Mutmacher

Dem Rollstuhl zum Trotz: Wie Holger Schönenberg Pilot wird

 Schon als kleines Kind wollte Holger Schönenberg nur eins: Pilot werden. Dann wurde an seiner Wirbelsäule ein Tumor entdeckt, nach dessen Entfernung er im Rollstuhl sitzt. Doch der Lüdenscheider gab seinen Traum nicht auf und ist heute Pilot. Hier ist er am Flughafen in Düsseldorf zu sehen.

Schon als kleines Kind wollte Holger Schönenberg nur eins: Pilot werden. Dann wurde an seiner Wirbelsäule ein Tumor entdeckt, nach dessen Entfernung er im Rollstuhl sitzt. Doch der Lüdenscheider gab seinen Traum nicht auf und ist heute Pilot. Hier ist er am Flughafen in Düsseldorf zu sehen.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Lüdenscheid/Essen.  Mit 15 sitzt er im Rollstuhl. Querschnittslähmung. Holger Schönenbergs Traumberuf Pilot bleibt aber. Wie der Mann aus dem Sauerland das schafft.

Von der einen auf die andere Sekunde verändert sich alles. Holger Schönenberg, damals 15 Jahre alt, sitzt draußen im Park der Reha-Klinik im Weserbergland, in der er anderthalb Jahre verbringen muss. Er sitzt da in seinem Rollstuhl, auf den er seit kurzem angewiesen ist. Die Diagnose: Querschnittslähmung. Über sich hört er ein Flugzeug, eine Propellermaschine. Er schaut ihr nach, solange es geht. Aus dem Gefühl wird eine Frage. Eine, die er bis dahin nicht gewagt hatte, sich zu stellen: „Wer sagt eigentlich, dass ich nicht trotzdem Pilot werden kann?“

Holger Schönenberg erinnert sich an diesen Moment noch heute. Auch an den, wie es sich anfühlte, das erste Mal die Uniform anzuziehen. Manch anderes ist bereits verblasst. Der erste Flug mit Gästen? „Von München nach Malaga“, sagt der 44-Jährige eher fragend als Auskunft gebend. Wie kann er das nicht mehr wissen? Und der Moment, als er offiziell Pilot war? Wie war das? Irgendwann sei eben – völlig unspektakulär – die Lizenz im Briefkasten gewesen. Da hätte es gestanden: Verkehrspilot Holger Schönenberg. Aber dem Zauber dieses Moments kann er nicht mehr nachspüren. Eher den Blicken der Passagiere am Flughafen, wenn er Richtung Flugzeug rollte. „Ich habe die Aufmerksamkeit auch genossen“, sagt er. Seht her, ich habe das Unmögliche möglich gemacht.

Es beginnt mit Beinschmerzen und endet im Rollstuhl

Das Fliegen fasziniert ihn früh. Die Mama ist Thailänderin, die langen Reisen aus Lüdenscheid im Sauerland nach Asien begeistern Schönenberg. Vielleicht, ganz vielleicht konnte er Flugzeug noch vor Mama und Papa sagen. Sobald er 14 wäre, würde er mit dem Segelfliegen beginnen. Und dann immer weitermachen. Bis er irgendwann die großen Jets fliegen würde. So hatte er sich das immer ausgemalt.

Zunächst schmerzen die Beine nur ein wenig. Hauptsächlich waren sie schlapp und müde. Der zwölfjährige Holger schlurft bei den Spaziergängen mit der Familie. „Heb doch die Beine, Junge“, sagen die Eltern damals. Die Schmerzen werden drängender. Und die wachsende Gewissheit, dass etwas wirklich nicht stimmt. Zwei Jahre lang tingelt die Familie von Arzt zu Arzt Bis aus einer Vermutung Gewissheit wird: Tumor an der Wirbelsäule, gutartig, aber gefährlich gelegen.

Die OP ist Millimetersache. Jede zweite, sagen die Chirurgen in Dortmund, endet im Rollstuhl. Die erste geht gut. Aber Schönenberg muss ein halbes Jahr später erneut operiert werden. Die mathematische Vorhersage ist verheerend präzise. „Der Arzt kam zu mir, schlug am Fußende des Bettes die Decke um, machte etwas und fragte, ob ich das spüren könne“, erzählt Schönenberg von dem Moment, als er aus der Narkose aufwacht. Er spüre nichts, sagt er. „Den Blick des Arztes werde ich niemals vergessen.“

Er kämpft in der Reha verbissen um jedes bisschen

Warum er nicht mit seinem Schicksal hadert, weiß er selber nicht. Er sei eben ein von Grund auf positiver Mensch. Einer mit einem Rollstuhl. Na und? Er kämpft in der Reha verbissen um jedes bisschen. Heute hat er eine inkomplette Querschnittslähmung. Er spürt seine Beine nicht, aber er kann sie strecken und er kann sich hinstellen und an Handläufen entlang gehen. Kleine Schienen trägt er in den weißen Sneakern entlang der Ferse, damit die Fußgelenke stabil bleiben und ihn halten.

Schönenberg macht Abitur, erkundigt sich an unterschiedlichen Stellen, wie er Pilot werden könne. Menschen hinter Schreibtischen zitieren Paragrafen, schütteln den Kopf. Schönenberg fängt ein Medizinstudium in Münster an, interessiert sich aber hauptsächlich fürs Segeln auf dem Aasee. Ersatzdroge fürs Fliegen, „das gleiche aerodynamische Prinzip“, sagt er. Nicht Arzt, nicht Pilot, sondern Segeltrainer ist er plötzlich mit 33 Jahren.

Ein Segelschüler fragt ihn, ob er nicht im Marketing für einen Verlag in Hamburg arbeiten wolle, der auch Luftfahrtmagazine herausbringt. Schönenberg sagt zu, weil er sich seinem Traum wieder näher fühlen möchte. Er lernt Leute aus der Branche kennen, erfährt, dass die Bedingungen verändert wurden, dass er doch Pilot werden könnte. Er kündigt seinen sicheren Job in Hamburg und investiert Zeit und Geld in seinen Traum.

Er wird für den Hausmeister gehalten

Zehn Jahre jünger sind die anderen Flugschüler. Sie halten den Mann im Rollstuhl für den Hausmeister oder bestenfalls noch für einen vom Luftfahrtbundesamt, der den Theorie-Unterricht evaluiert. Dabei ist Schönenberg einer von denen, die die Prüfungen bestehen.

2015 hat er seine Lizenz.

„Ich kann die Verwunderung mancher Menschen verstehen“, sagt er: „Viele haben das Bild im Kopf, dass Piloten körperlich makellos sein müssen, am besten noch mit gesunden, weißen Zähnen.“ Schönenberg ist nicht riesig, aber groß genug, er hat eine Sehschwäche, aber nur eine leichte. Er sitzt im Rollstuhl, aber er kann das Flugzeug selbstständig besteigen, sich im Notfall selbst evakuieren und er kann vor allem die Seitenruder treten, auf die es ankommt, wenn das Flugzeug eine Kurve fliegen soll. Auto fährt er mit Handsteuerung, weil er das Bein zwar strecken kann, nicht aber den Fuß.

Eine deutsche Fluggesellschaft, die auf Privatflugreisen spezialisiert ist, stellt ihn 2017 ein. Anderthalb Jahre lebt er seinen Traum, fliegt wohlhabende Passagiere durch die Welt. Doch weil es bei dieser Art der Privatfliegerei üblich ist, dass sich die Crew auch um das Entladen des Gepäcks kümmert, blieben Aufträge für ihn aus. Andere Airlines hatten rechtliche Bedenken: Was wenn Herr Schönenberg die Treppe herabstürzt? Zahlt das eine Versicherung? „Wenn ich zehn Jahre jünger wäre“, sagt er, „dann hätte ich es vielleicht darauf angelegt.“ Darauf zu seinem Recht zu kommen. „Aber mit fast 45 und vergleichsweise wenigen Flugstunden Erfahrung…“

Heute gibt es Motivationsseminare

Heute fliegt er nur noch zu seinen eigenen Geschäftsterminen. Zusammen mit seinem besten Kumpel hat er sich selbstständig gemacht, er handelt mit flüssigen Gewürz-Extrakten und für eine Softwarefirma. Zudem hält er Motivationsvorträge. Einmal im Monat fliege er noch im Schnitt, sagt er, nicht mehr die großen Jets, aber Propellermaschinen. Eine wie jene, die damals in der Reha über ihn hinwegflog. „Ich“, sagt er, „bin zufrieden, wie es ist. Ich habe mein Ziel erreicht.“

>> HINTERGRUND: Segeltrainer

  • Bevor er Pilot wurde, war Holger Schönenberg Segeltrainer. Mit der paralympischen Mannschaft wurde er 2006 in Perth Vize-Weltmeister.
  • Seine Mannschaft holte zwei Jahre später olympisches Gold – allerdings ohne ihn. Er fehlte wegen einer Verletzung.
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