Richard Wagner

Der Fliegende Holländer geht am Theater Hagen baden

Szene aus dem Fliegenden Holländer in Hagen mit Rainer Zaun (Daland) und  Kejia Xiong (Steuermann, beide in der Mitte).

Foto: Klaus Lefebvre

Szene aus dem Fliegenden Holländer in Hagen mit Rainer Zaun (Daland) und Kejia Xiong (Steuermann, beide in der Mitte). Foto: Klaus Lefebvre

Hagen.  Mit 24 000 Litern Wasser flutet Hagen die Bühne für Wagners „Fliegenden Holländer“. Warum es dafür Buh-Rufe vom Publikum gibt, erfahren Sie hier

Im Meer lauert das Grauen. Untote Jungfrauen und phantastische Traummänner tauchen aus den Wellen auf. Das Theater Hagen nimmt den „Fliegenden Holländer“ jetzt beim Wort und kippt 24 000 Liter Wasser auf die Bühne. Die Regie-Schwestern Beverly und Rebecca Blankenship bedienen sich beim Horrorfilm, um Richard Wagners Oper flott zu machen. Trotz all der Fluten fehlt der Inszenierung jedoch der Tiefgang. Nach der Premiere feiert das Publikum entsprechend ein großartiges Ensemble und das raffinierte Dirigat von Mihhail Gerts mit Beifall im Stehen, während es für die Regie neben Bravos auch Buhrufe gibt.

Beispiellose Extremsituation

Die Schwestern Blankenship setzen ihre Mannschaft einer beispiellosen körperlichen Extremsituation aus, um die extremen Bedingungen zu spiegeln, unter denen Wagners Figuren existieren. Die Sänger tragen Gummistiefel und Neoprenanzüge bzw. -strümpfe unter ihren Kostümen, weil sie zweieinviertel Stunden lang im wadenhohen, kalten Wasser unterwegs sind; Holländer Joachim Goltz muss sogar mit klatschnassem Kopf singen. Die gesundheitlichen Risiken rechtfertigen in keiner Weise die Sensationshascherei eines solchen Konzeptes.

Die See ist eine Metapher für Alpträume, für die Angst vor dem Unerklärlichen und zugleich der Gegner, dem man auf dem Schiff und an Land mit knochenbrechender Arbeit eine Existenz am Rande des Verhungerns abringen muss. Die Blankenships schildern die Geschichte als periodisch wiederkehrende Gewaltorgie in einer isolierten Küstengemeinschaft, die von ihrer Gier, ihrer Armut und möglicherweise auch vom Genuss mit Mutterkorn verseuchten Getreides zu Massenpsychosen getrieben wird.

In der See hofft man nicht nur Schätze zu finden, hier gehen auch die Geister der Mädchen um, die früheren Ausbrüchen des kollektiven Holländer-Wahns bereits zum Opfer gefallen sind. Den ewigen Wanderer gibt es dabei allein in der Vorstellung der Gemeinde, er nährt sich als Phantasiegestalt aus jener explosiven Mischung von Gier und Furcht, aus der Pogrome entstehen. In der Wasserbühne von Peer Palmowski bauen sich mit reichlich Trockeneis-Einsatz und Lichtregie aufregende Bilder auf. Aber die laufen sich bald tot.

Denn dem riesigen Aufwand steht keine Fallhöhe hinsichtlich der Interpretation von Wagners komplexen Motiven entgegen. Die Charaktere werden nicht legitimiert, ja, regelrecht klein gemacht. Was hinter dem Interesse Wagners am Abgründigen steckt, das wird ignoriert: Die Erlösungsthematik und das Künstlerdrama, mit denen der Stoff so spannend aufgeladen ist, fallen Zombie-Klimbim zum Opfer. Was die Blankenships erzählen, ist am Anfang verblüffend, bleibt aber auf der Langstrecke erstaunlich eindimensional.

Großartiges Ensemble

Trotzdem lohnt sich die Inszenierung, denn die musikalische Seite funktioniert gut, angefangen bei den Chören, die in einer Mischung aus „Les Miserables“ und „Nacht der lebenden Toten“ die Handlung vorwärtstreiben. Rainer Zaun ist als Daland ein Leuteschinder mit einem Bassbariton, der mühelos zwischen beflissener Agilität und hinterlistiger Raffgier wechselt. Sopranistin Veronika Haller gibt mit der Senta ihr Wagner-Debüt und zeichnet diese Frau in ihren psychotischen Schüben, aber auch in ihrer mädchenhaften Unerfahrenheit mit viel Leuchtkraft. Mirko Roschkowski ist als Erik eine Idealbesetzung mit großem Tenor, der selbst in exponierten Lagen nie an Schmelz und Glanz einbüßt.

Und Joachim Goltz verkörpert die Widersprüchlichkeit und die Anziehungskraft des Holländers mit gefährlichen baritonalen Farben, mal gespenstisch fahl, dann wieder verführerisch lyrisch.

Mihhail Gerts liefert mit den hochmotivierten Hagener Philharmonikern musikalisch jene Vielschichtigkeit, die der Inszenierung fehlt. Schon die Ouvertüre fegt wie ein Geisterwind durch das Haus. Hagens scheidender erster Kapellmeister deutet die Partitur als rasend schnelles Nachtstück mit vielen fein gezeichneten Schattierungen. Der junge Este lässt das Orchester richtig krachen, aber der Klang bleibt trotzdem ganz transparent und dabei stets subtil unheimlich.

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik