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Das Kreuz um den Hals, das Kreuz bei der Union

Christen wählen CDU – so halten es noch viele Menschen im Oldenburger Münsterland. Was macht die Modernisierung der Union mit ihren Stammwählern?

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Es ist fast alles, wie es immer war. Die Glocken läuten, die ersten Kirchgänger verlassen die St. Vitus-Kirche in Löningen – und können auf dem Marktplatz gar nicht an der CDU vorbei, die an diesem Sonntag den Beginn ihres Bundestagswahlkampfs feiert. Neben der Kirche hat die Union einen Bierpilz aufgestellt, für die Kinder eine Hüpfburg, es riecht nach Bratwurst und Freibier. Die Hasetal Evergreen Combo spielt „Gute Laune Musik“.

Mitten zwischen den über hundert Leuten steht Silvia Breher, „Datt is die Neue“, sagt ein älterer Herr, der gerade aus der Kirche gekommen ist und etwas skeptisch auf die Frau mit der wasserstoffblonden, modernen Kurzhaarfrisur blickt. Die 44-Jährige wird am 24. September für die CDU erstmals in den Bundestag einziehen. Das steht heute schon fest, obwohl die Wahl noch gar nicht stattgefunden hat. Denn Silvia Breher kandidiert in dem Wahlkreis, in dem die CDU bei der letzten Bundestagswahl 2013 die meisten Zweitstimmen geholt hat: 63,2 Prozent. Der Rekord stammt aus dem Jahr 1961 als die Union hier 81,9 Prozent erhielt. „Ich will 60+ holen“, sagt Breher - obwohl sie schon in der Partei gehört habe, dass man ihr 70+ zutraue.

Das Oldenburger Münsterland, aus dem sie stammt, gilt als ländlich, konservativ und sehr katholisch. Seit Jahrzehnten ein besonderer Nährboden für die Union – und nun das: Eine junge Frau mit Tattoo am Handgelenk, die von sich selbst sagt, dass sie den Landwirten auf Parteiveranstaltungen auch schon mal erkläre, dass sich die Union erneuern müsse. In der Partei sei sie angesprochen worden, wie sie denn als Frau kandidieren könne, sie habe doch drei Kinder. Und außerdem arbeite sie doch Vollzeit. Breher lacht darüber. Für sie ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein „Riesenthema“ - und auch sonst gibt sie sich modern: Sie sei für die Ehe für alle, sagt sie, aber das solle man lieber nicht schreiben. Ihr Vorgänger hatte im Bundestag jüngst noch gegen die Homo-Ehe votiert.

Wahlergebnisse in der Hochburg lassen nach

So verändert sich die Union in ihrer Hochburg, in der die Wahlergebnisse nachlassen. Bei den Kommunalwahlen 2015 lag die Union schon unter 60 Prozent und verlor dort bis zu zehn Prozent ihrer Wählerstimmen - so viel wie keine andere Partei. Wird die Modernisierung der Union in einer Region wie dem Oldenburger Münsterland zum Problem für die Partei? Wird es hier kritisch gesehen, wenn sich die CDU weiter von ihren klassischen christlichen Werten entfernt? Verlassen deswegen auch alte konservative Mitglieder die CDU?

„Nein“, sagt Silvia Breher.

„Irgendwann schon“, meint Rüdiger Lessel.

Der 42-Jährige sitzt in einem Biergarten in Vechta und trinkt ein großes Pale Ale. Der Deutsch- und Geschichtslehrer ist in der Erwachsenenbildung tätig und nebenbei Fraktionsvorsitzender der AfD in Vechta. Er sei nach fast zehnjähriger Mitgliedschaft in CDU und Junger Union gegangen, weil ihm die Partei nicht national-konservativ genug sei. „Die Leute ballen die Faust in der Tasche, weil die Merkel die CDU von innen ausgehöhlt hat.“ Für Lessel ist klar, dass die Union irgendwann zerbricht - aber auch, dass „der letzte in der Union die Tür hier in Cloppenburg und Vechta zuschlagen wird“.

AfD profitiert kaum von den Verlusten der CDU

Denn dass enttäuschte CDU-Anhänger zur AfD wechseln, weil die Union ihnen nicht mehr katholisch oder gar christlich genug ist, kann Lessel nicht bestätigen. „Aber viele wählen die CDU nicht mehr, weil sie sich immer weiter von ihren Werten entfernt: für die einen war der Grund für ihren Ausstieg die Finanzkrise, für die nächsten die Flüchtlingswelle, für die nächsten die Homo-Ehe“, sagt Lessel. Allerdings könne die AfD davon nur zum Teil profitieren. „Es ist leichter für uns, in rote Hochburgen einzubrechen.“ Normalerweise sei es ein Vorteil für die AfD, wenn in einer Region der Begriff Heimat etwas zähle. „Hier hilft uns das nicht, weil die Heimatvereine alle mit der CDU verwoben sind“, sagt der Katholik und nimmt noch einen Schluck Bier. „Hier sind viele in der CDU, weil sie glauben, dass die immer so stark bleibt, und dass das ihrer Karriere nützen kann. Und sie glauben, dass sie nur über die CDU etwas ändern können – auch wenn die Leute im Kern gar keine Christdemokraten sind.“

Einer, der immer noch im Kern Christdemokrat ist, ist Werner Münch. In den frühen 90er Jahren war er ein paar Jahre lang Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, hat aber 32 Jahre im Oldenburger Münsterland gelebt. „Ich bin letztlich nach 37 Jahren aus der CDU ausgetreten, weil sie in einer Pressekonferenz Papst Benedikt XVI. gedemütigt hat.“ Sie – das ist die Protestantin Angela Merkel. Münch ist jetzt seit acht Jahren parteilos. „Es gibt viele wie mich, die keine politische Heimat mehr haben.“ Mittlerweile ist Münch Mitglied im Forum deutscher Katholiken - einer erz-konservativen Laienorganisation. „Die Profillosigkeit der Union hat weiter zugenommen“, sagt der 66-Jährige. Immer wieder bekomme er Anrufe oder E-Mails, in denen sich Menschen, an ihn wenden, und fragen: „Was soll ich armer, verlassener, christlicher Konservativer nun machen?“ Münch schnauft dann einmal durch und antwortet: „Nimm’ von den schlechtesten die beste Lösung und gehe wählen.“

Auch das ist vielleicht ein Grund, warum die CDU im Oldenburger Münsterland noch stabiler ist als anderswo. Die Menschen halten an ihr fest, weil sie glauben, keine Wahl zu haben.

Katholisches Millieu wehrte sich beharrlich gegen Modernisierung

Die Region gilt in der historischen Forschung als Paradebeispiel eines katholischen Milieus. Zwei Drittel der Bevölkerung in den Kreisen Cloppenburg und Vechta sind katholisch, mitten im stark protestantisch geprägten Niedersachsen. Spätestens seit 1848 bildete sich im Oldenburger Münsterland eine spezifische Gemeinschaft heraus, die die Kirche weltanschaulich und bisweilen auch politisch auflud. Jüngst haben sich drei Autoren des Instituts für Demokratieforschung der Universität Göttingen mit der Region beschäftigt: „Vom sukzessiven Wandel zur Industriegesellschaft über die Urbanisierung bis zur Demokratisierung und gesellschaftlichen Pluralisierung der Weimarer Republik: Gegen all diese als feindlich und zersetzend wahrgenommenen Momente gesellschaftlichen Wandels wehrte sich das katholische Milieu beharrlich.

Je umfassender die Umbrüche in die ländlichen Kreise hineinwirkten, desto fester rückten diese zusammen, zogen sich in das dichte Gewebe aus katholischen Vereinsstrukturen, Netzwerken, gemeinsamen Erzählungen, Gottesdiensten und Glaubensbekenntnissen zurück und geboten so den Auswüchsen der Moderne Einhalt“, schreiben die Wissenschaftler. Das katholische Gemeinwesen überdauerte den Nationalsozialismus. „In der CDU fand das Milieu, das in der Weimarer Republik ungeachtet aller Vorbehalte gegen die Demokratie noch geschlossen das Zentrum gewählt hatte, eine neue politische Heimat.“ In einem spezifischen Geflecht aus Vereinen und Verbänden überlebte die katholische Lebenswelt besser als anderswo in der Republik.

Wie, das zeigt sich in Löningen beim Wahlkampfauftakt der CDU. „Ich bin auch bei den Kolpingbrüdern organisiert“, sagt der ältere Mann, der gerade aus der Kirche gekommen und nun zum CDU-Stand gegangen ist. Er ist enttäuscht, dass nicht mehr Menschen gekommen sind. „Früher hatten wir hier zwei Messen an einem Sonntag“, sagt seine Frau. „Schon sechs Kilometer von hier, da ist die Mehrheit protestantisch. Und irgendwie sind die Menschen da auch anders“, sagt ihr Mann. Wie anders? Seine Frau sagt: „Manche nennen uns stur.“ Ihr Mann sagt: „Ich nenne das prinzipientreu.“

Die Leute halten zusammen, wenn es drauf ankommt

Solche Leute mag Franz-Josef Holzenkamp, denn sie stützen das Milieu, erhalten und bestätigen es in sich. „Die Leute haben es schon immer so gemacht: Sie halten zusammen, wenn es darauf ankommt“, sagt der Vorgänger von Silvia Breher als Bundestagsabgeordneter. Er hat keine Angst vor Körperkontakt mit seinen Wählern. Aus gesundheitlichen Gründen tritt er nicht mehr an, aber an diesem Tag strotzt er nur so vor Kraft „Die Kirche ist ein großer Kitt der Gesellschaft“, sagt der 57-Jährige. Man sei hier als Union nah an den Menschen. Das muss der Landtagsabgeordnete Stephan Siemer gleich bestätigen. Gerade auf dem Land, habe das Vereinswesen noch eine große Bedeutung. Aber die Union profitiere auch von der Heimatverbundenheit der Leute. Die Arbeitslosenquote sei niedrig, die Verdienstmöglichkeiten gut. Routiniert rattert Siemer herunter, dass in seinem Wahlkreis 80 Prozent der Menschen Wohnungseigentümer seien.

Selbst wenn die jungen Leute die Region wegen der Ausbildung oder des Studiums verließen, viele kämen wie er selbst zurück wenn sie eine Familie gründen wollen. Die höchste Geburtenrate der Republik mache die Region zu einer der jüngsten Deutschlands. Und weil für das Wort Heimat in Cloppenburg und Vechta eben auch die CDU steht, die für die vielen neuen und erschwinglichen Bauplätze sorgt, profitiert die Partei auch davon. Und viele Menschen haben hier einen Job in der Landwirtschaft oder der Tierveredelung bis hin zur Vermarktung von Fleisch. Das ist nicht überall im Rest der Republik gut angesehen. Aber dass sie sich abgrenzen von anderen und ihr eigenes Selbstbewusstsein ausbilden – das kennen sie hier schon.

CDU ist überall präsent

Dafür steht auch die Union, die überall präsent ist. 45 Wochenenden seien bei ihm für Besuch auf Festen oder Parteiveranstaltungen ausgebucht, sagt Siemer. Sein Kreisverband bringe es auf 15 Veranstaltungen pro Jahr, der SPD-Unterbezirk schaffe vielleicht eine in sechs Jahren. Gerade die Debatte um die Nachfolge für den Bundestagkandidaten habe die CDU in Cloppenburg und Vechta enorm mobilisiert. Vier Kandidaten standen zur Auswahl, durchgesetzt hat sich die einzige Frau. Silvia Breher. „Daran erkennen Sie schon, dass wir gar nicht so konservativ sind, wie alle immer glauben.“

Die Unterstützung der Jungen Union ist der Kandidatin sicher. Ein paar Aktive stehen beim Wahlkampfauftakt auf dem Marktplatz am Bierpilz, trinken Cola und Radler. Warum die CDU so erfolgreich ist? Ein junger Mann mit schicker Brille zuckt die Schultern und sagt dann: „Die sind doch eigentlich überall. Und hier auf dem Land haben wir viele Vereine und Verbände, das hat sich hier mehr gehalten als anderswo. Und ich kenne keinen Jugendlichen, der nicht mindestens in drei Vereinen ist – egal ob Schützen-, Sport- oder Heimatverein.“ Die seien nicht mehr katholisch geprägt so wie früher, aber dort treffe man eben entscheidende Leute. „In den Vereinen ist auch immer einer von der CDU. Und wenn Du ein Problem hast, dann weiß der, wie man es lösen kann – oder zumindest kennt er einen, der Dir weiterhelfen kann.“

In den Vereinen laufen die Fäden zusammen

Silvia Breher will genau das sein. Dass sie gut vernetzt ist, sei vielleicht ein Grund dafür gewesen, dass sie von ihrer Partei aufgestellt worden ist. Es ist ein klassisches Strickmuster: In den Vereinen laufen viele Fäden zusammen, überkreuzen sich und stärken so die Bande der Menschen untereinander. Breher ist ein Kind der Verbände und Vereine, sie entstammt dem Milieu, modernisiert es aber weiter. Seit neun Jahren ist sie Vorsitzende des Kreisreiterverbandes, arbeitet als Geschäftsführerin beim Landvolk. Und in der CDU sei sie „eigentlich schon immer“ gewesen, „schon mein Opa war CDU-affin“. Und natürlich ist sie katholisch. Sie gehe auch in die Kirche, wenn sie nicht gerade wie heute die Zeit lieber mit ihren Kindern verbringe, weil die die Mama bald nicht mehr so häufig zu Gesicht bekämen, wenn die erst Abgeordnete im fernen Berlin ist. Breher zeigt ihr goldenes Kreuz, das sie um den Hals trägt. Jemand aus der Partei habe ihr beim Shooting der Fotos für die Wahlplakate geraten, es doch abzulegen. Das komme besser rüber. Breher hat sich geweigert.

Der Autor ist Redakteur beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag.

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