Krieg

Die Bombardierung der Möhnetalsperre hatte tragische Folgen

Möhnesee.   In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 zerstörte die britische Luftwaffe die Möhnetalsperre. 1500 Menschen starben. Zwei Augenzeugen erzählen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die Augen müssen nicht lange suchen. Da liegt sie, leicht links, etwa 800 Meter Luftlinie entfernt. Sie hebt sich im satten Grün ab: die Möhnetalsperre.

Das ist sein Blick vom Schreibtisch aus. Karl-Heinz Wilmes schaut aus dem Fenster des Arbeitszimmers im ersten Stock seines Hauses im Ortsteil Günne. 1954 hat er es gebaut. „Früher war da nichts.“ Seine rechte Hand zeigt auf die Häuser, die tiefer liegen.

Der 79-Jährige holt tief Luft: „Da könnte ich nicht wohnen, geschweige denn schlafen. Bis heute nicht. Nie hätte ich im Tal ein Haus gekauft oder gebaut.“

Den gelernten Maschinenbautechniker lässt das Drama von einst, die Bombardierung der Möhnetalsperre in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943, nicht los. „Das geht nicht. Die Bilder bleiben im Kopf.“

Piloten in der Kanzel erkannt

Er ist damals fast fünf Jahre alt, als weit nach Mitternacht Luftalarm ausgelöst wird. Wieder einmal. Der Lärm der Motoren der britischen Lancaster-Bomber und die Schüsse der Flak haben ihn geweckt.

„Ich habe mir den Trainingsanzug angezogen, und wir sind in den Keller gegangen“, erinnert sich der Rentner. „Und meine Oma hat den Rosenkranz gebetet. Das hat sie immer gemacht, wenn Luftalarm war. Ich habe gezittert. Das weiß ich noch. Die Angst war so unmittelbar, so spürbar..“ Durchs Kellerfenster verfolgt der Knirps den Krieg vor der Haustür. Was er gesehen hat?

„Die Flugzeuge sind im Tiefflug zwischen den Türmen über die Talsperre geflogen. Heute weiß man, sie waren in 18 Meter Höhe unterwegs“, sagt Wilmes. „Ich konnte einen Piloten der Maschine in seiner Kanzel erkennen. Das weiß ich wie heute. Auch waren ihre Lichtkegel gut zu sehen. So tief waren sie über Günne.“

Piloten benötigten sechs Versuche

Fünf Versuche unternehmen die Piloten der Royal Air Force, beim sechsten gelingt es, die Rollbombe vor der Sperrmauer zu platzieren. Um 0.49 Uhr explodiert sie im Wasser in etwa zehn Metern Tiefe. Die Operation „Chastise“ (Züchtigung) hat ihr Ziel erreicht.

Die Detonation reißt eine 76 Meter breite und 23 Meter hohe Lücke in die Mauer. In weniger als neun Stunden strömen mehr als 100 Millionen Kubikmeter Wasser aus der Talsperre ins Ruhrtal. Eine unvorstellbare Größenordnung. Ein Kubikmeter, das zur Einschätzung der Menge, sind 1000 Liter.

Ein Tosen, das Wilmes bis heute im Ohr hat. „Erst herrschte unheimliche Stille, dann dieses donnernde Rauschen“, sagt Wilmes. „Und meine Oma hatte Recht. Sie hat gesagt, jetzt haben sie die Möhne getroffen.“

Mit seinem Cousin Ferdi Vollmer steht er am Vorbecken, das mächtige Mauerwerk der Talsperre im Rücken. Die Männer zeigen auf das Foto mit dem Kraftwerk aus dem Jahr 1925. „Hier stand es“, sagt Vollmer, „nach der Bombardierung war nichts mehr da. Nichts.“

Sieben Meter hohe Flutwelle

Die bis zu sieben Meter hohe Flutwelle hat es dem Erdboden gleichgemacht. Nur Teile der Grundmauern ragen am Tag danach aus dem Boden. Die Wassermassen zerlegen Bauernhöfe, Sägewerk und Schützenhalle.

„Unsere Tante Franziska und ihr Sohn Heinz, unser Cousin, er war vier Jahre alt, zählen zu den Opfern“, sagt der pensionierte Postbeamte. Er schluckt, hält einen Moment inne. Die Erinnerungen kommen wieder hoch. „Ihre Leiche ist bei Hattingen gefunden worden. Von ihrem Sohn fehlt jede Spur. Bis heute.“

Ihr Ehemann und der Vater des Kleinen hält sich zu diesem Zeitpunkt an der Front in Russland auf, als er die Nachricht von der Auslöschung seiner Familie erhält. „Das sind furchtbare Schicksale gewesen.“ Beide Männer verstummen. Ihre Beschreibung der tragischen Nacht und deren Folgen gehören zu ihrem Leben.

Wilmes war von 1989 bis 2014 Ortsvorsteher in Günne. Privat arbeitet er die Ereignisse aus dem Zweiten Weltkrieg akribisch auf, besucht Archive, sichtet Bild- und Textmaterial, sei es in den USA, in Belgien oder Deutschland, an das er kommen kann.

Die schrecklichen Folgen des Angriffs

Technische Details der Rollbomben, die wie flache Steine über die Wasseroberfläche des Möhnesees getitscht sind, interessieren ihn nicht. „Die Entwicklungen der Rüstungsindustrie sind für mich zweitrangig, ich beschäftige mich mit den schrecklichen Folgen, mit dem, was sie angerichtet haben.“

Er öffnet den Ordner mit Bildern toter Zwangsarbeiterinnen, die zu Hunderten in der Flutwelle im Lager Möhnewiesen ums Leben gekommen sind. Eingesperrt. „Es waren junge Frauen, Mädchen, viele kaum älter als 16 , viele aus Russland und der Ukraine. Sie haben in der Rüstungsindustrie gearbeitet.“

Zwangsarbeiter mussten die Staumauer aufbauen

Zwangsarbeiter sind es auch, die unter Aufsicht der Nazis in Drei Schichten die Mauer in wenigen Monaten wieder aufbauen müssen. „Ohne Sicherung, ohne alles. Da sind viele von ihnen ums Leben gekommen. Wer die Fotos sieht, unter welchen Bedingungen sie arbeiten mussten, kann es nicht glauben.“

Das einschneidende Ereignis seiner Kindheit flammt bei Flugzeuggeräuschen besonders auf. Als vor fünf Jahren Sportflieger über das Wasser fliegen und Blumengestecke abwerfen, durchzuckt es ihn. Wilmes: „Bei mir hat sich in der Magengegend alles verkrampft.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Mehr zum Thema
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik