Musikindustrie

Der älteste Hersteller von Klavierteilen sitzt im Sauerland

Eine Mitarbeiterin bei der Endkontrolle der produzierten Stimmwirbel der Firma Klinke in Neuenrade.

Foto: Ralf Rottmann

Eine Mitarbeiterin bei der Endkontrolle der produzierten Stimmwirbel der Firma Klinke in Neuenrade. Foto: Ralf Rottmann

Neuenrade.   Wenn internationale Pianisten in die Tasten greifen, klingt Präzisionsdrehtechnik aus Südwestfalen mit. Wir stellen die Klavier-Zulieferer vor

Wenn Lang Lang in New York auf den Tasten zaubert, klingt Präzisionsdrehtechnik aus dem Sauerland in seinem Flügel mit. Denn die Stimmwirbel, Agraffen und Klaviaturstellschrauben darin kommen aus Neuenrade. Die Firma Klinke ist nicht nur der älteste Hersteller von Klavierbestandteilen in Deutschland, sondern auch internationaler Marktführer. Die Kulturgeschichte des Klaviers ist eng mit der südwestfälischen Kunst der Metallverarbeitung verbunden.

Wir schreiben das Jahr 1847. Ein neues Instrument erobert die Wohnzimmer einer neuen sozialen Schicht. Es handelt sich um das Pianino, die aufrecht stehende Variante des großen Tafelklaviers, das nun seinen Siegeszug beginnt, weil es in die gute Stube passt. Ohne das Bürgertum wäre dieser beispiellose Erfolg nicht möglich. Denn 1847 setzt sich die Gesellschaft Europas nicht mehr nur aus Handwerkern, Arbeitern, Kaufleuten und Herren zusammen; ein neuer Stand strebt auf. Zu ihm zählen Kopfmenschen, Beamte, Intellektuelle. Die werden jetzt überall gebraucht, in den Kanzleien und Renteien der Adelshöfe, in den Kontoren der frisch gegründeten Fabriken, in den Verwaltungen der aufblühenden Städte, in den Schulen, die gebaut werden, seit Preußen die allgemeine Schulpflicht einführt. Das Bürgertum entwickelt eigene Moralvorstellungen und Bildungsideale. Hausmusik gehört unbedingt dazu. Und das Klavier wird zum Symbol für diese Werte.

Fünf Güterwaggons für England

Die Produktion explodiert. 1850 werden in Europa rund 33 000 Klaviere pro Jahr gefertigt, 1910 sind es bereits 215 000 Stück. Das Handwerk kann die Nachfrage nicht mehr bedienen, Klavierbauwerke müssen her, zum Beispiel 1794 Ibach in Schwelm und 1889 Roth & Junius in Hagen. Und die wiederum brauchen industrielle Zulieferer. Also gründet Friedrich Heutelbeck 1847 in Neuenrade eine Präzisionsmetallwarenfabrik. Sein Ururenkel Alexander Klinke führt heute den Betrieb in der fünften Generation. Immer noch stehen Klavierbestandteile auf der Produktpalette, auch wenn das Hauptgeschäft mit Präzisionsdrehteilen gemacht wird.

„Bis zum ersten Weltkrieg hat die Firma Klinke jede Woche fünf Güterwaggons mit Stimmwirbeln nach England geschickt“, beschreibt Alexander Klinke die goldene Ära des Pianofortes. Schließlich stecken in jedem Klavier 250 Stimmwirbel. Für soviel Fleiß steht sinnbildlich der einmilliardenste Stimmwirbel aus eigener Produktion. Den hat man aus Gold gedreht. „Stimmwirbel benötigen ein unglaublich feines Gewinde“, schildert der Firmenchef die technische Kunst, die musikalische Höhenflüge erst möglich macht. Auch Stimmwirbel für Zithern, Harfen und Cembali kommen aus Neuenrade, „da sind wir inzwischen die einzigen in Europa, die das produzieren.“

Das Jahr 1918 bringt die erste Krise für die Klavierindustrie mit sich. Die Firma Klinke – 1872 war Julius Klinke in die Fabrik seines Schwiegervaters eingetreten – überlebt, indem sie ihr Sortiment ausweitet. Heute werden in Neuenrade von 170 Mitarbeitern, „einer ganz hochqualifizierten Truppe, die meisten unserer Facharbeiter haben wir selber ausgebildet“, Drehteile für medizinische Instrumente und für die Automobilindustrie gefertigt. „Da gehören wir sicherlich zu den vielseitigsten Drehereien in Europa“, ist Alexander Klinke stolz auf das Erbe. „Wir machen wirklich hochpräzise technische Teile, das ist eine ganz andere Welt als das Klavier.“

Über Jahrhunderte gleich

In der Medizin und in der Autobranche herrscht ein rascher Wandel. Piloten und Plattenstifte hingegen bleiben, was sie sind. „Seit 170 Jahren machen wir die Teile unverändert. Die Produktion ist moderner geworden, aber das sind die einzigen industriellen Teile, die sich über die Jahrhunderte nicht verändert haben.“ Heute wird 10 Prozent der Gesamtproduktion bei Klinke in Pianos verbaut. „Das ist ein kleines, aber konstantes Geschäft, ein schönes Traditionsprodukt.“

80 000 Klaviere verlassen pro Jahr die chinesischen Fabriken. Millionen Kinder wollen zu kleinen Lang Langs werden. In Deutschland werden nur noch rund 5000 gebaut. Doch der chinesische Tastenboom nutzt der Firma Klinke wenig. Denn hochwertige Teile haben in diesen Billiginstrumenten keinen Platz. „Unsere Kunden sind in Europa und Nordamerika. Das Geschäft geht nur, weil wir die ganze Branche beliefern. Dadurch ist eine wirtschaftliche Fertigung möglich.“ 500 000 Stimmwirbel werden derzeit im Monat gefertigt.

Der Fluch der Branche

Klaviere halten lange, das ist ein Fluch der Branche. Aber dennoch müssen sie repariert werden, dann kommen sogenannte Reparaturwirbel zum Einsatz. „Das ist inzwischen auch ein interessanter Markt.“ Alexander Klinke ist überzeugt, dass die Konzentration in der Branche fortschreiten wird, dass weitere Traditionsklavierbauer aufgeben oder fusionieren. Denn das Klavier im Wohnzimmer hat für die breite Masse ausgedient. Die hört sich, wenn überhaupt, lieber Klaviermusik an. Doch eins ist sicher: Solange hochwertige Pianofortes gebaut werden, solange Pianisten auf den internationalen Konzertpodien gefeiert werden, solange wird die Firma Klinke in Neuenrade Sauerländer Qualität zuliefern. Die sechste Generation, wieder ein Julius Klinke, bereitet sich derzeit auf die Leitung vor.

Und wie steht es mit dem Chef selber? Entspannt er sich abends bei Mozarts „Alla Turca“ und testet dabei gleichzeitig seine eigenen Produkte? Alexander Klinke: „Kein Mensch in der Familie hat je Klavier gespielt. Es ist eine Schande.“

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