerade erst eine Preiserhöhung von durchschnittlich 1,5 Prozent durchgewunken. Im VRR aber steigen die Preise seit Jahren noch kräftiger.

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