Gärten

Deswegen sorgt die Gartengestaltung für Ärger

Der grüne Garten ist nicht mehr unbedingt die erste Wahl bei der Gestaltung. Auch Kieswüsten erfreuen sich bester Beliebtheit und polarisieren zugleich.

Der grüne Garten ist nicht mehr unbedingt die erste Wahl bei der Gestaltung. Auch Kieswüsten erfreuen sich bester Beliebtheit und polarisieren zugleich.

Foto: Getty Images

Hagen.   Grüne Natur im Garten ist nicht mehr die erste Wahl. Gartenexperten aus Südwestfalen erklären die Vorlieben, die für manche Tristesse ausdrücken.

Der Vorgarten wird oft als Zivilisationsprojekt des kleinen Mannes bezeichnet. Wer seine Hortensien hegt, der zähmt Natur, die ihm am Herzen liegt. Wie aber interpretieren Gartenexperten in Südwestfalen den Trend zur Stein gewordenen Visitenkarte vor dem Haus? Die funktionalen und designten Steingärten, das hat eine kleine Umfrage dieser Zeitung ergeben, sorgen zunehmend für Unmut bei Freunden blühend gestalteter Flächen. Vor allem bei Nachbarn, die ohne Ankündigung auf fein säuberlich nebeneinander und farblich untergliederte Kieselsteine blicken müssen. In Neubaugebieten verdrängen Kies und Schotter bereits in ganzen Straßenzügen Pflanzen in den Vorgärten.

Befürworter und Gegner von Steingärten stehen sich oft unversöhnlich gegenüber. Die einen preisen die „gewonnene Freizeit“, die anderen schimpfen über „Tristesse und Lebensfeindlichkeit“.

Im mediterranen Stil

Denise Hünninghaus aus Bad Laasphe versteht die „ganze Aufregung“ nicht: „Steingärten gehört die Zukunft“, sagt die 29-Jährige. Sie sei berufstätig und habe keine Zeit, sich um die Pflege ihres Vorgartens zu kümmern. Ihren Schwiegereltern hat sie mittlerweile verziehen, dass sie während ihres Montenegro-Urlaubes mit einer halben Tonne Steine ihren Vorgarten in mediterranem Stil umgestaltet haben. „Vorher sah er schäbig aus. Viel Unkraut, ein Baumstumpf, viel Arbeit.“ Sie wohne naturnah mit Blick auf einen Wald. „Das reicht.“ Hätte sie allerdings mehr Zeit, würden die Steine einem Rosenbeet weichen.

Für den Heimatpfleger des Hochsauerlandkreises Hans-Jürgen Friedrichs passen „Steinwüsten“ nicht in die Dörfer der Region. „Man sieht sie aber immer öfter.“ Unter den Ortsheimatpflegern, so der Bestwiger, sei der Trend durchaus ein Thema, die Meinung eher einhellig: „Meist fehl am Platz.“ Aber es liege eben im Ermessen der Eigentümer. Manchmal, gesteht der 68-Jährige, ertappe er sich allerdings dabei, wie er den ein oder anderen Steingarten als „ästhetisch reizvoll“ empfinde.

Kies ist etwas für den Biergarten

„Ich kann damit wenig anfangen“, sagt Gerd Bönte, Garten- und Landschaftsbauer aus Herdecke. Er plädiert für eine naturnahe Gestaltung der Vorgärten. Der 65 Jährige geht sogar noch einen Schritt weiter: „Bisher konnten wir solche Aufträge umgehen.“ Monotonie könne er nicht fördern. „Kies unter den Füßen ist nur im Biergarten okay.“ Es sei ein Trugschluss, dass man mit Steingärten weniger Arbeit habe. Wenn das erste Laub vom Garten des Nachbarn zwischen der Schüttung verrotte, fänden Samen wieder Platz zum Keimen. „Dann wird es schwer, zwischen dem Schotter irgendetwas zu jäten.“ Helle Kieselsteine sähen mit den Jahren schmutzig aus.

Steingärten, so Bönte, seien eine Modeerscheinung. „Allerdings eine, die lang andauern wird.“ Zwar liege Schönheit im Auge des Betrachters, aber fünf Schattierungen in Grau zeugten nicht von Lebensfreude.

Appell an die Politik

Für Werner Schubert (60), Leiter der Biologischen Station Hochsauerlandkreis, ist es schade, dass die ökologischen Trittsteine für vielfältige Pflanzenarten, Insekten und Vögel auf dem Rückzug sind. Die naturferne Gestaltung werde zum Problem: „Alle regen sich über den Rückgang der Insekten, der Bienen und Singvögel durch den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft auf, gleichzeitig wird das grüne Stückchen Erde vor der Haustür systematisch zerstört. Das ist paradox.“

Unter lebensfeindlichen Steinteppichen legten Besitzer oft noch Kunststofffolie, um „das letzte bisschen Leben zu vernichten“. Er bezeichnet „Steinwüsten“ als „seelenlos“. Sie stünden für einen Mentalitätsumschwung bei Hausbesitzern: „Fast-Food-Gärten – heute kaufen, morgen fertig und sich dann um nichts kümmern.“

Michael Düben vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) Siegen-Wittgenstein nennt Zahlen: „80 Hektar Grünfläche verschwinden pro Tag in Deutschland – und der Anteil der Hausbesitzer nimmt zu.“ Der Lebensraum für Rotkehlchen und Co. werde kleiner. Der NABU schlage seit Jahren Alarm. Der Bad Berleburger wünscht sich, dass die Politik in Städten und Gemeinden, wo es möglich ist, stärker mit Vorgaben eingreift, damit Weißdornhecken und Margeriten wieder eine Chance haben.

>>> Männer lieben es pflegeleicht<<<

15 Prozent der deutschen Vorgärten sind laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) größtenteils mit Kies und Schotter bedeckt. Tendenz steigend.

80 Prozent aller befragten Steingartenbesitzer gaben als Hauptmotiv für ihre versiegelte Fläche vor der Haustür Pflegeleichtigkeit an. Darunter 88 Prozent der Männer.

6 Prozent: Nur so wenigen ­Steingartenbesitzern gefällt ein grüner Vorgarten nicht.

57 Prozent der befragten Frauen, die sich für einen Steinvorgarten entschieden haben, bezeichnen Schottergärten als zeitgemäß und modern.

11,25 Euro und mehr kostet laut baustoffe.de eine Tonne Betonkies (bis 32 Millimeter Durchmesser). Eine Tonne Donaukies (16 bis 32 Millimeter) 95 Euro.

53 Prozent betreiben Gartenarbeit als Hobby.

32 Vogelarten essen laut NABU die Früchte eines Weißdorns. Der heimische Wacholder ernährt 43 Vogelarten. Der als Hecke beliebte Chinesische Wacholder hingegen nur eine.

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