Sicherheit

Deutschland nach dem Terror: Die große Unsicherheit

Eine Schneise der Verwüstung - der Breitscheidplatz in Berlin nach dem Terroranschlag vom 19. Dezember 2016.

Eine Schneise der Verwüstung - der Breitscheidplatz in Berlin nach dem Terroranschlag vom 19. Dezember 2016.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Berlin/Hamburg.  Wie kann die Bundesregierung Deutschland sicherer machen? Ein Augenzeuge eines Terroranschlags und der Leiter der Hamburger Davidwache erzählen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Es ist der 19. Dezember 2016, 20.02 Uhr, als der IS-Terror Deutschland erreicht. Ein Lkw rast durch die Menschenmenge des Weihnachtsmarkts am Berliner Breitscheidplatz. 12 Menschen sterben, 60 werden verletzt. Ein Augenzeuge des Anschlags und der Leiter eines der gefährlichsten Polizeireviere Deutschlands sagen, wie die neue Bundesregierung Deutschland sicherer machen sollte.

Ein halbes Jahr nach dem Terroranschlag ist Axel Kaiser wieder am Breitscheidplatz und erinnert sich, was er wenige Meter von seinem Weihnachtsmarktstand entfernt erlebt hat: "Da war dieses seltsame Geräusch. Ich dachte erst, es wäre eine Gasflasche explodiert."

Er schenkte gerade Glühwein aus, als der islamistische Attentäter Anis Amri in einem Sattelschlepper mit 25 Tonnen geladenem Stahl etwa fünf Meter vis à vis in eine Glühweinbude kracht: "Der Lkw ist auf meinen und auf den Stand des Kollegen, Max Müller, zugefahren. Dann hat er aus irgendeinem Grund das Lenkrad rumgerissen und ist wieder auf die Straße gefahren", beschreibt der Budenbesitzer und zeigt auf die Betonpoller, die nach dem Anschlag aufgestellt wurden. Einer davon steht schräg versetzt: "An dieser Stelle fuhr der Terrorist wieder auf die Budapester Straße", erläutert Kaiser.

"Ich hörte sie rufen, dann haben wir geholfen"

Nur einen Steinwurf entfernt von Grablichtern, Plakaten, Bildern und Blumen, dem heutigen Gedenkort für die Opfer am Eingang der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, hatte Kaiser seine Bude. Mit seiner "Weihnachtsmarktterrasse" hatte er als einziger Stand auf dem Breitscheidplatz die Treppen vor der Gedächtniskirche überbaut.

Von dort blickt er nach links, also in die Richtung, wo der Lkw durch die Besuchergasse raste. Heute weiß man, für die 70 Meter hat er nur vier Sekunden gebraucht: "Dabei ist er durch die Hütte meiner Nachbarin Susanne gefahren. Sie selbst war an dem Tag Gott sei Dank nicht vor Ort, und ihre Mitarbeiterin hat das wie ein Wunder überlebt", erinnert sich Kaiser. "Ich hörte sie rufen, dann haben wir geholfen."

Aus Glühweinbude wird Sanitätszelt

Einige seiner acht Mitarbeiter zogen Verletzte unter dem Lkw weg, die 120 Gäste einer Betriebsweihnachtsfeier schickte er nach Hause und machte aus seiner Bude, in der er sonst Glühwein, Feuerzangenbowle und Kartoffelpuffer verkauft, ein Sanitätszelt. Schock-Patienten und Leichtverletzte wurden bei ihm versorgt. Kollegen, die einen Stand am Eingang des Weihnachtsmarkts haben, kümmerten sich um Schwerverletzte und Tote, die Opfer der Terrorfahrt in der Besuchergasse wurden.

Der Anschlag des Tunesiers im Namen des Islamischen Staats ist dennoch kein Anlass für ihn, um in AfD-Manier für ein rigoroses Vorgehen gegen Flüchtlinge und Muslime zu werben: "Die AfD ist überhaupt keine Alternative", betont der 61-Jährige. Natürlich komme bei ihm jetzt immer wieder dieses Gefühl hoch, mehr Sicherheit zu verlangen. Allerdings wolle er sich dafür auch nicht in seiner Freiheit beschneiden lassen. "Man muss sich zwischen diesen beiden Polen aber irgendwo in der Mitte treffen. So, wie es im Moment ist, kann es nicht weitergehen." Eine Videoüberwachung des Breitscheidplatzes ist für ihn etwa eines der Mittel, die zu einem besseren persönlichen Sicherheitsgefühl beitragen können.

"Nur ein paar Betonpoller können das Problem nicht lösen"

Kaiser glaubt, dass der Terrorakt die Bundestagswahl stark beeinflussen wird: "Das Thema Sicherheit wird eine große Rolle spielen. Viele Leute werden dort ihr Kreuzchen machen, wo sie sich am meisten verstanden und von Leuten vertreten fühlen, die das Problem am besten in den Griff bekommen. Die Politiker müssen das Geschäft mit der Sicherheit verstehen. Nur ein paar Betonpoller können das Problem sicherlich nicht lösen." Als ein Beispiel dafür führt er an, dass eine zwei Tonnen schwere Betonsperre, die eigentlich vor Lkw-Attacken schützen soll, durch den Aufprall bei einem Unfall am Breitscheidplatz im Juni sogar von einem Kleinwagen um 90 Grad gedreht wurde.

Der Mann mit der schwarz-weiß gepunkteten Fliege, kariertem Hemd und grauer Weste glaubt, dass der Terror bereits im Ursprungsland bekämpft werden müsste. Schlaue Leute mit einer guten Schulbildung begehen solche Taten seiner Auffassung nach nicht. Daher müsse ein Teil der Rüstungsausgaben für Schulen in Ländern ausgegeben werden, in denen der Islamische Staat seine Wurzeln hat. "Wir müssen mindestens das Doppelte für die Entwicklungshilfe ausgeben, um das Problem in diesen Ländern wirklich bei der Wurzel zu packen."

Besseres Sicherheitsgefühl durch mehr Sicherheitskräfte

Überzeugt zeigt er sich davon, dass man den Terroristen nicht das Gefühl geben dürfe, dass man hier in Deutschland Angst vor ihnen habe. "Wir können uns doch von solchen Idioten nicht vorschreiben lassen, auf welche Veranstaltung und auf welchen Weihnachtsmarkt wir gehen. Dann hätten die Terroristen ja ihr Ziel erreicht." Er selbst werde in diesem Jahr aber voraussichtlich nicht mehr nur freitags und samstags, sondern an jedem Tag des Weihnachtsmarkts mit einer Sicherheitskraft vor seine Bude arbeiten. "Vielleicht müssen wir alle damit leben, dass es für ein besseres Sicherheitsgefühl etwas länger dauert - künftig eben nicht nur in der Schlange am Flughafen, sondern auch in anderen Bereichen des Lebens. Die Leute werden sich daran gewöhnen."

Terrorgefahr auf der Reeperbahn

Wenn schon ein Weihnachtsmarkt in Berlin zum Anschlagsort wird, dann ist die Terrorgefahr auf der sündigsten Meile Deutschlands wohl mindestens genauso groß. Verantwortlich für die Reeperbahn und den insgesamt nur 0,9 Quadratkilometer großen Kiez ist der Revierleiter der Davidwache in St. Pauli, Ansgar Hagen. An einem Wochenende gehen bis zu 200 Strafanzeigen in der Wache ein und obwohl es das kleinste Revier Deutschlands ist, werden dort die meisten Straftaten Hamburgs begangen. Der Kiez liegt mit rund 1300 Einsätzen im Monat auf einem Spitzenplatz in Hamburg. 14.000 Einwohner leben hier, an den Wochenenden drängt sich aber ein Vielfaches an Party-Touristen durch das Viertel. Hagen blickt von seinem Büro im zweiten Stock direkt auf die Reeperbahn mit ihren unzähligen Sex-Shops und Tabledance-Bars.

Zwar wurde bereits vor dem Berliner Terroranschlag die Videoüberwachung der Reeperbahn wieder in Betrieb genommen. Allerdings kommt sie nur bei Schwerpunkteinsätzen sowie Freitag- und Samstagnacht zum Zuge. So auch an diesem Freitag Ende Juni, denn es sind Harley Days und die Biker haben sich die Reeperbahn als Treffpunkt erkoren. Das Geknatter der schweren Maschinen, das Kiez-Gänger an diesem Tag als "Sound von St. Pauli" beschreiben, ist auch in Hagens Büro nicht zu überhören. Betonpoller wie am Berliner Breitscheidplatz sind an der Reeperbahn bislang nicht vorgesehen. Hagen hält sie nicht für nötig. Er sagt: "Absolute Sicherheit kann es nicht geben. Da helfen auch die effektivsten Gesetze nicht."

Wie die Terrorgefahr minimiert werden kann

Es geht dem 49-Jährigen, der erst seit fünf Monaten Revierleiter der bekanntesten Wache Deutschlands ist, aber darum, "gemeinsam an einem Strang zu ziehen, um die Sicherheit zu erhöhen." Dabei sei nicht nur der Staat, sondern vor allem auch die Zivilgesellschaft gefragt. Um dieses Potenzial zu heben, will er das Bild der Polizei als Freund und Helfer wiederbeleben: "Der Bürger soll vertrauensvoll die Polizei rufen, wenn er etwas Auffälliges bemerkt. Wir bewerten das dann, was dazu beitragen kann, die Terrorgefahr zu verringern." Der Polizeioberrat betont: "Ein engeres Zusammenhalten zwischen Polizei und Bürgern ist wichtig, um Straftaten möglichst im Keim zu verhindern." Um dieses hehre Ziel zu erreichen, läuft er selbst als Revierleiter so oft wie möglich mit seinen Kollegen Streife, um auf der Straße den direkten Kontakt zum Bürger zu suchen und sein Revier mit allen Sinnen zu spüren.

Mehr Polizisten und Videoüberwachung gegen Terrorgefahr

Um eine größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten, ist für ihn auch eine deutlich sichtbare polizeiliche Präsenz und eine bessere Vernetzung mit anderen Partnern für innere Sicherheit von großer Bedeutung. Gesetzesvorhaben müssten weiter vorangebracht werden und er hofft, dass die Gesellschaft "den schwierigen Spagat zwischen größtmöglicher Sicherheit und gleichzeitig größtmöglicher Freiheit" schafft. Dabei denkt er besonders an Videoüberwachung, die er gerade an Brennpunkten für sinnvoll hält. Aus seiner Erfahrung habe sich Videoüberwachung in der Vergangenheit deutlich bei der Verfolgung von Straftaten bewährt. Allerdings betont er: "Mein Hauptwunsch wäre mehr Personal, um mit der Polizei noch präsenter auf der Straße zu sein."

Der Autor ist Redakteur bei der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Mehr zum Deutschland-Essay
Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben