Medizin

Schwerhöriger Arzt: Dr. Ebersbach zeigt, wie das gehen kann

Dr. René Ebersbach, Witten,

Dr. René Ebersbach, Witten,

Foto: WP

Witten/Herdecke.  Mit Herzrhythmusstörungen zum schwerhörigen Arzt – kann das gut gehen? Wie dem Herdecker Arzt Dr. René Ebersbach das gelingt, lesen Sie hier.

Mit Herzrhythmusstörungen zum schwerhörigen Arzt – kann das gut gehen? Ja, dafür ist der Herdecker Dr. René Ebersbach der lebende Beweis. Eine Zeit lang hatte der 40-Jährige, dessen Hörvermögen bei rund 50 Prozent liegt, überlegt, Hals-, Nasen-, Ohrenarzt zu werden. Er entschied sich anders und steht nun als Allgemeinmediziner für gelungene Inklusion im Berufsleben.

Wie können schwerbehinderte Menschen trotz ihres Handicaps ihren Beruf ausüben? Vor allem Ärzte? Wer kann helfen und welche Hilfsmittel gibt es? Der Fall von Dr. Ebersbach, der als Schwerhöriger seinen Arztberuf ausübt, zeigt wie Integration und Unterstützung aussehen können.

Dr. René Ebersbach ist in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin. In der Wittener Praxis von Dr. Daniel Moos ist er seit einem guten Jahr beschäftigt. Seit kurzem ist sein Berufsleben um einiges erleichtert worden. Der Mediziner nahm die Beratung des Integrationsfachdienstes in Hagen in Anspruch. Seither arbeitet er mit einem neuen, bislang einzigartigen Stethoskop für Hörgeschädigte, welches die Lungen-, Herz- und Darmgeräusche (Auskultation) beim Abhören des Patienten elektronisch verstärkt und zudem drahtlos an seine Hörsysteme weiterleiten kann. Aufwändige Technik, die für mehr Sicherheit in der medizinischen Befunderhebung sorgt.

Fühlt sich angenommen, so wie er ist

Außerdem erhielt er eine moderne, leistungsfähige „FM-Anlage“. Sie besteht in diesem Fall aus zwei flachen Tischmikrofonen, die die Aussagen der Patienten per Funk an einen Empfänger und ebenfalls drahtlos weiter an die Hörgeräte des Arztes senden. Ein viel direkteres und klareres Hören ist das Ergebnis.

„Es ist einfach wunderbar“, sagt er. „Ich empfinde so viel mehr Kraft und Zufriedenheit durch die bessere Hörsituation“, sagt der gebürtige Münchner, der in Herdecke mit seiner Familie ein Zuhause gefunden hat. Seine Behinderung spricht er in Patientengesprächen klar an, Probleme, sagt er, habe nie jemand gehabt. „Manche Patienten sagen so etwas wie ,Ah, gut, ich bin auch schwerhörig! Oder: ,Ja, ich sollte mir auch mal ein Hörgerät anschaffen.“ Ebersbach fühlt sich angenommen, so wie er ist.

Zuvor arbeitete er im Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke. Rückblickend durch eine herausfordernde Hörumgebung, wie sie für eine Klinik typisch ist, eine anstrengende Zeit. Aber auch eine, die ihn weiterbrachte. Dort traf er auf eine schwerhörige Pflegerin, die ihn ermunterte, die Höreinschränkung als Schwerbehinderung anerkennen zu lassen. Denn obwohl die Schwerhörigkeit bei ihm im Alter von vier Jahren diagnostiziert wurde und er seitdem Hörgeräte trägt, kämpfte sich Ebersbach ohne diese Anerkennung, und damit möglichen Hilfen, durch den Alltag. Er absolvierte sein Medizinstudium viel im Selbststudium, suchte stets den Platz in der ersten Reihe, um nah am Dozenten möglichst viel mitzubekommen.

Begleitende Hilfe durch das Inklusionsamt

„50 Prozent meiner Kraft habe ich im Krankenhaus fürs Hören gebraucht“, sagt er rückblickend auf seine Tätigkeit in der Klinik. Im OP werde oft leise gesprochen, zumal hinter Mundschutz, bei Visiten sei es für ihn nicht immer möglich gewesen, den Oberärzten von den Lippen zu lesen. Viele Stimmen, die durcheinander reden, und das ständig klingelnde Telefon erschweren den Höralltag zudem.

„Es ist wie ein Angeln nach Worten“, findet Sebastian Püttelkow fast schon poetische Worte für das Gefühl, das Schwerhörige in ihrem Alltag empfinden müssen. Der Mitarbeiter des Integrationsfachdienstes des Caritasverbandes Hagen begleitet Dr. Ebersbach in vielerlei Hinsicht. Er arbeitet im Auftrag des LWL-Inklusionsamtes im Rahmen der begleitenden Hilfe.

Er klärt mit Patienten Fragen zu Antragsverfahren und Kostenübernahmen. Seine Hauptaufgabe sieht er allerdings darin, „meine Klienten und deren Arbeitgeber über die Auswirkungen der Hörbehinderung zu informieren. Im Fall von Herrn Dr. Ebersbach war es so, dass dieser sich mit seiner Schwerhörigkeit sehr gut auskannte.“

Freie Begegnung mit dem Patienten

Püttelkow besuchte den Arzt in der Praxis, analysierte die Räume und erkannte, dass etwa das Wartezimmer – groß, hellhörig, mit hoher Decke – kein geeigneter Raum zum Hören für Ebersbach war. „Da habe ich mich nie gerne aufgehalten, weil es einfach nur zu laut war. Dass das der Grund war, war mir aber nicht bewusst“, sagt Ebersbach.

Als Schwerhöriger muss man erst mal lernen, solche Einflüsse zu erkennen. „Und wenn ich meine Kraft nicht hauptsächlich darauf verwenden muss, überhaupt etwas zu hören, dann bin ich freier für die Begegnung mit dem Patienten. Wenn ich mich wohlfühle beim Hören, dann kann ich auch denken“, sagt Ebersbach. Mit einem Umfang von 25 Prozent lehrt er zudem an der Universität Witten-Herdecke – und ist auch hier auf Hören angewiesen.

„Es ist maximal anstrengend, wenn man aus jedem Satz erst den Sinn herausfiltern muss, weil man nur die Hälfte versteht. Je mehr der Hörstress reduziert werden kann, um so mehr kognitive Fähigkeiten können genutzt werden“, lobt Püttelkow die Technik. Das eine aber, sagt er, macht sie nie: „Hörend wird niemand dadurch. Schwerhörigkeit bleibt ein Leben lang.“

Integrationsfachdienst Hagen/Ennepe-Ruhr. Informationen und Ansprechpartner: www.ifd-westfalen.de

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