Digitalisierung der Gesellschaft

„Der 9- bis 17-Uhr-Job hält sich nicht“

Die Digitalisierung der Gesellschaft birgt durchaus Gefahren.

Foto: MarijaRadovic

Die Digitalisierung der Gesellschaft birgt durchaus Gefahren. Foto: MarijaRadovic

Witten/Herdecke.   Die Digitalisierung bringt viele Chancen mit sich, birgt aber auch Gefahren. Im Gespräch mit dem Kommunikationswissenschaftler Marcus Klug.

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Der Kommunikationswissenschaftler Marcus Klug von der Universität Witten/Herdecke hat zusammen mit dem Philosophen und Selbstmanagement-Trainer Michael Lindner das Sachbuch „Morgen weiß ich mehr“ geschrieben, das die Leser dazu anregen will, die Chancen des digitalen Wandels zu nutzen und sich die neuen Freiheiten und Möglichkeiten zu Nutze zu machen. Und was ist mit den Gefahren, den neuen Unsicherheiten und den Ängsten vieler Arbeitnehmer? Dazu haben wir den Autor befragt.

Sehen Sie den Wandel nicht viel zu positiv? Die Vorteile kommen doch nur einer kleinen Minderheit zu Gute.

Marcus Klug: Zunächst war es sicherlich der IT-Sektor, in dem orts- und zeitunabhängige Arbeit möglich wurde. Doch inzwischen wird das Home Office in immer größeren Teilen der Arbeitswelt üblich. Und wenn Sie entscheiden können, wo und wann Sie arbeiten, ist das erstmal eine Chance.

Sie haben da ja schöne Beispiele im Buch: Den Finanzanalysten, der für seine Cousine ein Mathematikvideo auf Youtube stellte und heute mit seiner Khan-Academy zwei Millionen Menschen erreicht oder die digitale Nomadin, die als Reisebloggerin um die Welt reist. Aber sind das nicht die Ausnahmen von der Regel?

Es gibt sehr interessante Geschäftsmodelle, gerade im Online-Training. Natürlich muss man erst klären, ob es finanziell trägt, aber auch dazu gibt es Hilfe im Netz. Und wer 20 000 oder 30 000 Euro Umsatz im Jahr macht, hat schon einmal eine Basis. Wir haben auch mit einem Anbieter von Podcasts zum Thema Führung aus Aachen gesprochen. Der hat eine Nische gefunden und kann gut davon leben, ohne durch ganz Deutschland reisen zu müssen, um Vorträge zu halten.

Vielleicht will ich ja gar kein Unternehmer werden...

Sie haben aber die Möglichkeit. Was früher nur Konzerne konnten, kann heute jeder Einzelne: eine neue Geschäftsidee verwirklichen. Und digitale Werkzeuge, die früher viel zu teuer für einzelne Personen gewesen sind, sind heute für wenig Geld zu haben, etwa Marketingwerkzeuge, die zur Automatisierung beitragen, gibt es schon im Abo für 19 Dollar im Monat.

Ist das alles nicht ein Trick, um aus Angestellten in sicheren Jobs schlecht bezahlte Scheinselbstständige zu machen?

Bereits 500 000 Menschen in Deutschland sind neben ihrem festen Job selbstständig. Sie probieren schon einmal aus, ob es funktioniert. Aber Veränderungen werden auf alle zukommen. Der 9- bis 17-Uhr-Job wird sich nicht halten. Und Menschen, die nicht bereit sind, sich Gedanken zu machen und ihre Kompetenzen zu erweitern, könnten auf der Strecke bleiben. Die Sicherheiten von früher werden verschwinden, das geschieht bereits.

Genau. Wir reden über Massenarbeitslosigkeit durch die Digitalisierung.

Das will ich gar nicht abstreiten. Ich halte es für erschreckend, dass die politischen Parteien die dramatischen Veränderungen der Arbeitswelt so gut gar nicht auf der Agenda haben. In dem Zusammenhang muss man auch das bedingungslose Grundeinkommen ins Auge fassen – allein, damit die Leute nicht auf die Barrikaden gehen.

Bestätigen Sie damit jetzt nicht, dass alle Ängste berechtigt sind?

Ich bin ja nicht naiv. Ich sehe Fallstricke und Gefahren. Natürlich gibt es Unternehmen, die Verantwortung delegieren und den Profit maximieren. Aber wir haben auch Gegenbeispiele gefunden, etwa eine Hamburger Agentur, in der die 30 Mitarbeiter selbst über ihre Arbeitszeit und ihr Gehalt bestimmen.

Wie gesagt: Ausnahmen.

Risiken sollten uns nicht dazu verführen, alles schwarz zu malen. Wir wollen mit unserem Sachbuch Impulse dazu geben, wie Kopfarbeiter und Kreative im Übergang zum digitalen Zeitalter eigene Ideen entwickeln, ins Handeln kommen; unser Buch ist ein Appell an die Phantasie und Vorstellungskraft. Gerade im Lernbereich gibt es interessante digitale Werkzeuge, die eigene Initiativen ermöglichen. Alle, die mit dem Kopf und dem Computer arbeiten, wollen wir ermutigen, sich der neuen Freiheiten zu bedienen. Die Umwälzung kommt ja ohnehin. Und es gibt genügend Beispiele, die Hoffnung machen: Eine junge Frau in den USA hat unter dem Titel „No Pay MBA“ einen Studiengang designt, mit dem sich die astronomischen Studiengebühren vermeiden lassen.

Leiden nicht selbst die Profiteure der Digitalisierung unter dem Zwang, ständig online sein zu müssen?

Die permanente Ablenkung kann zu Konzentrationsproblemen führen. Deshalb ist es nicht nur wichtig, auf den digitalen Kanälen aktiv zu sein, sondern auch, sie zu verlassen. Vier Tage online, ein Tag offline – das wäre ein Modell. Achtsamkeit und Meditation helfen. Das wird auch in Unternehmen wichtiger.

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