Serie "Pflegereport"

Pflegealltag im Roman: Kathrin Heinrichs zeigt Konflikte

Foto: Archiv/Funke Foto Services

Hagen/Menden.   Im Roman "Nichts wie es war" schildert die Mendener Autorin Kathrin Heinrichs den Pflegealltag. Basis der Recherchen: Tagebücher einer Freundin.

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Der demenzkranke Hannes soll seine polnische Pflegerin erstochen haben. Sein Nachbar Anton will das nicht glauben. Nach einem Schlaganfall kriegt auch er jetzt eine Polin, wider Willen, die Kinder zwingen ihn dazu. Zusammen mit Zofia geht Anton auf Mörderjagd...

Die verschiedenen Perspektiven und Konflikte im Verhältnis zwischen Pflegebedürftigen und Betreuungskräften sind in der Literatur angekommen. Die Mendener Autorin Kathrin Heinrichs macht in ihrem Krimi „Nichts wie es war“ (Blatt-Verlag Menden, 11,90 Euro) eine junge polnische Pflegerin und einen Sauerländer Senior zum wohl ungewöhnlichsten Detektivgespann des Gegenwartsromans.

Die Resonanz auf das Buch ist riesig. „Immer wieder werde ich nach meinen Lesungen auch von Pflegerinnen angesprochen, dass ich den Blickwinkel der polnischen Betreuungskräfte gut getroffen hätte“, resümiert Kathrin Heinrichs. In ihrem Roman spiegelt sie die Ängste und Erwartungen aller Parteien. Die Recherchebasis kommt aus den Tagebüchern einer Freundin. Hier einige Passagen daraus.

  • Aus dem Tagebuch: "Ich weiß noch genau, wie nervös ich war, als ich Zofia vom Fernbus abholte. Tausend Fragen schossen mir durch den Kopf: War sie sympathisch? Sprach sie so gut Deutsch wie erhofft? Würde sie mit unserer Mutter zurechtkommen? Und würde andersherum unsere Mutter sie akzeptieren?"

Eigentlich sind die Voraussetzungen gut für Zofia. Das katholische Milieu in dem sauerländischen Dorf ist ihr vertraut. Die Familienstruktur und die funktionierende Nachbarschaft ermöglichen im besten Fall eine rasche Eingliederung. Aber Zofia muss in der Fremde zurechtkommen. Und Anton weiß, dass er ohne Hilfe nicht mehr alleine leben kann. „Diese Konstellation finde ich aus der literarischen Perspektive spannend: Für beide beginnt etwas total Neues, beide müssen sich auf einen Menschen einlassen, mit dem sie noch nie etwas zu tun hatten. Das ist ein Riesenschritt für einen Mann, der jahrzehntelang in seinem Heim schalten und walten konnte, wie er es wollte. Aber die Alternative ist schlimmer. Beide wissen nicht, was auf sie zukommt. Die Spannung dieser Situation ist schriftstellerisch reizvoll“, schildert Kathrin Heinrichs.

  • Aus dem Tagebuch: "Eine fremde Person ins Haus zu lassen, würde nach so vielen Jahren der Selbstbestimmung für meine Mutter alles andere als leicht sein. Noch dazu war sie 1945 als Kind aus Breslau geflohen. Ärzte hatten uns vorgewarnt: Das könnte ein Problem sein, wenn sie demnächst von einer polnischen Pflegekraft versorgt werden würde."

Mit Zofia kommt ein Außenstehender ins Dorf, dessen neuer Blick die eingefahrenen Gewohnheiten verstört und wandelt. Auch Antons Sohn Thomas, der Polizist, muss sich verändern. Für ihn ist es befremdlich, dass sie plötzlich in seinem alten Kinderzimmer zwischen den gesammelten „Fünf Freunde“-Bände wohnt. Kathrin Heinrichs wagt in ihrem Krimi den Schritt in eine Lebenswirklichkeit, die allen vertraut ist. Sie macht jedoch Figuren zu Hauptpersonen, die man tatsächlich eher an den Rand schiebt: den Pflegebedürftigen und die polnische Hilfskraft. Beide werden allzugerne als Objekte betrachtet und nicht als Menschen mit eigenen Rechten und eigenem Anspruch auf Achtung gesehen.

Im Roman kommt Zofia mit ihrem Laptop und ihren Facebook-Kenntnissen in den vollkommen analogen Alltag Antons. So kombiniert Kathrin Heinrichs zwei Sichtweisen auf die Welt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Erkenntnisse, die dadurch möglich werden, sind berührend und verblüffend.

  • Aus dem Tagebuch: "Am Ende war es ganz leicht: Zofia stieg nicht nur aus dem Bus, sondern direkt in unser Herz. Von Anfang an stimmte die Chemie. Zofia sprach gut Deutsch und wir konnten uns über alles Mögliche unterhalten. Sie mochte das Landleben und kam mit meiner Mutter gut zurecht. Außerdem schätzte sie das Leben in unserer großen Familie: Sie hatte dort immer Ansprechpartner und fühlte sich wertgeschätzt. Mit unserer Unterstützung hat sie unsere Mutter bis zum Ende gepflegt."

Pflegekräfte kriegen viel mit. Das weiß auch der Mörder. Deshalb ist es gut, dass Zofia und Anton gemeinsam klüger sind als jeder für sich alleine. Kathrin Heinrichs spiegelt literarisch das sensible Gleichgewicht zwischen Pflegerin, Pflegeperson und Angehörigen. Damit gibt sie sowohl den „Alten“ ihre Würde zurück wie auch den Pflegerinnen. Anton ist mehr als ein Pflegefall und Zofia kann mehr als Betten beziehen. So gelingt es Kathrin Heinrichs, ein Thema der Zeitgeschichte auf neue Weise in der Gegenwartsliteratur zu etablieren. Der Erfolg spricht für sich. Die Autorin schreibt bereits am nächsten Buch über Zofia und Anton.

  • Aus dem Tagebuch: "Ich denke, wir haben viel Glück gehabt – und nebenbei eine gute Freundin gewonnen. Meine Familie ist mit Zofia, die inzwischen wieder in Polen lebt, noch immer eng verbunden. Aus Dankbarkeit habe ich ihr mein Buch gewidmet."

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