Serie "Meerblick"

Der Krabbenfischer und sein Feind – der Wittling

Krabbenfischer Wolfgang Schülke und seine Tochter Yvonne Schülke-Appeldorn.

Krabbenfischer Wolfgang Schülke und seine Tochter Yvonne Schülke-Appeldorn.

Foto: Volkert Bandixen

Büsum.   Die Rückkehr des Wittlings hat die Fangmengen im Wattenmeer deutlich reduziert. In Büsum suchen nur noch 15 Kutter nach dem Nordseegold.

„Da hab ich Ihnen mal ein paar der Übeltäter mitgebracht“, ruft Wolfgang Schülke und wirft eine Hand voll kleiner Fische auf den Kai. Fünf, sechs Zentimeter groß. Junge Wittlinge. „Seit sie in riesigen Schwärmen auftauchen, fressen sie uns alles weg“, sagt der 69-jährige Krabbenfischer. 30, 40 Pfund bringt er pro Tour in den Hafen, früher war es das Zehnfache.

Die Konsequenz: Das Krabbenbrötchen wird zum Luxussnack. In Hamburg werden bereits 12 Euro für ein Rundstück mit 100 Gramm Nordseegold verlangt (und bezahlt), im Büsumer Hafen nimmt die Tochter des Käpt’ns, Yvonne Schülke-Appeldorn, für die 1-Liter-Dose mit 620 Gramm (ungepult, frisch vom Kutter) 9 Euro. „Das ist Rekord“, sagt sie. 2015 waren es noch vier Euro. „Aber die Kunden beschweren sich nicht“, sagt Schülke, „sie wissen ja Bescheid.“

Natürlicher Rhythmus gestört

Der Wittling also. 2016 tauchte er zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert wieder massenhaft auf. Bis 1990 gab es einen natürlichen Rhythmus, alle vier bis fünf Jahre gab es einen starken Jahrgang, dann nicht mehr. „Deshalb haben wir uns vergangenes Jahr gefreut, dass alles wieder im Lot war“, sagt Rainer Bocherding, Biologe bei der Schutzstation Wattenmeer.

Aber zwei Jahre hintereinander — ist das normal? „Eigentlich nicht“, meint Gerd Kraus, Leiter des Instituts für Seefischerei am Thünen-Institut in Hamburg. Aber es sei noch zu früh, um beurteilen zu können, ob es wirklich so komme: „Jetzt werden die Reste vom letzten Jahr gefischt. In den nächsten Wochen werden wir merken, wie es um den aktuelle Jahrgang steht.“ Ein Super-Krabbenjahr werde es wohl nicht, aber ein so schlechtes wie 2016 sei auch nicht garantiert. „Die Hauptfangsaison könnte sich noch entwickeln.“

"Reich wird man nicht"

Und wie kommt es zur Rückkehr des Wittlings? „Wie der Kabeljau war der Wittling, der ähnlich groß werden kann, dessen Fleisch aber nicht so fest ist und der in England und Frankreich viel gegessen wird, massiv überfischt“, erklärt Kraus. Davon hätten die Krabbenfischer viele Jahre lang profitiert. Und nun hätten sich dank der Fangquoten die Bestände erholt. Er mag das nicht bedauern.

Wolfgang Schülke schon. Finanziell kommt er noch über die Runden. „Reich wird man als Krabbenfischer sowieso nicht“, meint er. Aber die kleinen Mengen schlügen schon auf die Stimmung. Warum er trotzdem weitermacht? „Draußen hab ich meine Freiheit.“ Seit 30 Jahren, erst nebenbei, seit der Rente in Vollzeit, sucht er in den Löchern und Prielen des Wattenmeers, dort wo immer Wasser steht, nach Garnelen. Vor 18 Jahren hat er seinen Kutter gekauft, die „Yvonne“. „Die kauft mir doch keiner mehr ab“, sagt der Käpt’n. 15 Kutter fahren heute noch von Büsum raus, „früher waren es 60 bis 80“, erinnert sich Schülke.

Technik wurde in Büsum entwickelt

Und warum sind die Büsumer Krabben so berühmt? Schmecken sie anders? Darum geht es nicht: „Hier an der Westküste Schleswig-Holsteins wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Technik entwickelt“, erklärt Schülke, „die Siebmaschine, die Trommel, die Verarbeitungsstraße, an der ein Mann alleine arbeiten kann, ohne viel heben zu müssen“.

Auch auf der „Yvonne“ werden die Krabben sofort gekocht. Das Pulen übernimmt die Kundschaft. Bei den größeren Schiffen, die mehrere Tage auf See sind und an holländische Großhändler verkaufen, werden die Tiere dazu nach Marokko gefahren. „Polen ist zu teuer geworden“, sagt Schülke.

Und dann ist gut mit Reden: „Ich hab jetzt Feierabend.“ 12.30 Uhr mittags. Ein Bier zischt. Und morgen um 4.30 geht es wieder raus. Wie jeden Tag. Bis Weihnachten.

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