Musik

Neue Deutsche Welle: Die glorreiche Hagener Musikdekade

Neue Deutsche Welle: Die glorreiche Hagener Musikdekade

Der Musikszene der 70er und 80er Jahre widmet das Osthaus Museum die Ausstellung "Komm nach Hagen, ... mach dein Glück!". Direktor Tayfun Belgin und Extrabreit-Schlagzeuger Rolf Möller im Interview.

Beschreibung anzeigen

Hagen.   Eine Ausstellung im Osthaus Museum erinnert an Nena, die Humpes, Grobschnitt und Extrabreit und die anderen Vertreter der Neuen Deutschen Welle.

Ist das nicht doch ein wenig übertrieben? Hagen als das deutsche Liverpool, die Brutstätte der Neuen Deutschen Welle? „Natürlich ist das übertrieben, ein großer Rock’n’Roll Swindle“, sagt Heike Wahnbaeck. Damit zitiert die Kuratorin der Ausstellung „Komm nach Hagen, ... mach dein Glück!“, die am Freitagabend im Osthaus Museum eröffnet wird, ein Album der Sex Pistols von 1979. Und Extrabreit-Drummer Rolf Möller stößt ins gleiche Horn: „Der Hagen-Hype hing damit zusammen, dass keiner die Stadt kannte. Und das haben wir genutzt.“

Aber da war schon was. Sonst gäbe es die Ausstellung nicht. Und ein großes Buch dazu. Und viele Veranstaltungen drum herum. In Hagen hat etwas begonnen. „Fräulein Gabriele Kerner“ hat hier, wie in einer Vitrine zu sehen, ihren ersten Vertrag unterschrieben. Rainer Kitzmann von Nenas erster Band The Stripes sprach zum Personalchef der Wäscherei, in der er arbeitete, die Worte: „Ich kündige, ich werde jetzt Popstar.“

Hagen als Malocherstadt im Niedergang

Das war auf einmal eine Perspektive. „Hagen war eine Malocherstadt im Niedergang“, erinnert sich Möller. „Da gab es zwei Wege nach oben: Fußball oder Musik.“ Und für die Musik existierten Vorbilder: Grobschnitt war schon in den 70ern eine Legende des Krautrock, eine der beliebtesten Livebands in Deutschland, vor den meisten internationalen Größen.

Aber der Einfluss ging über das reine Vorbild hinaus. Fernuni-Soziologe Frank Hillebrandt hat die Frage untersucht: Warum gerade hier? Gefunden hat er keine eindeutige Antwort, aber ein Mosaik von Indizien: Es entwickelten sich die technischen Berufe, es entstanden Musikverlage, Studios, in Wehringhausen fand sich günstiger Wohnraum in alten Bürgerhäusern. Ende der 70-er entstand die Infrastruktur, in den 80-ern explodierte es. „Ohne Hagen wäre alles anders verlaufen“, ist Hillebrandt überzeugt, „aber die Hagener waren nicht die einzigen.“

Kreative wie Annette und Inga Humpe zogen nach Berlin

Und 1984 war alles schon wieder vorbei. Annette und Inga Humpe zogen Kreative nach Berlin nach, dann verebbte die ganze ND-Welle. Zu der Extrabreit eigentlich nie gehören wollte: „Wir verstanden uns als Rockband“, sagt Rolf Möller. „NDW ist ein Begriff der Plattenfirma“, ein Verkaufsetikett. Für die Improvisationskünstler von Grobschnitt war das ein Ausverkauf: „Neue Welle, neue Pelle, mit Verpackung macht man auf die Schnelle Moos“, ätzte Eroc bereits 1982 in „Hagener Wellenreiter“.

Das alles kann man sehen und lesen auf den thematisch geordneten Stellwänden mit kurzen Texten und vielen Fotos. Es gibt Instrumente und T-Shirts, Studiotechnik und Plattencover, Filme und Musik. 400 Exponate, große Linien und kleine Anekdoten. Ein Raum erinnert an die Kneipenszene der Zeit zwischen 1975 und 1985. In der Kronenburg hat auch Inga Humpe gekellnert. Und gefeiert: „Persiko war unsere Droge.“

Zu jedem Bild eine Geschichte

Und jetzt ist diese Zeit eben reif fürs Museum. Rolf Möller hatte anfangs Bedenken: „Sind wir etwa solche Dinosaurier? Wir leben ja noch.“ Aber dann hat er sich mehr und mehr mit der Idee angefreundet: „Ich könnte zu jedem Bild eine Geschichte erzählen. Und hätte noch Material für weitere Ausstellungen.“

Nun: Erstmal gibt es eine erste, zu der, so Wahnbaeck, auch Nena und Inga Humpe kommen wollen. Und Museumsdirektor Tayfun Belgin betont: „Die glorreiche Hagener Musikdekade wird erstmals wissenschaftlich aufgearbeitet.“ Die Fernuni widmet ihr Campusfest am Samstag der NDW und der Hagener Szene. Top-Act auf der Open-Air-Bühne: Extrabreit. Nostalgie? „Wir freuen uns auch über die nächste Generation“, sagt Möller. Und Belgin betont: „Man kann heute noch nach Hagen kommen und sein Glück machen.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben